Ein heilender Aspekt soll von der Einrichtung ausgehen, die rund um die Oberneulander Mühle entsteht. Auf dem südlichen Zipfel des Areals soll 2028 eine Wohnanlage stehen, die schon einen Namen hat: Haus Hofmeierfeld. Namensgeber ist der benachbarte Bauernhof an der Rockwinkeler Straße.
In dem Gebäude sollen psychisch kranke Menschen einziehen, die eine Betreuung benötigen. Dabei handelt es sich um eine besondere Wohnform. „Zum einen ist diese etwas Besonderes und zum anderen zeitlich begrenzt“, erläutert Stefan Kamp, Bereichsleiter für den Bereich Teilhabe beim Verein der Inneren Mission. Hintergrund dieser Bezeichnung ist das Bundesteilhabegesetz (BTHG). „In früheren Zeiten wurde das Wort ‚Wohnheim‘ verwendet, doch das war von der Gesetzgebung her nicht gewollt. Alle Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung sollen so leben wie alle anderen Menschen auch, beispielsweise in Wohnungen oder Häusern. Da es für viele Menschen ad hoc aber nicht möglich ist, wurden die Wohnheime zu besonderen Wohnformen“, erklärt Kamp. Die Innere Mission ist der Träger des Hauses.
Entsprechend dieser Begrifflichkeit entsteht also ein Gebäudekomplex mit insgesamt 33 Appartements. „Davon gehören 24 zur besonderen Wohnform, die rund um die Uhr betreut werden. Dazu kommen noch sechs ambulante Wohneinheiten mit regelmäßigen Besuchen von Assistenten, die die Bewohner in ihrem Alltag unterstützen. Und im Sinne der Inklusion wird es im Nebengebäude drei Wohnungen ohne Betreuungsangebot geben. Sie haben einen eigenen Zugang und sind frei für alle Mietsuchenden“, erzählt Architekt Frank Püffel.
Die 24 Appartements verfügen über eine Pantryküche (eine kleine Einbauküche, die ausgestattet ist mit einem Kochfeld, einer Spüle und einem Kühlschrank, wahlweise auch mit einer Mikrowelle), ein innen liegendes Badezimmer und den eigentlichen Raum mit Bett, Tisch und Kleiderschrank. „Die Größe beträgt ungefähr 15 Quadratmeter“, sagt Püffel. „Dann gibt es noch einen Gemeinschaftsraum mit einer Wohnküche und einem zusätzlichen Wohnzimmer. Alle Wohneinheiten haben TV-Anschlüsse und W-LAN-Zugang.“ In den Gemeinschaftsräumen könnten auch Spielgeräte wie ein Kicker- oder Billardtisch stehen. Die Ausstattung sei aber noch nicht festgelegt.
Im Hauptgebäude gibt es drei Ebenen. Das Erdgeschoss enthält Räume für die Assistenzkräfte und Büros. Jedes Geschoss hat auch Zimmer für die Mitarbeitenden. „Und es gibt Übernachtungsräume mit Bett und eigenem Bad für die Betreuungskräfte“, berichtet Püffel. Zusätzlich gebe es noch Haustechnik- und Wäscheräume. „Alle Wohneinheiten sind barrierefrei und mit Rollstuhl zugänglich. Über einen Fahrstuhl können die Bewohner in jede Etage gelangen.“
Hinzu kommen ein großzügiger Garten und Außenflächen mit viel Grün. „Es gibt einen überdachten Außenbereich, der vor starker Sonneneinstrahlung und Regen schützt. Dort können die Bewohner sitzen. Dann wird es eine Boulefläche geben, eine Wiese für Yogaübungen und kleine Blumen- und Pflanzbeete. Es wird auch überdachte Fahrradstellplätze und eine Müllstation geben. Insgesamt handelt es sich um einen offenen Bau, von dem sehr viele Wege nach draußen gelangen“, beschreibt Püffel das Konzept.
Gabriele und Jörn Büttner aus Bremen haben das Projekt angestoßen. Das Ehepaar habe die Erfahrung gemacht, dass es keine vergleichbare Einrichtung gegeben hätte, als sie eine gebraucht hätten. Die beiden finanzieren den Bau, weil sie aus ihrer Erkenntnis heraus wüssten, wie schwer es für Angehörige sei, erfolglos auf der Suche nach einer Einrichtung zu sein, in der den Betroffenen stationäre Unterstützung geboten wird. Vor mehr als zehn Jahren erhielt eines ihrer vier Kinder die Diagnose einer psychischen Erkrankung. Eine ambulante Einrichtung in Bremen erwies sich mit gerade einmal zwei Stunden Betreuung pro Woche als ungeeignet. Eine stationäre hat es nicht gegeben. So recherchierten sie lange und gelangten nach Nordrhein-Westfalen, wo sie eine passende Wohngruppe fanden. Aus diesem Anlass sei bei ihnen vor einigen Jahren der Wunsch entstanden, eine vergleichbare Einrichtung in Bremen zu gründen. Und mit dem Grundstück an der Rockwinkeler Landstraße hätten sie einen geeigneten Standort gefunden und mit der Inneren Mission den passenden Betreiber.
Wenn die Einrichtung im Jahr 2028 fertiggestellt ist, dann können dort Menschen einziehen, die die Innere Mission bereits jetzt schon betreut. „Wir haben ja die Einrichtungen in der Löhning- und Parkstraße, in denen Klient:innen wohnen. Und die sollen das Vorrecht haben, in die Anlage in Oberneuland einzuziehen. Das sind psychisch erkrankte Menschen, die eine 24/7 Betreuung brauchen, vor allem nachts“, führt Stefan Kamp aus. Kolleg:innen seien bis auf ein paar Unterbrechungen im Prinzip jeden Tag zu jeder Zeit vor Ort. Bei den Krankheitsbildern handelt es sich um Depression sowie Persönlichkeitsstörungen mit schizoaffektiven Störungen und weiteren Diagnosen. „Es ist sehr vielfältig“, erläutert Kamp. Zum Personal gehören 80 Prozent Fachkräfte, die schon für die Innere Mission arbeiten. Darunter sind unter anderem Sozialarbeiter:innen, Heilerziehungspfleger:innen sowie Erzieher:innen. Zu den restlichen 20 Prozent gehören Assistenzkräfte, die Erfahrungen aus ihrer Arbeit im sozialen Bereich mitbringen. „Sie unterstützen die Bewohner:innen im Alltag, zum Beispiel beim Tischdecken, beim Spielespielen oder Vorlesen.“ Eingebettet wird das Haus in den vorzufindenden Sozialraum, das bedeutet in den Stadtteil Oberneuland. „Es gibt eine gut funktionierende Nachbarschaft. Viele der Anwohner:innen wollen den Kontakt zu uns finden. Assistenzkräfte begleiten die Nutzer:innen beim Einkaufen, beim Besuch von Ärzt:innen, die vor Ort ihre Praxen haben“, erläutert Stefan Kamp.
Der Standort Oberneuland ist ja ganz gut und schön, aber die Infrastruktur vor Ort ist nicht gerade die Beste. Es gibt keine Straßenbahnen, die von der Innenstadt bis in den Stadtteil und in umgekehrte Richtung fahren. Auch das Busliniennetz ist nicht optimal ausgebaut. Und dennoch hat sich die Innere Mission für den Ort entschieden. „Der Grund, warum wir die Häuser in der Löhning- und Parkstraße aufgeben, liegt in einem Beschluss auf Landesebene. Danach müssen besondere Wohnformen bis zum Jahr 2032 barrierefrei sein. Und das bilden die jetzigen Standorte im Zentrum von Bremen nicht ab. Und wir sind als Leistungserbringer – als Wohlfahrtsverband – nicht in der Lage, eine barrierefreie Einrichtung in Bremen-Mitte, in Schwachhausen, in der Neustadt oder im vorderen Walle zu errichten und dieses zu refinanzieren“, erklärt Kamp. Vor einiger Zeit sei ein Versuch an der Finanzierung gescheitert. Zudem habe Oberneuland Erfahrungen mit Menschen, die eine psychische Erkrankung aufweisen. So gäbe es dort die gerontopsychiatrische Einrichtung vom Deutschen Roten Kreuz und die AMEOS-Klinik. „Es ist ein gutes Miteinander und eine gut funktionierende Kooperation mit beiden Institutionen vorhanden“, so Kamp. Er hat die Hoffnung, dass durch das groß entstehende Baugebiet die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) reagiert und ihr Angebot darauf ausrichten werde.
Das Alter sei erst einmal kein Kriterium für einen Einzug in die Wohnform. „Vielmehr kommt es darauf an, dass die Menschen ein Teilhabegespräch und eine Kostenübernahme bekommen. Darüber hinaus sollten sie Interesse haben, dort zu wohnen, und an das Angebot, das zu ihnen passt“, berichtet Stefan Kamp. Frauen wie Männer können gleichermaßen dort einziehen.
Kristin Viezens, Sprecherin der Gesundheitssenatorin, beschreibt die entstehende Wohnform als „wichtigen Baustein im aktuellen Versorgungssystem“. Der Beirat Oberneuland steht geschlossen hinter der Einrichtung. Dazu teilt Beiratssprecherin Tamina Kreyenhop (CDU) mit: „Wir begrüßen und befürworten die Einrichtung.“ Ihre Partei ist sehr froh und dankbar, dass es bald in Oberneuland diese besondere Wohnform geben wird. „Denn es gibt grundsätzlich zu wenige Einrichtungen für diesen Personenkreis.“ Tamina Kreyenhop sieht die Integration in den Stadtteil als sehr positiv entgegen: „Oberneuland lädt durch viele Parks zur Entspannung ein. Es gibt wenig Stressfaktoren wie Straßen, Stadtlärm, Hektik oder große Menschenmengen im Umkreis. Durch die vielen Vereine gibt es viele niederschwellige Angebote, die von den Besuchern der Einrichtung genutzt werden können. Gegenüber ist die Tobias-Schule, die einzige Förderschule in freier Trägerschaft Bremens. Auch hier finden viele Veranstaltungen statt, an denen die Bewohner:innen teilnehmen können ohne Erwartungshaltung der Schule. Und dann liegt es auch ein bisschen am Träger der Einrichtung, inwieweit er auch selbst eine Öffnung zulässt und die Integration vorantreibt.“ Von der Bevölkerung habe es bislang nur positive Rückmeldungen gegeben. „Insofern gehe ich davon aus, dass die Bevölkerung keine Einwände hat, sondern im Gegenteil das große persönliche Engagement hinter dem Projekt zu schätzen wissen.“ Auch die SPD im Stadtteil begrüßt die Pläne. „Daher unterstützen wir die Planungen mit allem, was wir beitragen können, um das Projekt auch Wirklichkeit werden zu lassen“, meint Felix Eichner. Er richtet seinen Dank besonders an das Ehepaar Büttner, „die mit all ihrer Kraft das Projekt angestoßen haben und begleiten“.
Besondere Wohnform in Oberneuland