Autor:in: Susanne Zoe Rippe

Der deutsche Nationalstaat – Gehören psychisch Erkrankte dazu?

 

Wir sind sehr mobil geworden. Menschen mit einer hohen medizinischen oder technischen Qualifikation können überall arbeiten. Auch in Handel, Handwerk oder der Pflege Beschäftigte finden viele Einsatzmöglichkeiten weltweit, ohne dass ein Studium abgeschlossen werden muss. Multikulturell geprägte Arbeitsplätze werden von den Beschäftigten oft als lebendiger und bereichernder erlebt als eine sehr selektierte Arbeitsgruppe. Die meisten Bürger mit guter Ausbildung brauchen also nicht den Nationalstaat, um sich zu verwirklichen, sondern, im Gegenteil, offene Grenzen.

Anders sieht es aus für Menschen, die nicht Vollzeit arbeiten können, wofür es einen Grund gibt, der mit der Gesundheit des Betroffenen zusammenhängt. Ich habe, als paranoid schizophren diagnostiziert, mit 27 mein Studium abgebrochen und trotz vieler Bemühungen nie wieder in eine volle Berufstätigkeit zurückfinden können. ALG II, dass bedeutet, nicht genug Geld zu haben, auch nur in eine andere Stadt in Deutschland ziehen zu können. Ich brauche etwas, das der Nationalstaat, in dem ich lebe, mir bietet: Das soziale Netz. Ich kann anders nicht überleben, Hilfe finden, Kontakte aufbauen. Das Gleiche gilt für einen Großteil der sehr alten Menschen: Mobilität ist durch körperliche Einschränkung häufig gemindert, ein Einleben in eine andere Kultur nicht mehr so einfach möglich.

Der Nationalstaat, der sich Deutschland nennt, versucht allerdings inzwischen gerade die loszuwerden, die ihn brauchen, also die Psychotiker. Die akute Psychose bedeutet vor allem Orientierungslosigkeit. Die Welt wird als Bedrohung erlebt, die  Orientierungslosigkeit führt dazu, dass man sich niemandem anvertrauen kann. Man wird sehr anfällig für Suggestionen und Manipulationen einer Außenwelt. Es ist denkbar und für mich nicht unvorstellbar, dass dem Psychotiker suggeriert wird, “woanders” könnte es ihm besser gehen. Jedenfalls setzen sich viele verwirrte Menschen, die keine vertrauenswürdige Hilfe finden, in ihr Auto – wenn sie denn eins haben – oder machen sich mit Bahn oder zu Fuß auf den Weg dahin, wo sie meinen, dass es ihnen besser gehen könnte. Jedenfalls kann ich mich an ein solches Herumirren erinnern. Versagen, womöglich absichtlich, des örtlichen Hilfenetzes? Wurde ich früher unter Zwang in die Klinik gebracht, bekomme ich jetzt kaum noch einen Platz, auch wenn ich darum bitte. Stelle etwas an, belästige meine Mitmenschen, um schließlich in die Klinik zu dürfen – bei Angst und Unsicherheitsgefühlen – um dann schnell wieder abzuhauen, weil man mich dort wegekelt. Gestern wollte ich einen durch meine psychische Krise verlorengegangenen Personalausweis neu beantragen, wurde “Russendoofi” genannt (wegen meiner rotgefärbten Haare?), und die Sachbearbeiterin erklärte mir auf mein Eingeständnis, dass ich keine Geburtsurkunde vorlegen kann: “Dann kriegen Sie auch keinen Personalausweis”. Ich blieb aber hartnäckig und habe jetzt zumindest schon mal den vorläufigen Ausweis. So verwirrt, wie man meinen könnte, bin ich eben doch nicht mehr!

Mir kommt der Gedanke, ob man nicht überlegen sollte, Menschen in akuten Psychosen grundsätzlich nicht abschieben zu dürfen, wenn sie zum Beispiel ausländischer Herkunft sind. Dieses kann Vernichtung bedeuten. Denn, leider, das Vorbildland des Sozialismus, Russland, rutscht nach rechts, psychisch Kranke werden auf offener Straße verprügelt, einfach nur dafür, dass sie verhaltensauffällig sind. Sicher gilt das nicht für Moskau, aber wohl für die ländlichen Provinzen – und nach Moskau darf nicht ziehen, wer möchte. Man braucht eine Genehmigung, um in Moskau  leben zu dürfen – der akut psychotisch Erkrankte wird die sicher nicht beantragen können. Auch Homosexuelle werden in vielen Gegenden übrigens ganz offen verfolgt und misshandelt. Und sieht es nicht ganz so aus, als wenn der Nationalstaat Deutschland sich in eine ähnliche Richtung bewegt? Der Nationalstaat versucht sich Kranken und Gebrechlichen zu verschließen, aber auch Menschen, die einfach anders sind oder anders leben möchten als der Durchschnittsbürger.

Viele muslimische Mitbürger in akuter Psychose sind mir z.B. in der Klinik begegnet. Der Zusammenhalt der Familien macht es dem deutschen Staat schwerer, sie loszuwerden. Aber der Psychotiker lässt sich gut isolieren, kann dazu gebracht werden, die Familie zu verneinen. Dann kann man ihm vorgaukeln, “woanders” wäre es besser. Für den Menschen muslimischer Herkunft bedeutet dies, Rückreise in ein muslimisch geprägtes Land. Gibt es hier noch einen Verwandten oder Bekannten, wird der versuchen, ihn aufzufangen, doch viele Mittel, viele finanzielle Möglichkeiten, ihm zu helfen, hat dieser Mensch meist nicht. Das Geld fließt woanders. Geld kommt nicht so leicht aus Deutschland raus. Dass dies so nicht ganz in Ordnung sein kann, fällt auch dem gutmütigsten muslimischen Menschen irgendwann auf. Eine Antwort auf eine Abschiebepraxis, die sich gegen den akut psychisch Erkrankten oder krank Erklärten richtet, hat sich gefunden: Die IS. Der gefürchtete Islamische Staat. Der eine so vermeintlich grundlose aggressive Haltung gegenüber dem Westen einnimmt. Und aus verwirrten, wahnhaften Gewalttätern bestehen soll. Aber doch besser organisiert ist, als man es geahnt hätte. Weil, wer aus Verwirrung herausfindet, ganz klar erkennen kann, was mit ihm gemacht worden ist. Und man kann aus Verwirrung und Desorientierung herausfinden. Wobei Kliniken allerdings nicht helfen, oder wenig. Meine Erfahrung jedenfalls. Die Dämonisierung der psychisch Kranken, um sie leichter loszuwerden und ihnen Hilfe zu verweigern, hat nun dies bewirkt: Da ist er nun, der unfreiwillig erschaffene, furchteinflößende Dämon, der dem Westen die Zähne zeigt. Behandlungszentren, in denen sich faschistoides Denken und Handeln einschleicht, und die Kranke ausspielen, sollten sich fragen, ob sie ihn nicht schaffen, den Dämon, den sie bekämpfen. Ob sie ihre Behandlungspraxis nicht überdenken sollten und Pfleger nicht wieder als Pfleger, und nicht als Bundesgrenzschützer arbeiten sollten. Zum Wohle der Hilfsbedürftigen – und der eigenen Kinder.