„Kompass“ soll psychosoziale Versorgung wohnungsloser Menschen mit psychischen Erkrankungen verbessern / Projekt läuft bis Ende 2027
„Das Projekt ist eine Art Scharnier zwischen den verschiedenen Akteuren“, beschreibt Christina Nerlich-Bronowicki vom Verein für Innere Mission in Bremen, die Funktion. Sie ist Projektleitung des Modellprojekts „Kompass“. Dahinter steckt ein Kompetenzteam für Psychische Gesundheit und Soziale Stabilisierung. „Kompass“ soll die psychosoziale Versorgung wohnungsloser und von Wohnungslosigkeit bedrohter Menschen mit psychischen Erkrankungen in Bremen verbessern. Hintergrund ist, dass Wohnungslosigkeit und schwere psychische Erkrankungen in einem engen wechselseitigen Zusammenhang stehen. Zu dieser Erkenntnis kommt unter anderem der Wohnungslosenbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2024, den das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) erstellt hat.
Das Projekt ist ein Kooperationsprojekt zwischen zwei großen und seit Jahrzehnten fest etablierten Bereichen des Vereins für Innere Mission: der Bereich Teilhabe Aktiv mit Assistenzangeboten für Menschen mit psychischen und weiteren Beeinträchtigungen und der Bereich der Wohnungslosenhilfe. Auslöser für das Projekt ist die Erkenntnis des Bremer Gesundheitsressorts, dass eine zunehmende Zahl psychisch kranker Menschen durch das klassische Hilfesystem nicht ausreichend erreicht werden. „Sie werden immer wieder zur Kurzzeitintervention stationär behandelt und gehen danach in prekäre Lebensverhältnisse zurück, sind wohnungslos und werden durch die Angebote der Eingliederungshilfe (noch) nicht erreicht. Für diese Personengruppen brauchen wir, Brückenbauer:innen‘ und ‚Kümmerer‘, die sich akut um die Personen kümmern und weiterführende Hilfen anbahnen“, erläutert Kristin Viezens, Pressesprecherin der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz (SGFV).
Zu den Akteuren, die Nerlich-Bronowicki anspricht, gehören die Klinikversorgung, die Wohnungslosenhilfe, die Sozialpsychiatrie sowie Polizei und Ordnungsdienst. „Das wichtige ist erst einmal, Kontakt zu den betroffenen Personen aufzunehmen und herzustellen“, erklärt die Projektleiterin. „Wir wollen diese Menschen erreichen und mit unserem Hilfsangebot schauen, was sie brauchen und wo sie stehen. Im Anschluss wollen wir sie zum Beispiel zu Ärzt:innen vermitteln und begleiten, je nach individueller Situation.“ Das Kompetenzteam will auch Menschen mit komplexen Problemlagen unterstützen. Mit komplexen Problemlagen ist gemeint, dass eine chronische psychische Erkrankung verschiedene andere Lebensbereiche beeinflusst. „Betroffene verlieren beispielsweise ihre Arbeit und wichtige Beziehungen. Finanzielle Probleme entwickeln sich hieraus und schließlich führt die gesamte Gemengelage häufig zum Wohnungsverlust“, erläutert Nerlich-Bronowicki. Einige Personen sind auch in der psychiatrischen Klinik und werden dort wohnungslos, da Vermieter:innen ihnen in dieser Situation kündigen – auch hier bietet Kompass eine Begleitung und Unterstützung in der Suche nach Lösungen und im Übergang nach dem Klinikaufenthalt.
Bei der Zielgruppe handelt es sich unter anderem um Personen mit schweren und/oder psychischen Erkrankungen beziehungsweise Beeinträchtigungen (beispielsweise Psychosen, bipolare Störungen, Persönlichkeitsstörungen, ausgeprägte Angststörung, schwere Depressivität) oder mit deutlichen Symptomen, die auf eine solche Erkrankung hinweisen. „Die Personen finden keinen oder nur sehr begrenzten Zugang zum bestehenden Behandlungs- und Hilfesystem oder lehnen Behandlungs- und Unterstützungsangebote (wiederholt) ab“, berichtet Nerlich-Bronowicki. In vielen Fällen bestehen wiederholte Klinikaufenthalte, häufige Beziehungsabbrüche und Abbrüche von Hilfesystemen.
Das Projekt hat zum Ziel, verlässliche Begleitung durch personelle Kontinuität – insbesondere in fragilen Lebenssituationen und Krisen– zu ermöglichen sowie Übergänge in eine langfristige Unterstützung zu begleiten. Die unabhängige, ergebnisoffene und neutrale Begleitung ist es, was das Angebot besonders macht.
Zu den Angeboten des Projekts gehören niedrigschwellige Gesprächs- und Kontaktangebote, Beratung, Orientierung und Begleitung im psychiatrischen System sowie die Vermittlung und Vernetzung von Hilfs- und Behandlungsangeboten. „Wir bieten auch Fallberatung an und tauschen uns mit den Versorgungsbereichen aus“, erzählt die Projektleiterin. Dazu gehören auch die Beamt:innen der Kontaktpolizei oder des Ordnungsamtes.
Im Team beschäftigt sind vier Mitarbeitende aus den Bereichen Teilhabe Aktiv und Wohnungslosenhilfe – drei im Kernteam und zusätzlich eine Projekt- und Teamleitung. Die Kolleg:innen verfügen über eine breite und langjährige Berufserfahrung in den jeweiligen Arbeitsfeldern. Francis-Tobias Luce ist Genesungsbegleiter:in im Team. Er verfügt über eigene Erfahrung mit psychischer Erkrankung und über Praxiserfahrung im Kontext sozialer Problemlagen. Er sieht seine Aufgabe darin, mit den Betroffenen auf Augenhöhe in Kontakt zu treten. „Ich versuche mein Erfahrungswissen mit ihnen zu teilen. Ich war selber wohnungslos, habe Klinikaufenthalte hinter mir und weiß, wie schwierig der Weg sein kann, wenn jemand wirklich ganz unten angekommen ist“, erzählt Luce. Bei der Unterstützung legt er das Augenmerk nicht auf die negativen Erfahrungen, sondern auf die positiven. „Denn die haben mir ja geholfen, aus der Krise herauszukommen“, berichtet er. Luce schätzt die Perspektive der Genesungsbegleitung bei dieser Arbeit als sehr wichtig ein. „Jemanden zu kennen, zu dem man Vertrauen hat, ist sehr wertvoll. Und ich bringe Erfahrungen mit, die ähnlich sind wie der Betroffenen. Deshalb ist meine Sichtweise sehr bedeutend.“
Das Team trifft sich wöchentlich zu festen Teambesprechungen, in denen Fälle, Netzwerkanliegen, organisatorische Themen oder Qualitätsfragen thematisiert werden. Die Mitarbeiter:innen verfügen über Büroräume in der Adresse „Auf den Häfen“ 108-110, 28203 Bremen, als Arbeitsbasis, Ort für interne Abstimmungen und Gespräche. „Eine regelmäßige Anlaufstelle im Stadtteilhaus Bornstraße, zum Beispiel donnerstags zwischen 14 bis 17 Uhr, dient als fester offener Treffpunkt für Betroffene“, erzählt Projektleiterin Christina Nerlich-Bronowicki.
Darüber hinaus hält sich das Team an frequentierten Orten im Stadtteil auf, etwa im Bremer Treff, Kirchengemeinden oder der Bahnhofsmission, um nahe an den relevanten Zielgruppen zu sein.
Die Wichtigkeit des Modellprojekts unterstreicht Kristin Viezens ganz deutlich: „Menschen, die durch die Maschen der Sozialgesetzbücher fallen, dürfen nicht ohne Unterstützung bleiben.“
Projektmittel zur Psychiatriereform finanzieren „Kompass“. Ende 2027 läuft das Projekt aus. Christina Nerlich-Bronowicki wünscht sich, dass die Erfahrungen des Projekts für eine Weiterentwicklung der Situation der Zielgruppe genutzt werden. „Ich hoffe, dass sich daraus etwas Langfristiges entwickelt.“
