Stellt euch vor, ihr überlebt schwere Traumata und seid dennoch stark genug, das Gymnasium zumindest bis zur 11. Klasse zu besuchen. Ihr absolviert Praktika, schließt erfolgreich eine Ausbildung ab, holt euer Abitur an einer anderen Schule nach und beginnt voller Hoffnung ein Studium.
Doch dann verändert sich nach und nach etwas.
Zu Beginn des Studiums, im Jahr 2019, wurde ich plötzlich von schweren Panikattacken, Ohnmachtsgefühlen und einer rezidivierenden Depression schweren Grades erfasst. Gleichzeitig litt ich bereits an einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung, kurz genannt PTBS, ausgelöst durch jahrelange körperliche und psychische Gewalt und anderes durch Schüler, üble Nachrede durch falsche Freunde und indirekte Demütigungen durch Lehrkräfte. Tatort Schule…
Traumata verändern nicht nur die Seele – sie verändern nachweislich die Gehirnstrukturen. Wer das nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie schwer es ist, täglich gegen ein Nervensystem anzukämpfen, das dauerhaft im Überlebensmodus arbeitet. Angst, Anspannung und innere –Alarmbereitschaft – werden zum Normalzustand, obwohl die eigentliche Gefahr längst vorbei ist.
Jeder gesunde Mensch würde auf solche Belastungen genauso reagieren. Trotzdem werden Betroffene oft missverstanden oder als schwach abgestempelt. Dabei kämpft ihr Gehirn jeden einzelnen Tag gegen die Folgen dessen an, was sie erleben mussten.
Also suchte ich mir Hilfe. Ich begann Therapien und nahm Medikamente wie Pregabalin und Duloxetin – nicht, weil ich schwach bin, sondern weil die Wunden der Vergangenheit so tief sind, dass sie mich bis heute begleiten. Durch andere Medikamente bekam ich ständig Essattacken, die zu meiner Gewichtszunahme führte.
„Das Studium und das Abnehmen können warten“, sagen einige zu mir.
Andere wiederum sagen mir, dass ich „nicht so krank aussehe“, auftrete und ich deswegen „ja gar nicht so schlimm krank“ wäre. Wissen die denn nicht, dass es im Rahmen psychischer Erkrankungen auch mal schlechtere und bessere Tage gibt und die mich doch an besseren Tagen gesehen haben, aber nicht an den schlechten Tagen?
Ehemalige Freundinnen finden, dass „ich mich gehen gelassen habe“. Wer Auswirkungen von psychischen Erkrankungen leugnet, ist für mich keine Freundin mehr.
Jedoch höre ich von Therapeutinnen oft die Sätze:
„Sie sind intelligent.“
„Sie haben trotz allem eine gute Ausbildung abgeschlossen.“
Eigentlich müsste ich mich über das freuen.
Doch genau das kann ich nicht.
Wo andere Freude und Erleichterung empfinden würden, spüre ich Schwermut und halte mich innerlich davon ab wieder positive Gefühle zu empfinden.
Heute, mitten im Studium, habe ich mehrere Therapien in Tageskliniken begonnen und nun zudem eine ambulante Therapeutin – etwas, das ich mich als traumatisiertes Opfer früher niemals getraut hätte. Es hat Jahre gedauert, bis ich den Mut fand, Hilfe anzunehmen.
Ich wünsche mir bis heute, eines Tages wieder gesund genug zu sein, um sogar einen Doktortitel und Vollzeit anstatt Teilzeit arbeiten zu können. Nicht aus Ehrgeiz. Sondern weil mir meine Krankheit nicht das Recht nehmen soll, von einer Zukunft zu träumen.