Der Wiener Kinderarzt und Heilpädagoge Dr. Hans Asperger (1906–1980) ist hauptsächlich bekannt als Erstbeschreiber eines hochfunktionellen Autismus. Das Erscheinen seiner Habilitationsschrift „Über die autistischen Psychopathen“ fiel auf den Winter 1943/44. Als Betroffener des sogenannten Asperger-Syndroms stelle ich mir deshalb die Frage, ob Asperger seine damals ausschließlich männlichen mit Autismus diagnostizierten Patienten wirklich vor den Mordprogrammen der Nazis rettete, welche Auffassungen er vertrat und wie er mit den nationalsozialistischen Institutionen zusammenarbeitete, um nicht selber von ihnen verfolgt zu werden.

Zum Stand der Psychiatrie vor, während und nach dem Nationalsozialismus erfährt man viel im Vorwort von Peter Rödler oder auch in dem Kapitel „Aspergers Karriere vor 1938“, in dem sich der Autor wie auch in späteren Kapiteln auf Quellen österreichischer Historiker wie Michael Hubenstorff oder Berger beruft. Peter Rödler gibt hauptsächlich einen Überblick über den Umgang mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen vom neunzehnten bis ins späte zwanzigste Jahrhundert. Im neunzehnten Jahrhundert habe man sich über alle politischen Strömungen hinweg auf die Theorien Charles Darwins berufen. Sogar Karl Marx habe bei Darwin angefragt, ob er ihm seine Schrift „Das Kapital“ widmen solle, was dieser abgelehnt habe. Ärzte hätten ihre Patient:innen nicht als Gegenüber wahrgenommen, sondern bis auf wenige Ausnahmen auf ihre Störungen reduziert.
Rödler sieht erst eine Änderung in den späten 60er Jahren bis in die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts aufkommen, als sich ein „dialektisches Gesellschaftsbild“ durchgesetzt habe. Spätestens hier häufen sich im Text die Literaturangaben namhafter Philosophen wie Sève und Seguin, über die nachzuschlagen zum Umgang mit dem Buch wenig beigetragen und mich den Faden – auch im Verständnis des Vorwortes von Peter Rödler – hätten verlieren lassen. Als Philosophien, die diesen Wandel im Umgang mit Psychiatriepatient:innen begleitet hätten, nennt er die Frankfurter Schule Horkheimers und Adornos sowie die Tätigkeitstheorie Wolfgang Jantzens, den er ausdrücklich würdigt, weil er während der Erstellung des Buches verstorben war. Für die Umgangsweise mit Autisten maßgeblich und bis heute wirksam, hält er unter anderem noch einen Aufsatz Lyotards, „Das postmoderne Wissen“, aus dem Jahre 1986, in dem eine radikale Subjekttheorie entwickelt werde, und weist noch auf ein Kippen der dialektischen Komplexität in eine radikale Setzung des Individuums hin.
Bezüglich der Geschichte der Wiener Universitätskinderklinik, späterer Wirkungsstätte Hans Aspergers, nennt der Autor noch den Direktor Erwin Lazar, der bis 1932 dort tätig war und die Psychoanalyse angewandt habe. Ansonsten galten dort die Konstitutionslehre und die Kriminalbiologie Lombrosos, derer sich auch Asperger bediente. Um die Verstrickungen Hans Aspergers in die nationalsozialistischen Strukturen deutlich zu machen, wird auf dessen politischen Werdegang vor 1938 eingegangen. Der Autor weist kurz darauf hin, dass in den Wandervogel-Bewegungen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts vielerorts keine Juden zugelassen waren. Hans Asperger wird die Mitgliedschaft in einer ähnlichen Bewegung, dem Bund Neuland, einer katholischen Organisation, nachgewiesen. In ihr befand er sich bis 1938, auch als „Deutsche Jugend“ bekannt. Sie war großdeutsch national gesonnen und wurde immer wieder von ab 1933 „illegalen Nationalsozialisten“ infiltriert, nachdem die NSDAP ab dann in Österreich verboten worden war. Der Autor zitiert Anton Böhm (1904–1998), den Vorsitzenden des Bundes, der jüdisches Leben als schädlich betrachtet und Bestrebungen gegen Juden als nationale Abwehrmaßnahme verstanden haben soll. Des Weiteren wird bei Asperger die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Ärzte nachgewiesen, der sich ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts für eine Begrenzung der Zahl jüdischer Studierender einsetzte, oder bei den fahrenden Scholaren, einer völkischen Abspaltung des Bundes Neuland. Außerdem war er Mitglied in der Sankt-Lukas-Gilde, die sich gegen die Vererbung schlechter genetischer Eigenschaften, aber auch gegen Sterilisationen einsetzte. Er selber habe angegeben, den Bund Neuland als weitgehend unpolitisch erlebt zu haben.
Eine gespaltene Haltung zum Nationalsozialismus geht auch aus einem Tagebucheintrag aus dem Mai 1934 hervor, als er einen namhaften Psychiater jener Zeit, Paul Schröder, in Deutschland besuchte. Asperger ist einerseits verblüfft von der „ungeheuren Disziplin und Schlagkraft“ der Deutschen unter Adolf Hitler, beklagt aber deren „eingeengtes Gesichtsfeld“. Als die Nationalsozialisten aber auch in Österreich die Macht übernahmen, passte er sich deren Forderungen an, was man einer Rede aus dem Oktober 1938 entnehmen kann, als er bereits die Leitung der heilpädagogischen Station innehatte. Darin weist er auf die neu an die Heilpädagogik gestellten Aufgaben hin, mahnt aber zur Vorsicht bei Sterilisationen, die damals in Deutschland schon lange praktiziert wurden. In der Heilpädagogik bei Kindern fordert er eine genaue Kenntnis der kindlichen Psyche, ohne rein die abstrakte Intelligenz zu bewerten. Mit Erwin Jekelius (1905–1952) stand er ab 1941 der Wiener heilpädagogischen Gesellschaft vor und war Sachverständiger am Wiener Jugendgericht, während Erwin Jekelius die Behandlung Suchtkranker übernahm.
Jekelius ging als Leiter der im Juli 1940 noch mit heilpädagogischem Teil gegründeten Kindereuthanasieanstalt „am Spiegelgrund“ als vielleicht sogar tausendfacher Mörder behinderter Kinder in die Geschichte ein. Er lobte zwar auch den Wert heilpädagogischer Arbeit in der Gewinnung von Arbeitskräften für den Krieg, forderte in einer Veröffentlichung im Jahre 1941 aber auch die Überstellung „Asozialer“ in Konzentrationslager für Jugendliche und die Einweisung von „Idioten“ in Verwahrheime, die meistens als Tötungsanstalten dienten. Im Buch wird auch eine Veröffentlichung Aspergers aus demselben Jahr gezeigt, die zwar durch ihren wärmeren Ton auffällt, aber auch auf die Verwendung der Patient:innen in Staat und Militär abzielt.
Im Jahr 1942 hingegen war Asperger Mitglied der „Gugginger Kommission“, deren Auftrag es war, ein Verwahrheim bei Wien aufzulösen, nachdem bekannt geworden war, dass die dort internierten Kinder keine Schule besuchten. Aspergers Rat wurde zur Entscheidung über die Bildungsfähigkeit der Kinder gebraucht, um deren späteren Verbleib zu regeln. Die Unterschrift zur Überstellung in Vernichtungsanstalten gab allerdings nicht Asperger selbst. Trotzdem verdeutlicht dies die Zusammenarbeit Aspergers mit dem System. Der Autor belegt sogar, dass Asperger in zwei Fällen persönlich Überweisungen in den Spiegelgrund unterschrieb. Mit den Umständen, unter denen das geschah, setzt er sich in dem Kapitel „Grenzen der Bildungsfähigkeit“ auseinander, gibt aber auch zu bedenken, dass die erwähnten Kinder auch nach einer möglichen Überweisung in kirchliche Heime der Tötung hätten übergeben werden können, deren Belege er im Wiener Staats- und Landesarchiv einsehen konnte.
Über die Arbeit mit den autistischen Patienten ist anzumerken, dass er besondere Begabungen an ihnen zwar zu benennen wusste, einen weniger begabten Autisten aber als „autistischen Automaten“ bezeichnete. Ferner erklärt der Autor, dass Asperger von den Mordaktionen der Nazis an Behinderten gewusst haben müsse. Er führt an, dass Elmar Türk, dessen Kollege, Kinder aus dem Spiegelgrund benutzt habe, um an ihnen medizinische Versuche durchzuführen, und erwähnt Demonstrationen von Angehörigen internierter Kinder vor der Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof, in der sich auch die Anstalt am Spiegelgrund befand, oder auch, dass die Royal Airforce 1941 Flugblätter über Wien abwarf, auf denen die Machenschaften von Erwin Jekelius bekannt gemacht wurden.
Für heutige Leser schockierend sind auch die Erziehungsmethoden und Einweisungsgründe jener Zeit. So wurde vom Vater der 1941 15-jährigen Edith H. deren Sterilisation wegen Promiskuität gefordert. Asperger lehnte das mit der Begründung ab, dass das Verhalten der Patientin nicht auf Vererbung, sondern auf eine im Kindesalter stattgefundene Enzephalitis zurückzuführen sei. Im Fall der 1943 wegen ungeordneter Sexualmoral eingelieferten Hildegard S. überwies der Spiegelgrund in die Erziehungsanstalt Biedermannsdorf. Asperger empfahl lediglich die Beobachtung durch die nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV). Dem im November 1940 mit vier Jahren eingelieferten Leo A. wies er Psychopathie mit geschickt inszenierten Bosheitshandlungen nach. Erwin Jekelius und Heinrich Groß (1915–1998), bekannte Euthanasietäter, stellten bei ihm auf dem Spiegelgrund leichte Erregbarkeit bei guter Intelligenz und fehlende Empathie in Gruppen fest.
Hierzu hat der Autor genau in den Archiven recherchiert, wer den Spiegelgrund überlebte, um das Kapitel „Aspergers Diagnosen im Vergleich zu jenen im Spiegelgrund“ zu verfassen, in welchem er zu dem Schluss kommt, dass Asperger die Problemlagen seiner Patient:innen weniger auf Vererbung zurückführte als der Spiegelgrund.
Die Lehren, die er vertrat, ließen aber zu, dass er Opfern sexueller Gewalt Mitschuld an der Anziehung ihrer Peiniger und damit eine konstitutionelle Schwäche zuschrieb. Er bezog sich dabei auf die Lehre Lombrosos „von der geborenen Prostituierten“. Einem Bericht des Psychologen Ernst Berger zufolge soll 1942 eine Siebeneinhalbjährige wegen des Risikos, sexuelle Übergriffe anzuziehen, auf die heilpädagogische Station Aspergers eingeliefert worden sein und Stromstöße im Genitalbereich erhalten haben.
Auch nach dem Krieg hielt Asperger an seinen Theorien fest und merkte an, dass sich in Kinderheimen negative Anlagen konzentrierten. In seinem Handbuch für Heilpädagogik von 1952 bemängelte er, dass in den Städten „eine Konzentration des Schwachsinns“ stattfinde, und berief sich auf NS-Rassehygieniker wie Otmar von Verschuer (1896–1969) oder Johannes Lange (1881–1938), was erst in der vierten Auflage gestrichen wurde.
Hans Asperger wird in dem Buch von Herwig Czech, das durch jahrelange Nachforschungen des Autors entstand, als äußerst kontroverse Figur dargestellt, weil er eng mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete, man sich aber die Frage stellen kann, was mit seinen autistischen Patienten geschehen wäre, hätte er sie nicht gefördert. Es ist ihm anzurechnen, dass er seinen Patient:innen eine gute Umwelt auf seiner heilpädagogischen Station schaffen wollte, die dem heutigen Leser aber als äußerst fragwürdig erscheinen könnte. Es ist sogar nachgewiesen, dass er den 1939 wegen Schizophrenie auf seine Station eingelieferten Alban I zu seinen Eltern zurückschickte, wo er den Krieg überlebte und ihm somit das Leben rettete.
„Hans Asperger und der Nationalsozialismus“ ist ein sorgfältig recherchiertes Werk, in das Forschungsergebnisse des Autors einflossen, die erstmals 2010 auf einem Symposium vorgestellt wurden. Um das Buch zu erstellen, hat der Autor weitergeforscht, um eine seiner Veröffentlichungen, die in der Fachzeitschrift „Molecular Autism“ 2018 erschien, zu präzisieren. Der wissenschaftliche Anspruch ist nicht zu übersehen. Das zeigt sich nicht nur an dem Vorwort von Peter Rödler. Die Nachforschungen zu dem Kapitel „Diagnosen Aspergers im Vergleich zu jenen im Spiegelgrund“ machen deutlich, wie genau der Autor nachforschen musste, welche Kinder überlebten und welche sowohl von Asperger als auch vom Spiegelgrund ihre Diagnosen erhielten, um diese dann zu vergleichen. Das längste Kapitel „So tun wir damit auch unserem Volk den besten Dienst“, benannt nach einer Veröffentlichung Aspergers aus dem Jahre 1939, legt nicht nur den Stand der damaligen Pädagogik dar, sondern weist auch auf zahlreiche Umstände der Zeit hin. Im gesamten Buch stolpert man über teils sehr lange Quellenangaben, die das Lesen aber erleichtern, weil man dadurch erfährt, dass jüdische Kolleg:innen, die Asperger ablösten, später in Amerika mit dem Autismusforscher Leo Kanner zusammenarbeiteten, der ebenfalls Österreicher war.
