Autor:in: Sarah Hulmes

Herbstwende

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Die kühle Luft umwehte seine dunklen, halblangen Haare und wirbelte sie ein wenig umher, als er vor dem Haus stand, welches er als sein Zuhause bezeichnen sollte. Das Haus eines Mannes, von dem er bis vor ein paar Wochen nichts gewusst hat und eigentlich auch nichts wissen möchte. Der dunkle Himmel spiegelte die Leere in ihm wider und für einen kurzen Moment musste er schlucken, bevor er die Haustür aufschloss. Seine Brüder waren nicht da, genauso wenig wie sein Erzeuger und dessen Freund. Eigentlich hätte er froh darüber sein sollen, denn normal gingen ihm alle auf die Nerven, doch heute lag etwas Melancholisches in der Luft, und er hatte einfach keine Ahnung, ob er alleine sein wollte.

Schon vor dem Tod seiner Mutter hatte er gemerkt, dass etwas an ihm zog, was fast wie aus einer anderen Welt schien. Etwas Dunkles, was Besitz von ihm ergreifen wollte, um ihn auf eine andere Seite zu ziehen. Seine Mutter hatte versucht, ihm da raushelfen, und was hatte er getan? Er hatte sie nur angebrüllt. Und dann kam der Unfall. Noch heute gab er sich die Schuld daran, dass er sie so aufgewühlt hat fahren lassen und wünschte sich, er könnte die Zeit zurückdrehen, doch das konnte er nicht.
Als er das Haus betrat, war es verdammt kalt und irgendwie fast unheimlich, da sonst immer jemand dort war. Aber heute war es leer, fast so leer, wie es in ihm war.
Er ging die Treppe rauf und schloss seine Zimmertür gleich wieder hinter sich. Selbst in seinem Zimmer war es kühl geworden, da er das Fenster die Stunden aufgelassen hatte, in denen er in der Schule und später noch bei der Bandprobe war. Sein Rucksack glitt langsam von seiner Schulter und er kickte seine abgewetzten Vans in die Ecke, ehe er sich auf das Bett schmiss und an die Decke starrte. Eigentlich hatte er doch alles.

Sein Vater verdiente gut, er verstand sich mit seinen Brüdern, und wenn es um materielle Dinge ging, mangelte es ihm an nichts.
Er hatte sogar eine Freundin, die ihn in allem unterstützte. Doch trotzdem war er nicht glücklich und niemand, der erst siebzehn Jahre alt war, sollte sich so fühlen, wie er in diesem Moment.

Draußen heulte der Wind leicht, und ohne es wirklich selbst zu merken, schlang er schützend die Arme um seinen eigenen Oberkörper.
Wann war es bitte so kalt geworden, und wann war er so kalt geworden?
Nach ein paar Mal tief ein- und ausatmen stand er schließlich von seinem Bett auf, schaltete die Heizung an und schloss das Fenster, welches die kühle Luft von draußen nach innen wehen ließ. Aber er wollte die Kälte nicht an sich heranlassen, sondern etwas verändern.
Er konnte die Vergangenheit nicht rückgängig machen, aber es lag in seiner Hand, die eigene Zukunft zu ändern!
Langsam wurde es warm im Zimmer, und er schaltete Musik ein, die ihm eigentlich immer geholfen hatte, mit allem fertig zu werden. Kurz überlegte er und beschloss runter in die Küche zu gehen, um etwas Kleines zu kochen. Wenn seine Familie nach Hause kommen würde, würden die sich sicher darüber freuen, und der Gedanke hinterließ ein kleines Lächeln auf seinen Lippen.
Er war nicht alleine und er wollte die Kälte nicht zulassen, auch wenn diese wohl immer versuchen würde, ihn zu umhüllen. Doch es gab Wege und Mittel, das abzuwenden, und er war endlich dazu bereit, diese Mittel zu ergreifen und endlich zuzulassen, dass auch er Wärme erfahren durfte.

 

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