Autor:in: Heike Oldenburg

Ludwig Baumann, Wehrmachtdeserteur im Zweiten Weltkrieg: „Lebt gewaltfrei!“

0 Kommentare

„Haltung haben und zeigen, nicht alles hinnehmen
und auch lästig sein: Das ist für mich
erste Bürgerpflicht.“
Ludwig Baumann, S. 30

 

Ludwig Baumann war „kein Widerstandskämpfer. Und auch kein Held.“ (Baumann 2014, S. 8) Nach diesem lange in Verzweiflung gelebten Leben war jedoch der positive Schluss: „Manchmal braucht es einen langen Atem – aber es hat sich gelohnt.“ (Baumann 2014, S. 9) Im Zweiten Weltkrieg überlebten nicht einmal 5% der Deserteure den Krieg: 100.000 sind im KZ gestorben, 23.000 wurden ermordet (Baumann 2014, S. 7). Von nur 3.000 Militärrichtern so entschieden – bei der Wahl zwischen langjährigem Zuchthaus und Todesstrafe wurde zumeist für den Tod entschieden.

Der Sohn eines Hamburger Tabakgroßhändlers Ludwig Baumann wurde im Dezember 1921 geboren. Sein aus armen Verhältnissen kommender Vater war erst Bäcker, dann ehrgeiziger Zahlmeister auf Schiffen in Hamburg. Seine Schwester war ein Jahr älter. In der Schule gab es für ihn als Legastheniker nicht viel zu gewinnen. Die Lese-Rechtschreibstörung war damals als eigenes Störungsbild noch nicht bekannt. Immerhin war er der beste Turner in der Klasse. Bis zum Alter von zwölf Jahren wurde er häufig zu Hause geschlagen. Mit 14 begann er eine Maurerlehre, mit 15 musste er den Tod der geliebten Mutter verkraften.

Baumann war elf Jahre alt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Er war nie in einer Organisation der Nationalsozialisten. Im Jahr 1940 baute er beim Reichsarbeitsdienst Deiche an der Ostsee in Ostpreußen. Mit 19 Jahren wurde Baumann eingezogen. Er kam zur Marine-Hafenkompanie in Bordeaux in Südwestfrankreich. Seinen Freund Kurt Oldenburg, ebenfalls Hamburger, lernte er dort kennen. Eine unmilitärische, wüste Kompanie erwartete ihn. Das Leben war erträglich, es gab nur wenige Aufgaben zu erledigen. Die Soldaten konnten Rotwein und Kinofilme genießen. „Die Kriegshölle war woanders.“ (Baumann 2014, S. 27) Aber sie wollten beide keinen Gebrauch von der Waffe machen. Also stiftete Baumann seinen Freund an, mit zu fliehen. Bei der Flucht im Juni 1942 – Amerika war als Ziel geplant – hatten sie Pech: Sie liefen einer der wenigen Patrouillen in den Arm. Zwar liefen die festnehmenden Soldaten vor den für unbewaffnete Schmuggler gehaltenen Gefangenen. Sie setzten ihre Waffen nicht ein. Trotz Folter verriet Baumann keinen der helfenden Franzosen. Am 30. Juni 1942 wurde folgender, durch sein ganzes Leben hallender Satz (Baumann 2014, S. 35) formuliert: „Die Angeklagten Baumann und Oldenburg werden wegen schweren Diebstahls [zwei Pistolen] und Fahnenflucht im Felde zum Tode verurteilt (…). Die Flucht von der Fahne ist und bleibt das schimpflichste Verbrechen, das der deutsche Soldat begehen kann.“ (später gefunden in Unterlagen im Staatsarchiv Bremen, darunter auch sein Todesurteil. Er selbst hatte vieles davon vergessen.)

Während der Haft las Baumann in der Bibel die Bergpredigt. Sie gefiel ihm. In dem zweiten Buch in der Zelle, „Mein Kampf“, schon im Jahr 1926 formuliert, las Baumann: „An der Front kann man sterben, als Deserteur muss man sterben.“ (Baumann 2014, S. 42)! Baumanns Urteil wurde sieben Wochen später in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe verwandelt, da sein Vater sich in Hamburg für ihn eingesetzt hatte: Ihm wurde das nicht mitgeteilt! Jeden Morgen in den kommenden acht Monaten wachte Baumann in der Furcht auf: Heute könnte es zur Erschießung gehen. 300 Tage und 300 Nächte, die sein Leben zerstörten (Baumann 2014, S. 44). Die „Gnadenentscheidung“ (Baumann 2014, S. 49) wurde ihnen erst im April 1943 bekanntgegeben! Im Mai 1943 ging es über das Emsland-Lager Esterwegen für über ein Jahr weiter ins Wehrmachtsgefängnis Torgau. Baumann nutzt hier erstmals das Wort „Wahnsinn“  für die Ermordung eines friedliebenden, sympathischen Kameraden. Baumann trug dessen Foto neben einem von Oldenburg sein Leben lang bei sich. Kurt Oldenburg fiel im Strafbataillon. Baumann kam im September 1944 an die Ostfront ins Strafbataillon. Dort erwischte ihn im Dezember 1944 ein glatter Durchschuss, der ihn ins Lazarett brachte und so sein Leben rettete. Ein Arzt half ihm. Er half einem Kameraden durch Schmierestehen, während der sich selbst verletzte. Als Leichtsinn, Wahnsinn oder auch Widerstand (?) war eine Tat von Baumann am 2. Mai 1945 zu bezeichnen: Beim Telefondienst entdeckte er offizielle Blanko-Marschbefehle im Schreibtisch. 20 Stück davon verteilte er an seine Kameraden. Es waren nur noch Datum und „Überweisung ins Heimatlazarett“ einzufügen. Zum Glück verriet ihn damals niemand. Erst im Dezember 1945 kam Baumann wieder nach Hamburg.

Albträume, im Alter zunehmend, gehörten sein Leben lang zu Baumanns Alltag: „Ich liege in meiner Todeszelle, mit schweren Eisenfesseln an Händen und Füßen. Ich kann nicht schlafen, nicht weglaufen, mich nicht wehren – ich kann nur warten. Ohnmächtig und ausgeliefert. Dann werde ich begnadigt. Und dann reißen sie die Zellentür auf und zerren mich hinaus, zum Erschießen.“ (Baumann 2014, S. 5) Auch durch eine Therapie im Jahr 1991 konnte diese wiederkehrende quälende Erfahrung nur gemildert werden. Traumatherapeuten überzeugten ihn im Jahr 1980, dass seine psychischen Verletzungen auch noch seine Kinder und Enkelkinder beeinflussen würden – egal, ob darüber gesprochen oder geschwiegen werde.

Zwischen 1945 und 1966 war Baumann alkoholkrank. Im Jahr 1947 starb sein Vater. Das Erbe versoff  Baumann bis zum Jahr 1950. Er wurde Vertreter für Gardinen, später für Radios. Dabei lernte er mit 29 Jahren seine zukünftige Gattin, die damals 18-jährige Waltraud kennen. Sie war sehr unglücklich, dass Baumann vom Alkohol nicht loskam. Sie starb im Jahr 1966 bei der Geburt des sechsten Kindes. Die Verantwortung für die sechs Kinder – 0 bis 13 Jahre alt – brachte Baumann zur Vernunft.

 

Ludwig Baumann (rechts) bei der Eröffnung der Kurt-Oldenburg-Straße in einem Neubaugebiet (Jenfelder Au) im September 2016 in Hamburg; der (damalige) Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Wandsbek, Herr Pape; Foto: Günter Knebel

 

Die Familie stand immer hinter Baumann. Der Abschied vom Alkohol zog sich hin. Im Jahr 1979 wurde ihm vom Jugendamt eine Zuverdienstmöglichkeit eröffnet. Er setzte sich inzwischen für den Frieden und die Dritte Welt ein. Im Jahre 1986 sah Baumann das erste Mal ein Denkmal für Deserteure („Ein feines Ding.“; Baumann 2014, S. 30). Es regte ihn an, sich mit seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen. Im Juli 1987 begann Baumann zusammen mit Friedensfreund:innen am Bremer Hauptbahnhof bei den Abfahrtsterminen der jungen Rekruten über das Recht der Wehrdienstverweigerung aufzuklären. Ein Blatt mit „Informationen für unzufriedene Soldaten“ hatte er bei sich. Das Oberlandesgericht gestand ihm im Jahre 1988 das Recht auf diese Form der Meinungsäußerung zu und hob das Hausverbot auf. Ein (nach Alfred Andersch) weiterer Schriftsteller hatte sich inzwischen als Deserteur bekannt: Gerhard Zwerenz. Ab September 1989 reisten B. Brechts Tochter, Hanne Hiob, vier Wehrmachtsdeserteure und zwei Totalverweigerer mit einem „Deserteurs-Theater“ durch ganz Deutschland. Im Januar 1989 ging Baumanns erster Brief „in eigener Sache“ an den „Härtefonds für NS-Opfer“ – er wurde drei Jahre später abgelehnt.

Im Oktober 1990 wurde auf Initiative von Baumann – er war 69 Jahren alt – die „Bundesvereinigung der Opfervertretung der Militärjustiz e.V.“. gegründet. Der Verein hatte nie mehr als 37 Mitglieder, dabei nur eine Frau. Seit den frühen 1990ern kam Unterstützung von den Medien. Alte „Kameraden“ schrieben hassvolle Briefe an Baumann. Im November 1993 wurde Baumann erstmals als Redner auf eine Gedenkveranstaltung eingeladen. Ein Satz, den Baumann nach dieser Veranstaltung sagte, spricht der Autorin dieses Artikels aus der Seele: „Es schmerzt, gegen die immer gleiche Wand rennen zu müssen.“ (Baumann 2014, S. x).  Die Autorin erlebt ihre Anstrengungen zur Verbesserung der Psychiatrie in Bremen ohne Lobby und gegen die Wand der Pharma-Industrie  als ein mühseliges Unterfangen mit kaum absehbarem Erfolg.

Im Mai 1995 wurde Baumann der „Aachener Friedenspreis“ zugesprochen, der am 1. September verliehen wird. Wenige Wochen später im November 1995 entschied der Bundesgerichtshof (BGH), dass ein Richter für seine Urteile in seiner Zeit (hier: DDR) durchaus zur Verantwortung zu ziehen sei. In diesem Zusammenhang wurde vom BGH erstmals auch das Unrecht der Wehrmachtsjustiz thematisiert: Deren offensichtlich unrechtmäßige Todesurteile werden als „Blutjustiz“ kritisiert, die  Richter hätten wegen Rechtsbeugung in Tateinheit mit Kapitalverbrechen zur Verantwortung gezogen werden müssen. Dass das nicht geschah, sei ein folgenschweres Versagen.
Im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages kämpften der Grüne Volker Beck und Herta Däubler-Gmelin (SPD) für die Wehrmachtsdeserteure. Im November 1996 beschloss die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fast einstimmig (mit 115 gegen 5 Stimmen) eine Kundgebung „Zu den Deserteuren des Zweiten Weltkrieges“. Sie begann mit den Worten: „Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen“, und befürwortete darin auch Entschädigungsansprüche („Wer sich weigert, sich an einem Verbrechen zu beteiligen, verdient Respekt.“ (Baumann 2014, S. 90))
Nach dem Bundestagsbeschluss vom 15. Mai 1997 konnte  eine einmalige Zahlung in Höhe von 7.500 DM erfolgen, infolge hoher Nachweispflichten bekamen viele Betroffene aber nichts!
Im März 1995 wurde die Wehrmachtsausstellung in Hamburg eröffnet. Deren Wanderung durch viele Städte hat die Diskussion um die Verbrechen der Wehrmacht sehr belebt. 1998 wurden die Urteile des Volksgerichtshofes und der Standgerichte mit dem „Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile“ pauschal aufgehoben, unklar blieb aber die Rehabilitierung der Wehrmachtdeserteure. Im Juli 2000 wurde erstmals ein Kranz für die Deserteure im Bendlerblock niedergelegt. Erst 2002 wurden mit Hilfe der PDS – 57 Jahre nach Kriegsende im März 2002 – auch die Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure endlich aufgehoben. Damit waren diese alle nicht mehr vorbestraft, konnten nun Beschimpfungen etwas entgegenhalten.
Von den 37 einstigen Gründern der Bundesvereinigung erlebten das nur noch sechs! (Baumann 2014, S. 111) Baumann blieb bis zu seinem letzten öffentlichen Auftritt im Januar 2017 in Hamburg aktiv. Ludwig Baumann starb im Juli 2018 in einem Bremer Altenheim.

„Lange dachte ich, mein Leben sei wertlos, ich sei wertlos.“ (Baumann 2014, S. 126) Baumann hat keine seiner Lebensentscheidungen bereut. Er betrachtete sein Leben als erfüllt und gut. Einer seiner Enkel schrieb unter ein für ihn gemaltes Bild: „Für einen besonderen Opa“. (Baumann 2014, S. 120) Das Wort „Wahnsinn“ fällt hier noch einmal – für die hohen Rüstungsausgaben in unserer kalten Welt. (Baumann 2014, S. 121)

Ich bin sehr froh, dass Ludwig Baumann sein Leben mit professioneller Unterstützung aufgeschrieben hat. So bleibt dieser interessante und „starke“ Lebensweg für die Nachwelt erhalten. Prof. Dr. Wolfram Wette, Freiburg, der im Dezember 2012 den Vorsitz des wissenschaftlichen Beirats der „Bundesvereinigung der Opfervertretung der Militärjustiz e.V.“ übernahm, schreibt zu Baumanns Auftreten: „Er sprach leise, stets frei, argumentierte überlegt, zeigte sich erkennbar verletzlich, aber nicht verbittert, verfiel auch nicht in einen Jammerton (…).“ und nannte ihn „eine authentische Persönlichkeit“. Wette schrieb: „Ludwig Baumann wird keinen Nachfolger haben.“

„Niemals gegen das Gewissen …“ ist wirklich gut zu lesen. Der Kampf um erfolgreiche Anerkennung seiner Würde ermutigt, über die eigene Lebenssituation nachzudenken.

 


Quellen
:

Ludwig Baumann (mitgewirkt: Norbert Joa), Niemals gegen das Gewissen: Plädoyer des letzten Wehrmachtsdeserteurs. Herder, Freiburg i. Br. 2014

Wolfram Wette, Trauerrede für Ludwig Baumann, Link: http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Stellungnahmen/Wette20180718LB-Trauerrede.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Baumann_(Wehrmachtsdeserteur)

Stellungnahme zum gemeinsamen Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und SPD, die von den Nationalsozialisten als „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“ Verfolgten als NS-Opfer anzuerkennen (Drs. 19/14342 vom 22.10.2019)

https://www.spurensuche-bremen.de/spur/einer-der-sich-wehrte/

Bernd Siegler, https://taz.de/Ludwig-Baumann/!1625944/ , Zugriff am 12. März 2021

TAZ NS-Justiz, Die ehrhaften Verräter, https://taz.de/!628883/ , Zugriff am 19. April 2021

http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/

https://www.bundestag.de/resource/blob/501186/5cab3d455ea7c85a1dfbd7ce458d499a/WD-1-040-16-pdf-data.pdf

Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V., https://www.nsberatung.de/home

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.