Autor:in: Benjamin Lapp

In der Kälte der Melancholie

 

Der graue Schleier des heranrückenden Tages drückte sich erbarmungslos durch das Schlafzimmerfenster hinein und legte sich tonnenschwer auf Marias Brust. Ihre silbergrauen Augen, von denen so oft ein Strahlen ausgeht, blickten sorgenvoll zum Fenster, in der leisen Hoffnung, die Düsternis würde einfach verfliegen. Sie presste die Lippen aufeinander, doch so sehr sie innerlich flehte, änderte sich nichts daran.
„Heute wird Sie kommen“, Maria ist sich so sicher. Aus ihrem Gedankenlabyrinth wird sie von einem gut gelaunten „Wuff“ gerissen. Samson, ihr treuer Golden Retriever, stupst mit seiner Schnauze gegen ihre Füße.
„Es ist gut, Samson. Wir gehen gleich los!“…
Maria verschwand förmlich in dem leuchtend roten Parka, der aufgrund ihrer zierlichen Statur riesig wirkte, und wenn sie den Reißverschluss bis oben zumachte, stieß er schon gegen ihre Nasenspitze. Doch sie mochte ihn, er war so wollig warm und an diesen nasskalten Wintertagen war er genau richtig.
Die Haustür fiel ins Schloss und sie blickte sich um und atmete dabei tief ein und aus.
Der Schnee ließ das Grau des Wetters ein wenig freundlicher erscheinen, wenigstens dies.
Doch das Trübe war wie Feuchtigkeit, die sich langsam in ihren Klamotten, in ihrem Körper und in ihrer Seele festsetzte.
Am Bürgersteig angekommen, grüßte freundlich Sigi, der Nachbar, zu ihr hinüber, und sie winkte mit einem Lächeln im Gesicht freudig zurück: „Guten Morgen.“
„Guten Morgen. Wollt ihr zwei ein wenig wandern?“ Er lachte auf. Maria lächelte.
„Ja, obgleich Samson den Weg schon fast alleine kennt, aber so ein paar Schritte an der Luft sind nicht verkehrt.“
Sigi, auf seinen Schneeschieber gestützt, nickte zustimmend.
„So“, Maria schwang ihren regenbogenfarbigen Schal mit Schwung um ihren Hals, „…mein Hund wird langsam unruhig, ich muss los.“ Sie verabschiedeten sich.
Auf dem Weg durch das Dorf begegneten ihr noch ein paar weitere Frühaufsteher an diesem Montagmorgen. Es waren ausnahmslos erfreute Gesichter zu erblicken, wenn Maria schon von weitem freudig grüßte.
Die Querung der Bundesstraße war wie das Überschreiten einer imaginären Grenze. Sie trennte das Dorf vor den anwachsenden, mitunter über das Dorf richtenden, ewigen Hügeln des Tals.
Maria blieb einen Moment an der Straße stehen und schloss die Augen. Ihre Ohren vernahmen eine monotone Wand der Geräusche, von PKWs und LKWs, die aneinandergereiht wie absonderliche Blutkörperchen diese Lebensader hindurch trieben. Nun hörte sie auch Kinderlachen, wohl von der an der Bundesstraße gelegenen Bushaltestelle. Schüler und Schülerinnen, die sich offenbar Dank des Schnees die Zeit gut vertrieben.
Sie öffnete nun die Augen wieder, blickte nach rechts und links und ging schnellen Schritts mit Samson hinüber. Zwischen den Häusern kam die Tragweite des grauen Schleiers nicht so vollends zum Tragen wie nun hier in der Natur. Maria fühlte sich noch unbedeutender in diesem Talkessel, niedergedrückt durch den schwermütigen Nebel. Die Wege waren weder geräumt, noch mehr deutlich abzugrenzen von den schneebedeckten Feldern und Wiesen, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als schwerfällig durch den hohen Schnee zu stapfen.
Sie war doch für heute angekündigt.
Ihr Gesicht bekam eine sorgenvolle Maske. Samson, unbeeindruckt von der Last seines Frauchens, tollte durch den hohen Schnee. Jeder Schritt war nun Belastung für sie.
Der sorgenvolle, dunkle Kummer breitete sich wieder in ihr aus, sie konnte es spüren und kein Ausgleich nirgends. „Samson, langsam!“
Sie orientierte sich an Büschen zur Abgrenzung des Feldwegs von den Wiesen, aber nicht immer gelang ihr dies und so stocherte Maria sich weiter durch den hohen Schnee. Ihr roter Parka war der einzige Farbtupfer in diesem scheinbar endlosen weißen Meer.
Der Wind peitschte erbarmungslos in ihr Gesicht. Sie wendete sich ab und schaute zurück, doch nur das Weiß des Bodens, das in Verwischungen vom Grau der Luft überging, war noch da. Es wurde immer dunkler im Inneren.
Samsons Gebell zog Maria wieder heraus aus diesem Einstrom von Nachdenklichkeit.
Ihr Blick blieb an der alten Eiche hängen, die das Zeichen war, dass sich hier nun der Weg gabelte. Unter dem Baum suhlte sich ihr treuer Begleiter im Schnee und wartete schon auf sie. Er schaffte es immer wieder, auch in diesem Anflug von Düsternis, sie zum Lächeln zu bringen.
Links von der Eiche, deren Äste im Winde des Nebels einen traurigen Tanz für ihre einzige Zuschauerin vollführten, bahnte sich ein Weg zu einem kleinen Plateau hoch, doch dies war nun Nebensache, denn die würdevolle Traurigkeit dieser einsamen Eiche zog Maria heute für einen längeren Zeitraum als üblich in ihren Bann.
Wieder einmal war es Samson, dessen Unbekümmertheit wie ein Echolot in dieser eisigen Natur fungierte. Vereinsamte Bäume waren nun die Markierungen für sie, wo sich der Weg zwischen Feldern entlang schlängelte. Sie nahm sich Zeit, jeden dieser Bäume zu berühren. Das letzte Stück setzte ihr zu, denn obgleich der Schnee zwar die Szenerie ein wenig übertünchte, war doch um sie herum anklagende, sterbende Natur. Hölzerne Leichen, ausgehöhlte Rümpfe, wo sich vor kurzem ein dichter pulsierender Wald erstreckte und ihre Augen suchten flehentlich einen Haltepunkt, der doch nicht vorhanden war.
Als würde das Leid der Natur ihr in die Beine fahren, kam Maria im hohen Schnee ins Stolpern. Reflexartig stützte sie sich mit den Händen ab und schabte an einem scharfen Stein, der unentdeckt unter dem Schnee lag, entlang. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht ließ Samson einen Augenblick von seinem Toben ablassen und zu ihr zurückkehren.
Winselnd legte er sich vor ihr in den Schnee, während sie sich ein wenig geistesabwesend den Kratzer an dem Handballen ihrer linken Hand anschaute. Der Kälte trotzend sammelte sich am unteren Ende der Wunde ein Blutstropfen und ließ sich fallen. Wie in Trance schaute Maria dem Tropfen bei seinem Sinkflug durch die Kälte zu, um mit anzusehen, wie er in seiner letzten Handlung die weiße Schneeoberfläche küsste. Die Zeit schien eingefroren zu sein.
Mit einem Blick in die treuen Augen ihres Mitstreiters und einem „Komm lass uns hochgehen!“, durchbrach sie die Stille.
Auf dem Plateau angekommen, stapfte sie schwerfällig und erschöpft hinüber zu einer Reihe von Holzbänken, die gewöhnlich einen Blick freigaben über das Tal.
Maria schob den Schnee von einer Bank herunter. Sie wirkte müde, als sie ihren Körper auf der Bank niederließ.
„Es sollte doch heute endlich passieren“, durchlief es wie ein Mantra ihren Kopf.
Sie blickte ohne rechte Begeisterung über das weite Feld des Tales, das sich vor ihr in grau/weißen Schattierungen offenbarte, um dann den Blick zurückzuwenden und in verwehte Spuren zu blicken. Schwarze Tristesse.
Als sie schon resignierend gehen wollte, berührte Sie ihre Schulter.
Maria drehte sich mit freudigem Herzklopfen um und da war sie, die ersehnte Sonne lugte hinter einem Wolkenspalt hervor und sendete umgehend viele glänzende Sonnenstrahlen zur Begrüßten, zu ihr, die überschwänglich um ihr Gesicht herumtanzten.
Sie ließ sich auf die Bank fallen und öffnete dankbar ihr Herz und lächelte in sich hinein, denn nun war alles gut, für den Moment.