Autor:in: Heike Oldenburg

Farben können klingen – und Einsamkeit vertreiben?

 

Ein Klassiker von 2001

Der Bilderbuchautor Jimmy Liao, seit seiner Geburt im Jahr 1958 in Taiwan lebend, zeichnete sein erstes Bilderbuch für Erwachsene mit 40 Jahren. Zuvor war der studierte Designer in der Werbebranche und als Illustrator tätig. Im Leben mit festem Arbeitsplatz fühlte sich der Künstler Jǐmǐ (chinesisch 幾米) nicht wohl. Liao kündigte im Januar 1995, da einer Wahrsagerin ihm in diesem Jahr einen Wendepunkt prophezeit hatte. Die einsetzende Leukämie-Erkrankung war dann eine unerfreuliche Überraschung. In den ersten sechs Monaten mit Chemotherapie war der Tod täglich nahe. Mit dem Buchentwurf „Geheimnisse im Wald“ wollte Liao sich „in die Zukunft retten“[1]. Noch auf der Intensivstation entstand „Der lächelnde Fisch“. Darin sieht er sich als der Fisch und der diesen befreienden Menschen zugleich. Nach drei Jahren hatte Liao die Leukämie-Erkrankung überlebt. Die beiden Bücher setzten einen Prozess in Gang, den sich der Zeichner nie hätte träumen lassen. Mit seinem dritten Buch, der „Ballade von der großen Liebe“, gelang ihm der Durchbruch.

In den nun 21 Jahren hat er 60 Bücher in der von ihm neu geschaffenen Gattung „Bilderbücher für Erwachsene“ kreiert. Der Inhalt von Liaos Büchern ist für Erwachsene, obwohl die Zeichnungen wie für Kinder wirken. Sein Zeichenstil wurde seit der Erkrankung schwermütiger, melancholischer und matter. Die Handelnden, oft Kinder und Tiere, sind eher klein gezeichnet. Aufgrund der Leukämie-Erkrankung kann Liao die Unbeständigkeit des Lebens „sehr gut nachempfinden“[2]. „Wer schenkt mir Wärme, wenn die fröhliche Menschenmenge sich zerstreut hat und nichts als Einsamkeit zurücklässt?“[3] Liaos Grundthemen sind neben Einsamkeit, Ängsten in der Großstadt und Abschied auch endlose Sehnsucht nach Glück. Die Kinder-Tier-Akteure ermutigen oft die Erwachsenen, sich an die eigene Kindheit zu erinnern. Liao verwendet internationale Bildsprache, die jede*r versteht. Er zeigt, dass „das Leben viele verschiedene Momente“ habe. Auch Trost möchte der Bildkünstler vermitteln: „Wer fällt, kann wieder aufstehen.“ – „So spielt das Leben.“

 

Liao malt erst alle Bilder und ordnet sie dann an. Welcher Text zu welchem Bild passt, entscheidet er nach dem Klang. Liaos bevorzugtes Stilmittel ist Vermischung von Real und Surreal, um Einblicke ins Innenleben seiner Figuren zu erlauben. Liaos Stärke ist es, die Bilder aus seinem eigenen Seelenleben darzustellen. Er wollte „gute Geschichten erzählen, nach denen sich sein Innerstes gesehnt“ habe. Dazu musste er die Seitenzahl klassischer Kinderbilderbücher erhöhen.

„Der Klang der Farben“ hat über 160 Seiten. Die Titelwahl traf der Verlag. Ein Gedicht von R. M. Rilke, das Liao inspirierte, gab wohl den Ausschlag: „(…)/alle Farben sind übersetzt/in Geräusch und Geruch./Und sie klingen unendlich schön/als Töne./(…)“ (Zitat-Ausschnitt hinten im Buch). Der chinesische Titel des Buches ist: „U-Bahn“. U-Bahn-Fahren ist, was das erblindete Mädchen in diesem Band tut. Sie entscheidet sich an ihrem 15. Geburtstag, allein die Stadt zu erkunden. Der weiße Wuschelhund, der das Mädchen begleitet, ist besonders klein. U-Bahn-Fahren ist ein Abenteuer für sie. „In der Wahl der Bilder ist die Blinde ganz frei, denn sie hat sie nicht“. Sie achtet mehr auf Klänge. Der Autor hat zeichnerisch gut getroffen, wie blinde Menschen häufig mit lauschend-leicht-erhobenem Kopf, mit allen-Sinnen-offen konzentriert hörend und tastend gehen. Es ist Absicht, dass die Ethnie des Mädchens und die Lage der Stadt unklar bleiben.

Ein weiterer Grund für die Titelwahl ist sicherlich die vielgestaltige, farbenfrohe und detaillierte Bildvielfalt. Die Bilder sind doppelseitig mit nur wenigen Worten angeordnet, oft mit einer Frage oben links. Auf einer der ersten Seiten – das großflächig-bunt-aquarelliert ist und unten rechts den klar-grau strukturierten U-Bahneingang mit dem Mädchen davor zeigt – wird die polnische Poetin Wisława Szymborska zitiert: „Es ist ein großes Glück/nicht genau zu wissen,/in welcher Welt man lebt.“[4] Im Bild zu dem Satz „Manchmal kommt mir die Welt wie ein Irrgarten vor, aus dem es kein Entkommen gibt“ läuft das Mädchen, auch noch vom Hund weit getrennt, auf ein grünes Heckentor zu. Alle Hecken sind vielförmig, aber hartkantig geschnitten. Ein riesiger, aus einer Hecke geschnittener Vogel, erstreckt sich über beide Bildseiten. Es ist auch ein U-Bahneingang zu sehen, unten links von Hecken begrenzt. Das meiste floss Liao einfach aus der Hand, an einzelnen Zeichnungen musste er jedoch tagelang feilen. Eine tiefe Traurigkeit ist spürbar. Das suchende Unterwegssein wirkt hilflos und orientierungslos in der Zeit. Liao schuf das Werk an einem Scheidepunkt seines Lebens. Der Arzt hatte zu dem fünften Jahr nach dem Beginn seiner Erkrankung gesagt, seine Gesundung von der Leukämie werde abgeschlossen sein. Dies Glück drückt folgendes Bild aus: Zu dem Satz „Zum Glück passt mein Schutzengel auf mich auf“[5] gleitet ein Schwan im Nebel und trägt das Mädchen auf dem Rücken.

Auf dem Comicfestival in München war Taiwan im Juni 2019 Gastland. Liao war angereist und sprach über seine künstlerische Arbeit. Über „Der Klang der Farben“ erzählte er, dass dies Buch ihm viel Kopfzerbrechen gemacht habe. Aber er habe beim Umgang mit der Qual gelernt, die Probleme zu zerlegen und Selbstvertrauen zu gewinnen, so dass er sich nun als guter schöpferischer Autor ansehe.

Liaos Bilderbücher erreichen inzwischen weltweit Millionen von Leser*innen. Er trifft damit einen Nerv der Zeit. Einsamkeit ist ein großes – und zunehmendes[6] – Problem in unserer Welt. Dr. Julianne Holt-Lunstad, Professorin für Psychologie, Brigham Young University, USA, hat aufgrund vieler Studien dazu festgestellt, dass viele Länder auf der Welt vermutlich, u.a. aufgrund zunehmender Langlebigkeit der Menschen, mit einer „Einsamkeits-Epidemie“ bedroht seien. Bei sozial besser eingebundenen Einzelpersonen sei eine Zunahme der Langlebigkeit um über 50% nachweisbar. Dr. Julianne Holt-Lunstad empfiehlt, sich auf das Rentenalter neben dem Finanziellen auch gezielt darum zu kümmern, sich sozial gut einzubetten.[7] [8]

Ein guter Tipp zu mehr Gesundheit scheint mir die Doppelseite mit Liaos Satz: „Erwarte ich zu viel? Das Leben ist unberechenbar. Lasst uns singen! Lasst uns tanzen!“ Bunt angezogene Elefanten, Häschen und Schweine sowie Bären mit Rasseln und glückliche Delfine springen vor Feuerwerk über der See, viele Pinguine tanzen im Eislauf durchs Bild.

 

Der Verlag Chinabooks in der Schweiz hat bereits vier Bilderbücher von Liao auf deutsch herausgebracht. Die Verleger fanden diese eher „herbe Kost als passend“ für den deutschsprachigen Raum. Die letzten drei Bilderbücher sind im Jahre 2018 erschienen. Liaos Geschichten wurden schon vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Seine Bilderbücher wurden in 16 Sprachen übersetzt. Viele von Liaos Werken wurden zu anderen medialen Formen umgearbeitet.

 

Einsamkeit vertreiben können Farben alleine nicht. Jedoch kann die Betrachtung dieser Bücher Mut zum Nachdenken über die eigene Situation machen. Es mag hilfreich dabei sein, erste Schritte in lebendigere Umstände hinein zu unternehmen.

 

Heike Oldenburg, September 2019

 

Jimmy Liao, Der Klang der Farben, Taiwan 2001, Deutsche Übersetzung Marc Hermann, http://www.chinabooks.ch, Schweiz 2018, gefördert vom Ministerium für Kultur, Republik Taiwan

 

Siehe auch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jimmy_Liao

http://manhua.ch, Die Ressource für Comics aus China, Hongkong und Taiwan

www.jimmyspa.com (chinesisch)

 

 

 

[1]              http://manhua.ch, Die Ressource für Comics aus China, Hongkong und Taiwan, auch: https://www.youtube.com/watch?v=gN4_2Iyi3cQ , Zugriff 16. September 2019

[2]     Soweit nicht anders angegeben, s. Fußnote 1

[3]     aus „Der Klang der Farben“, ohne Seitenzahlen

[4]     Liao mag Gedichte. Die Nobelpreisträgerin beschrieb in von Zweifel und Ironie geprägter Ausdrucksform alltägliche Begebenheiten aus ungewöhnlichen Perspektiven. https://de.wikipedia.org/wiki/Wis%C5%82awa_Szymborska, gekürzt, Zugriff 14. September 2019

[5]     s. Fußnote 3

[6]              Die virtuelle Welt der Handys und des Internet ist kein gleichwertiges Instrument zu persönlichen Kontakten, um Einsamkeit entgegenzuarbeiten. Das als u.a. als „Kuschel“- und Treue-Hormon bekannt gewordene Bindungshormon Oxytocin entsteht nur im direkten Kontakt mit einem Gegenüber.

[7]            https://mobile.nytimes.com/2017/12/11/well/mind/how-loneliness-affects-our-health.html?,  hpw&rref=health&action=click&pgtype=Homepage&module=well-region&region=bottom-well&WT.nav=bottom-well&_r=0&referer=http%3A%2F%2Fm.facebook.com , Zugriff 14. September 2019

[8]                https://www.madinamerica.com/2017/09/loneliness-lethal-researchers-name-social-isolation-public-health-threat/ , Zugriff 14. September 2019