Es war ein unruhiger Abend, einer von denen, an denen die Welt draußen lauter wirkt als sonst. Ich stand vor dem Spiegel und betrachtete mein eigenes Gesicht, als
würde ich einer Fremden begegnen. So oft hatte ich versucht, mich anzupassen, leiser zu werden, einfacher, bequemer für andere. Und jedes Mal war dabei etwas
von mir verloren gegangen.
„Reiß dich zusammen‘, hatte ich mir früher gesagt. „Mach weiter. Sei stark.“
Doch an diesem Abend klang eine andere Stimme in mir an — zart, aber bestimmt.
Sei lieb zu dir.
Zum ersten Mal erlaubte ich mir, müde zu sein, ohne mich dafür zu verurteilen. Ich
dachte an all die Entscheidungen, die ich getroffen hatte, um niemanden zu enttäuschen, und spürte, wie schwer sie noch immer in mir lagen. Sanft ließ ich sie los, einen Gedanken nach dem anderen, wie Steine, die man aus zu vollen Taschen nimmt.
Ich erinnerte mich an Momente, in denen ich mich selbst verlassen hatte – aus Angst, aus Liebe, aus dem Wunsch, dazuzugehören.
Immer hatte ich gehofft, irgendwo anders sicherer zu sein.
Doch dann verstand ich: Der einzige Ort, an dem ich wirklich ankommen konnte, war in
mir selbst.
Ich atmete tief ein. Ich musste nicht alles erklären. Nicht alles rechtfertigen. Ich durfte fühlen, was ich fühlte. Denken, was ich dachte. Gehen, wenn es Zeit war zu gehen.
Auch bedeutet es, nicht immer gemocht zu werden. Nein zu sagen, wenn das Ja sich falsch anfühlte. Den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er leiser war als die der anderen.
Ich spürte Angst — aber auch eine ungeahnte Freiheit.
Ich stand wieder auf und sah mich noch einmal im Spiegel an. Diesmal lächelte ich.
Nicht, weil alles gut war, sondern weil ich beschlossen hatte, mich selbst nicht mehr im Stich zu lassen.
Draußen ging das Leben weiter, fordernd und ungeduldig.
Ich öffnete die Tür und trat hinaus – nicht perfekt, nicht fertig, aber aufrecht.
Lieb zu mir.
Bei Mir.
Und endlich mir selbst treu.
SOPHIA
