Kalender und Uhrzeiten scheinen die normalsten Dinge der Welt zu sein. Für mich sind diese Dinge ein Uhrwerk meines Alptraum’s. Mein innerer Zwang, sich mit den Zahlen zu identifizieren, ist extrem belastend. Alleine der Satz „Neues Jahr, neues Ich“ löst in mir häufig eine Depersonalisation aus. Ich habe zusätzlich unbewusst den Zwang, mich nach diesen Zahlen zu richten, obwohl das mir überhaupt nicht gut tut. Ich denke mir, dass ich ab 0:00 Uhr am Silvester anders atmen, anders denken, anders fühlen soll und einen komplett anderen Charakter haben soll, obwohl ich das nicht möchte. Daraus folgt eine Depersonalisation, die über mehrere Monate anhält und eine schwere depressive Phase im Rahmen meiner zusätzlichen rezidivierenden Depression. Das führt zu meiner automatischen Selbstentfremdung im Rahmen der Depersonalisation. Schon allein das Ansehen eines Kalenders auf der Arbeit löst in mir einen unerträglichen Kreislauf aus, welches meine PtBS, Depression, Zwangsstörung und Depersonalisation triggert. Die Gesellschaft der Welt hat uns über Jahrhunderte beigebracht, dass wir uns nach Jahreszahlen zu richten haben. Dabei muss es doch nicht so sein? In Äthiopien ist es glücklicherweise noch 2017, denn dort wird ein anderer Kalender verwendet. Leider wird dank der Globalisierung und Kolonialisierung in den anderen meisten Ländern; wie zum Beispiel Deutschland, seit vielen Jahren der gregorianische Kalender verwendet. Wieso muss ich mich am gregorianischen Kalender orientieren? Wer sagt, dass es der einzig kosmologisch richtige Kalender sei? Ist es mein innerer Zwang oder die Norm der Gesellschaft, die man nicht hinterfragen darf? Wenn ich auf einer Insel leben würde ohne Kalender, würde ich mich frei fühlen, denn mein Zwang würde mich nicht übernehmen, da es dort kein sozialgesellschaftliches Gesetz gäbe, diesen Kalender zu befolgen. Das wäre eine pure Erleichterung, einfach ICH zu sein und ICH zu bleiben, ohne den Zwang mich nach Jahreszahlen anders richten zu müssen. Noch gibt es so eine Insel nicht, also lebe ich hier mit dem Zwang weiter, den Jahreszahlen zu dienen. Ein Leid ohne Aussicht…
Bildgestaltung: Dorra Gafsi
