Autor:in: Julia Schröder

Mediensucht eine “neue” Krankheit

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Eine Mediensucht kann das ganze Leben zerstören. Aber was ist Mediensucht? Heute sind doch alle online. Ständig. Wenn ich in der Straßenbahn oder im Zug sitze, dann sind um mich herum teilweise zehn Menschen, die auf ihr Smartphone schauen. Auch an der Haltestelle stehen viele Menschen, die auf ihr Smartphone gucken. Es ist, als wären diese Menschen in einer anderen Welt. Ihr Körper ist zwar anwesend. Aber ihr Geist ist woanders. Es scheint heute völlig normal zu sein, das Smartphone als Verlängerung des eigenen Körpers zu nutzen. Wann ist der Medienkonsum aber gefährlich oder toxisch? Wann ist es ein Leid? Und was kann man dagegen tun? Auch in den Behandlungen, die ich im Gesundheitssystem mitmachen kann, sind Smartphones allgegenwärtig. In Therapieräumen sind sie mit dabei. In den Pausen zwischen den Therapien werden sie zur Ablenkung genutzt, zum Austausch mit anderen Menschen, oder zum Recherchieren und Konsumieren von Online-Inhalten. Auch das ist „normal“. Aber wann ist es ein Problem? Und was für Lösungen gibt es dafür?

Laut Wikipedia soll man maximal zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag online sein. Das wird als „gesund“ definiert. Es gibt aber Menschen, die an Computer-Arbeitsplätzen arbeiten, und sowieso mehrere Stunden täglich online sind. Hier wird keine Richtlinie vorgegeben. Ein Leid ist eine Mediensucht, wenn das tägliche Leben darunter leidet. Das bedeutet, wenn ich es nicht mehr schaffe, meinen Alltag zu bewältigen. Der Haushalt wird nicht mehr gemacht. Post wird nicht mehr geöffnet und bearbeitet. Schule oder Arbeit werden nicht mehr gut gemacht. Es kommt zu Fehlern wegen Konzentrationsproblemen, Fehlzeiten oder Abbruch von Schule oder Arbeit. Die Sozialkontakte leiden darunter, weil man sich nicht mehr um sie kümmert. Sport wird nicht mehr gemacht. Die Ernährung ist schlecht. Das äußere Erscheinungsbild wird vernachlässigt, die Körperpflege, die Kleidung. Im schlechtesten Fall wird das ganze Leben vernachlässigt. Am Ende sind Betroffene fast den ganzen Tag online, sitzen in einer dreckigen Bude, werden lotterig und nehmen stark zu oder ab, weil sie nicht mehr auf die Ernährung achten, und sind sozial völlig vereinsamt. Das ist also ein ernsthaftes Leid, was das ganze Leben in Gefahr bringen kann. Durch den ständigen Medienkonsum kommt es zu Konzentrationsproblemen. Auch körperliche Haltungsschäden können entstehen, durch mangelnde Bewegung und falsche Körperhaltung beim täglichen Medienkonsum.

Eine Diagnose für Mediensucht gibt es erst im ICD-11. Bisher behelfen sich Profis im Gesundheitssystem mit anderen Diagnosen, wie eine Störung der Impulskontrolle. Es gibt schon Lösungen, was man machen kann, um von einer Mediensucht wegzukommen. Dabei gibt es Mediensucht in verschiedenen Bereichen. Manche Menschen sind abhängig von Diensten wie Netflix. Andere Menschen sind abhängig von Social Media wie Instagram. Und wieder andere sind abhängig von Online-Spielen. Manche sind auch von mehreren Diensten abhängig. Es gibt hier informative Internetseiten wie mediensuchthilfe.info, auf denen wissenschaftlich überprüfte Informationen angeboten werden. Es gibt Selbsthilfegruppen speziell zum Thema Mediensucht. Es gibt Kliniken, in denen es Therapieangebote gibt. Und eine Psychotherapie kann helfen.

Doch heute kann kein Mensch mehr völlig ohne Internet leben. Also zielen diese Angebote darauf ab, den Medienkonsum zu kontrollieren, wie Menschen mit einer Essstörung einen gesundheitsförderlichen Umgang mit Essen lernen müssen. Dabei schaue ich erst, wie lange ich Medien täglich konsumiere. Ich schreibe dazu ein „Online-Tagebuch“ für ein paar Tage. Dann untersuche ich, welche Inhalte ich konsumiere. Und dann mache ich mir einen Plan, was und wie lange ich täglich Medien konsumieren will. Dabei entsteht ein Loch. Denn all die Zeit, die ich vorher online war, muss nun mit anderen Dingen gefüllt werden. Nur weniger online sein, reicht nicht aus. Denn dann ist die Rückfallgefahr groß, wenn ich nichts zu tun habe in meiner Offline-Zeit. Ich muss dann lernen, was ich bei einem Rückfall mache.

Die Tatsache, dass bei Therapien kein Smartphoneverbot besteht, macht Sinn. Denn man soll ja lernen, seinen Medienkonsum zu kontrollieren, und nicht, völlig ohne Smartphone zu leben. Trotzdem ist die Anwesenheit von Smartphones in Therapien oder Pausenräumen eine Art Trigger. Damit muss man umgehen lernen. Es gibt in Amerika richtige Camps, wo die Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihre Smartphones am Anfang abgeben müssen. Manche halten das nicht mal ein Wochenende aus. Sie fahren dann lieber mit dem Smartphone wieder nach Hause, da selbst zwei Tage ohne Smartphone undenkbar für sie sind. Die Lösungen für das Problem in einer Therapie zu sein, aber auch Internet um sich herum zu haben, müssen individuell erarbeitet werden. Denn es sind individuelle Probleme, bei den Einzelnen.

Eine Mediensucht, die bereits einiges im Leben zerstört hat, lässt sich wieder in den Griff kriegen. Mit der richtigen Unterstützung, den richtigen Strategien und der Bereitschaft an sich zu arbeiten, kann sich die Situation verbessern, so dass ein gesundheitsförderlicher Umgang mit Medien erreicht werden kann. Rückfälle gehören dazu. Hier gilt es, nicht aufzugeben, und wieder zu den erlernten Strategien zurückzufinden. Das Rad der Zeit zurückdrehen, funktioniert nicht. Ohne Internet zu leben, ist heutzutage schier unmöglich, so wie ein Leben ganz ohne Essen. Doch was und wie viel man konsumiert, kann man selbst entscheiden und mit der nötigen Hilfestellung auch eigene Ziele erreichen.

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