Autor:in: Volker Brinkmann, Benjamin Runge

Neue Psychiatrie im Bremer Westen

 

Der Arbeitskreis „Neue Psychiatrie im Bremer Westen“ lud im Oktober zum Fachtag Psychiatrie ein, um mit Personen, die im psychiatrischen Bereich in Bremen arbeiten oder mit diesem in Berührung kommen, eine konzeptionelle Neuausrichtung zu diskutieren. Es ging im Kern um die Transformation der psychiatrischen Versorgung von einem stationären in ein ambulantes System. Die Corona-Pandemie wirkte sich auch auf diese Veranstaltung aus. Es gab strenge Hygieneregeln, die von den Teilnehmer*innen eingehalten werden mussten. Das BLG-Forum in der Überseestadt war für die Ausnahmesituation prädestiniert, um die Abstandsregeln einzuhalten. Es war ermutigend zu sehen, dass die psychiatrische Entwicklung auch in schwierigen Zeiten vorangetrieben wird.

In der Vergangenheit waren Tagungen zu diesem Thema eher von einer bedrückenden Stimmung geprägt, da sich die Veränderungsprozesse sehr zäh gestalteten.
Auf diese Ausgangslage ging die Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, Claudia Bernhard, in einem ersten Grußwort ein.

Sie betonte ausdrücklich, dass das psychiatrische System die Klinik langfristig verlassen muss, um eine konsequente Regionalisierung der Gesundheitsversorgung zu realisieren. Das vom „Arbeitskreis Neue Psychiatrie im Bremer Westen“ entwickelte PARDON-Konzept (s.u.), das die Grundlage der Diskussionen bilden sollte, wurde von ihr gelobt.

Die Umsetzung einer Transformation könne nur dann effektiv sein, wenn nach Schnittmengen in den Interessenlagen einzelner Akteure gesucht würde, so Bernhard. Es ginge nicht darum, herauszufinden, wer das beste Konzept habe. Vielmehr sei eine Zusammenarbeit verschiedener Institutionen und Personen bei der Neuausrichtung der psychiatrischen Versorgung im Bremer Westen nötig. Als Ansprechpartnerin, um in einer Problemsituation nach gemeinsamen Lösungen zu suchen, stehe sie jederzeit zur Verfügung.

Senatorin Bernhard verbreitete eine Aufbruchsstimmung, die auch im weiteren Verlauf der Tagung spürbar war. So auch bei den Initiator*innen der Initiative „Rettet das Rückzugshaus“, Arnolde Trei-Benker und Heiko Schwarting. Diese zeichneten den Weg nach, der nach der Schließung des Rückzugshauses in Bremen-Walle beschritten wurde und im Konzeptpapier PARDON mündete.

Schwarting erinnerte sich mit lobenden Worten an das Rückzugshaus, welches er selbst in der Vergangenheit in einer Krisensituation aufgesucht und in dem er später als Genesungsbegleiter gearbeitet hatte: „Toller Spirit, Behandlung auf Augenhöhe, Wiederentdecken von Ressourcen.“
Die bevorstehende Schließung des Rückzugshauses versuchten Schwarting und Trei-Benker 2019 mit Gründung einer Initiative zu verhindern. Diese Aktion sei ein großer Erfolg in der Psychiatrie-Szene gewesen, so Schwarting. Um Kräfte weiter zu bündeln, wurden die Initiativen „Rettet das Rückzugshaus“ und „Neue Psychiatrie im Bremer Westen“ zusammengeschlossen.

Die Corona-Krise verzögerte jedoch die weitere Entwicklung einer konzeptionellen Idee durch diesen Zusammenschluss.
Das Rückzugshaus musste letztendlich schließen. Dies führte jedoch dazu, dass das Konzept zur Neuen Psychiatrie noch mal ganz neu gedacht wurde. Aus diesen Überlegungen entstand schließlich das PARDON-Konzept.

 

Das PARDON-Konzept

Im PARDON-Konzept stellt der Arbeitskreis Neue Psychiatrie im Bremer Westen eine Transformation der psychiatrischen Versorgung vor. An Stelle einer vornehmlich bettenorientierten Klinikpsychiatrie wird ein weitestgehend ambulantes Zentrum für seelische Gesundheit gestellt, in dem die psychiatrische Versorgung regional und lebensnah erfolgt. Im Konzept wird dieser Transformationsprozess detailliert beschrieben. Wichtiger Bestandteil sind die sieben therapeutischen Prinzipien des Offenen Dialogs:

1. Sofortige Hilfe: Innerhalb von 24 Std. nach Eingang eines Hilferufs soll ein erstes Treffen der Fachkräfte mit der betroffenen Person stattfinden.
2. Einbeziehung des sozialen Netzwerks: Familienangehörige, weitere Leistungserbringende wie ambulante Psychotherapeut*innen und evtl. auch Lehrer*innen oder Arbeitgeber*innen sollen in den Prozess miteinbezogen werden.
3. Flexible Einstellung auf die Bedürfnisse: Jede Krise ist individuell, und somit wird auch der Ort der Treffen sowie das Behandlungsprogramm flexibel gestaltet. Es soll auf die Lebenswelt von Betroffenen Rücksicht genommen werden.
4. Verantwortung: Das psychiatrische Behandlungsteam hat die Verantwortung für die Organisation von Therapieversammlungen/Netzwerktreffen.
5. Psychologische Kontinuität: Der*die behandelnde Therapeut*in soll möglichst nicht wechseln.
6. Aushalten von Ungewissheit: Diagnosen und Entscheidungen sollen nicht vorschnell getroffen werden. Der weitere Behandlungsweg wird im Dialog geklärt.
7. Förderung des Dialogs: Dialoge in offener und empathischer Haltung sollen die Handlungskompetenz der*des Betroffenen für sein*ihr eigenes Leben stärken.

Die psychiatrische Versorgung erfolgt in drei Modulen:

Modul 1 ist der mobile Kriseninterventionsdienst (KID)
Modul 2 ist eine Akut-Tagesklinik, die eine langfristige Behandlung anbietet (Assertive Community Treatment, ACT)
Modul 3 ist das Krisenhaus mit einer kleinen Anzahl Betten für stationäre Aufenthalte.

Ein weiteres Problem ist die Fragmentierung der verschiedenen Leistungen, die psychisch Kranke erhalten können. Diese Behandlungs-, Reha- und Teilhabeleistungen werden von verschiedenen Stellen ausgeführt und sind nicht zentral koordiniert. Das vorliegende Konzept soll auch eine sektorenübergreifende Koodination aus einer Hand ermöglichen.
Die Schritte, in denen der Transformationsprozess ablaufen soll, sind bereits sehr konkret hinsichtlich Zeit, Behandlungsplätzen, personeller Besetzung, Ressourcen, Leistungsträgern etc. geplant. Von 2020-2028 soll so Schritt für Schritt der Aufbau der drei Versorgungsmodule stattfinden.

Das PARDON-Konzept ist auf der Website der Blauen Karawane blauekarawane.de als PDF zum Download verfügbar.

Auf dem Fachtag wurde in einer Präsentation des Architektenbüros Feldschnieders + Kister ein Entwurf für ein Zentrum dargelegt, der u.a. die therapeutischen Prinzipien des Offenen Dialogs einbezieht. Ein konkreter Plan für die Architektur existiere jedoch noch nicht, da noch zu viele Fragen offen seien. Zwischen Architektenbüro und dem Arbeitskreis bestehe jedoch ein fruchtbarer Austausch.

In einer anschließenden Diskussionsrunde erörterten Vertreter der Bremer Psychiatriebewegung Fragen und Problemstellungen über die Schaffung eines solchen Zentrums und lieferten Gedankenimpulse.

Zum Ende des Fachtags konnten sich die Zuhörer*innen einbringen. Es wurden Gruppen gebildet, die sich zu drei verschiedenen Themen, welche die Realisierung eines Zentrums für seelische Gesundheit betreffen, zusammenfanden und über diese diskutierten:

● Soziokulturelle Einbindung des Zentrums
● Offener Dialog
● Finanzierung

In allen drei Gruppen wurden Möglichkeiten und Grenzen eines Zentrums für seelische Gesundheit erörtert. Die Gruppen wurden von Personen aus dem Arbeitskreis geleitet. Es wurde Gedanken und Anregungen Raum gegeben, die den Arbeitskreis inspirieren können, um die Schwarmintelligenz des Fachtags in die weiteren Überlegungen einfließen zu lassen.

Diese Brainstormings rundeten den Fachtag ab und betonten noch mal, dass der Aufbau des Zentrums für seelische Gesundheit eine gemeinsame Kraftanstrengung bedeutet, bei der die Ressourcen verschiedener Menschen und Gruppen so genutzt werden, dass den verschiedenen Interessen der am Zentrum beteiligten Personen Rechnung getragen wird.