Danke Papa

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Vor ein paar Tagen hatte ich einen Traum von meinem verstorbenen Vater. Ich steckte in Schwierigkeiten und brauchte Hilfe, und obwohl er in einer anderen Stadt wohnte, ließ er sofort alles stehen und liegen und nahm mich bei sich auf. Als wir am Abend gemeinsam auf der Veranda saßen sagte er mir, dass er stolz auf mich sei, weil ich mich nie unterkriegen ließ, egal wie hart es manchmal wurde. Ich erinnere mich noch genau an sein Lächeln und als ich aufwachte, fragte ich mich ob das ein Zeichen war. Man hörte schließlich öfter, dass Verstorbene in Träumen Nachrichten überbringen. Aber gilt das auch für Leute, die man eigentlich nie wirklich gekannt hat?

Ich war nicht mal ein Jahr alt, als mein Vater uns verließ, und das ohne einen Grund zu nennen. Er schrieb einfach einen Zettel mit den Worten: “Bin bei meiner Mutter, hole meine restlichen Sachen nach”. Also wuchs ich ohne direkte männliche Bezugsperson auf. Meine Mutter ging wieder arbeiten und verschiedene Familienmitglieder passten auf mich auf. Meine Oma und meine Tante voran. Aber auch mein Onkel und mein Großvater spielten eine große Rolle und waren für mich wohl das, was einer Vaterrolle am nächsten kam. Für mich war es völlig normal, dass andere Familienmitglieder zum Elternabend gingen, wenn meine Mutter nicht konnte, aber die anderen Kinder sahen das nicht so. Immer wieder wurde ich gefragt, wo mein Vater sei und eines muss ich meiner Mutter lassen, sie hat mir von Anfang an immer gesagt, dass er nicht wegen mir gegangen ist, sondern weil da mehr dahinter steckte, was ich aber noch nicht verstehen würde, aber sie wollte es mir später erklären. Als ich ungefähr 6 Jahre alt war, rief mein Vater plötzlich an. Er hätte uns auf dem Freimarkt gesehen und eine Szene beobachtet, in der ich was haben wollte und meine Mutter nein gesagt hatte. Daraufhin habe ich natürlich geweint und er hat sie als Rabenmutter beschimpft, was ich früher gar nicht verstanden habe. Heute denke ich mir nur, was für ein Recht hat der Mann, der uns verlassen hat , sich da überhaupt raus genommen? Eine Szene von 5 Minuten zu beobachten zeigt nun wirklich nicht das ganze Bild und natürlich weinen Kinder, die ein Plüschtier oder Süßigkeiten nicht bekommen. Er rief danach noch ein paar Mal an und erst nachdem mein Opa ihm sagte, dass er aufhören sollte, da er ja selbst nicht mal das Recht hatte, sich als Vater, sondern eher als Erzeuger zu betiteln, hörte es auf. Von dort an hörten wir kaum noch was von ihm. Meine Mutter war nicht immer perfekt und wir hatten unsere Differenzen, aber sie hat; zusammen mit dem Rest meiner Familie, geschafft, mich großzuziehen und als ich älter wurde redete ich mir immer wieder ein, dass mir mein Vater egal war. Er war nicht in meinem Leben und das war’s. Als ich 18 Jahre alt war, klingelte am Abend das Telefon. Als ich ran ging, gratulierte mir ein Mann zum 18. Geburtstag und sagte, dass ich sicher wisse, wer er war und dass ich bitte meine Mutter holen sollte. Ohne nachzudenken sagte ich meiner Mama, dass mein Vater am Telefon wäre und die beiden redeten eine Weile. Er wollte erklären, was los war und warum er gegangen war und nun wieder Kontakt aufnahm. Meine Mutter fragte, ob ich auch noch mit ihm reden wollte und ich stimmte zu. Mein Herz schlug wie verrückt und auch wenn ich diesen Mann nie wirklich gekannt und nur auf Bildern gesehen hatte, freute ich mich, mit ihm zu reden. Er sagte, dass er mich nie vergessen und auch immer geliebt hatte, aber es eben Gründe gab, weshalb er gehen musste. Ich sagte ihm, dass ich die Gründe wusste und ich ihn sogar verstehen konnte. Mit ungefähr 16 Jahren hatte meine Mutter mir nämlich erzählt, dass mein Vater homosexuell war und obwohl er sie auf seine Art geliebt hatte, hatte das eben nicht für eine Ehe und Familie gereicht. Aber sie hat auch von Anfang an gesagt, dass sie nie versucht hatte, ihn von mir fernzuhalten, denn meine Mutter hatte mich immer offen erzogen und wusste auch, wie schwer das eigentlich für ihn gewesen sein musste. Wir wollten uns am kommenden Samstag treffen, doch kurz bevor wir losfahren wollten, kam eine SMS, dass er das nicht könnte und er sich melden würde. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört und langsam fehlte mir auch das Verständnis. Ich hatte ihm gesagt, dass mir seine Sexualität egal war und er hat tausend Mal beteuert, dass er mich immer geliebt hat und trotzdem konnte er mir, oder uns, nicht unter die Augen treten? Das Thema Vater war damit für mich so ziemlich durch.

Im Jahre 2015 kam dann eine Facebook Nachricht von einem Mann, der mich nach dem Namen meiner Mutter fragte und ob sie ihm bitte eine Nachricht schreiben konnte. Meine Mutter war genauso verwirrt wie ich, schrieb dem Unbekannten dann aber. Es stellte sich heraus, dass er der Ehemann meines Vaters war und uns mitteilte, dass dieser vor kurzem verstorben sei. Ich dachte eigentlich, mir würde das egal sein, aber irgendwie brach die Nachricht mir dann doch das Herz. Zwar war ich inzwischen Mitte 20, aber man fragt sich ja immer zwangsläufig irgendwann, was man von seinen Eltern übernommen hat. Ich sehe meiner Mutter total ähnlich, aber es gibt auch Blicke und Gesten, bei denen meine Mutter immer gesagt hat: “Du siehst gerade genau aus wie dein Vater”. Ich sehe auch Ähnlichkeiten auf alten Bildern, aber natürlich hätte ich irgendwann vielleicht doch noch mal mit ihm reden wollen. Sein Mann erzählte uns, dass er einen Herzinfarkt hatte und er mich so schnell gefunden hatte, weil mein Vater wohl immer nach meinem Profil gesucht hatte. Und wieder fragte ich mich, was so schwer an einer Nachricht gewesen wäre? Sein Mann wollte sich mit uns treffen, war dann aber lange verhindert und sein Neffe schrieb mir auf Facebook. Er erzählte mir, wie toll es war, mit meinem Vater aufgewachsen zu sein und dass er mir das auch gewünscht hätte. Natürlich fand ich das schön, aber es tat auch verdammt weh, weil ich eben nie erlebt hatte, wie toll er eigentlich war. Sein Mann und ich nahmen uns immer wieder vor uns zu treffen, doch irgendwie klappte das nie.

Jetzt bin ich Ende 30 in Therapie und merke langsam, wie sehr mich das Thema doch noch beschäftigt. Und dann war da dieser Traum. Ich bin nicht die gläubigste Person, doch nachdem in der letzten Zeit wieder einige Sachen auf mich zukamen, fühlt sich dieser Traum trotzdem wie eine Nachricht von ihm an. Vielleicht war er psychisch auch einfach nicht in der Lage sich dem allen zu stellen und auch wenn es vielleicht komisch klingt, glaube ich irgendwie, dass er mich geliebt hat, denn auch sein Mann erzählte immer, dass er immer an mich gedacht hat und auch an meinem Geburtstag immer meinte: Sarah hat heute Geburtstag. Auch wenn wir uns nie wieder getroffen oder gesprochen haben, tut es trotzdem gut zu wissen, dass ich irgendwie doch Teil seines Lebens war und er mich und auch meine Mutter nicht verschwiegen hat. Und vielleicht kriege ich irgendwann noch mehr Informationen oder Antworten, oder eben auch nicht. Aber wenn er nur Ansatzweise so toll war wie er beschrieben wurde, passt die Version aus meinem Traum ziemlich gut damit überein und irgendwie muss ich jetzt Lächeln, wenn ich an ihn denke.

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