Autor:in: Christian Kaschkow, Irmgard Gummig

Schlichtungsstellen des TOA (Täter-Opfer-Ausgleich) in Hemelingen

 

Schlichtungsstelle Hemelingen I und II, Täter-Opfer-Ausgleich (TOA), steht auf Flyern, die wir im Bürgerhaus Hemelingen liegen sehen. Das ist eine wichtige Institution und wir beschließen nachzufragen.

 

Natürlich finden wir zuerst im Internet viele fachliche Informationen.

TOA in Bremen gibt es seit fast 30 Jahren, es ist einer der ersten und größten bundes-weit. Er hat seinen Hauptsitz “Am Wall”, und betreibt Ausgleich und Mediation in vielen Stadtteilen.
In verschiedenen Schlichtungsstellen arbeiten 16 Mitarbeiter (davon vier Ehren-amtliche), es sind Psychologen, Juristen und Soziologen, mit Zusatzausbildung als Streitschlichter. Einmal wöchentlich gibt es offene Sprechzeiten, und/oder Termine nach Absprache.

Die Schlichtungen in den Stadtteilen finden in öffentlichen Einrichtungen statt und sind kostenlos. Sie beruhen auf Freiwilligkeit, alles Gesprochene wird vertraulich behandelt.

Geschlichtet wird zwischen Zivilpersonen, überwiegend bei Konflikten wie Streit unter Nachbarn, in der Familie, in Partnerschaften, unter Kindern und Jugendlichen. Oft geht es um Diebstahl, Bedrohung, Körperverletzung. Die Mitarbeiter arbeiten allein, oder in Begleitung einer/eines PraktikantIn. Konflikte wie Stalking und Häusliche Gewalt betreut ein Team von zwei Psychologen. Ein Mitarbeiter vermittelt in der JVA (Justizvollzugsanstalt), mit Tätern, die ernsthaft ihre Reue bekunden wollen.
Ziel der Schlichtung ist die beiderseitig freiwillige Konfliktlösung, d.h. beiden Parteien haben als Ergebnis gemeinsam die Tat verarbeitet, sich gütlich geeinigt und werden sich in Zukunft respektvoll begegnen. Es zählt die Nachhaltigkeit, die Art der Wiedergutmachung wird in einem Schlichtungsvertrag festgehalten.

Bei schweren Straftaten ist es nicht üblich, sie im Rahmen des TOA zu schlichten.

 

Der TOA wird vom Amt für Soziale Dienste und aus Mitteln des WiN (Wohnen In Nachbarschaft), oder aus Sondermitteln finanziert. Aber was steckt dahinter, was sind das für Leute, was können sie?

Wir nehmen telefonisch Kontakt auf und die Mitarbeiterinnen des TOA in Hemelingen Frau Horndasch und Frau Lemke erklären sich bereit zu einem Interview.

Bei unserem Termin im Bürgerhaus Hemelingen treffen wir zwei sehr engagierte Frauen. Es wird ein emotionales, von beiden Seiten zugewandtes Gespräch, bei dem wir die persönliche Seite und Kompetenz der beiden Frauen erleben können.

 

Welche Voraussetzung qualifiziert Sie denn, um für TOA arbeiten zu können?

Frau L: Wir haben beide ein Hochschulstudium. Ich bin Psychologin, meine Kollegin ist Juristin, also ein multiprofessionelles Team, zusätzlich sind wir ausgebildete Streitschlichter.

 

Was ist denn Ihre persönliche Motivation?

Frau H.: Ich hatte schon früher beruflich von TOA gehört und fand das wirklich interessant. Basisarbeit, man hat mit Menschen zu tun und kann Probleme direkt lösen, das war meine Motivation. Ich mache das jetzt seit sechs Jahren und mir macht es Spaß, den Leuten zu helfen, die Konflikte zu lösen.

Frau L.: Ich hab vor Jahren während des Studiums ein Praktikum beim TOA gemacht und fand die Arbeit gut. Man ist nah dran an den Menschen, interessant ist auch der fachliche Austausch mit den Kollegen aus verschiedenen Bereichen.

 

Wir finden, der TOA wird nicht so publiziert. Wie erfahren Betroffene, dass es Sie gibt?

Wir kooperieren z.B. mit dem Jugendhaus Hemelingen, haben regelmäßig Kooperationstreffen mit anderen Trägern oder Polizei, hier im Bürgerhaus und im Gemeindezentrum Christernstrasse liegen Flyer aus. Im Cafe Mobile haben wir eine offene Sprechstunde jeden dritten Mittwochnachmittag. Unser Anliegen ist, dass die Hemmschwelle niedrig ist und die Leute wissen, da können wir hingehen.

Entweder man kann zur Polizei oder zum Anwalt gehen, oder mit unserer Hilfe versuchen, Konflikte untereinander zu lösen und sich zu einigen. Auch unterstützen wir Fälle von der Staatsanwaltschaft. Die Verfahren ruhen in der Zeit.

Wir machen das für alle Menschen. Wer zu uns kommt, den unterstützen wir.

 

Was ist, wenn sich jemand nicht traut, in Kontakt zu gehen?

Viele sind verunsichert, wie komm ich hin, was erwartet mich, wer sind die Personen, auf die ich treffe. Wir ermutigen Menschen, die eine Hemmschwelle haben, schon am Telefon, dass es ein freiwilliges und vertrauliches Angebot ist. Wir sagen, dass man auch jederzeit entscheiden kann, den Kontakt zu beenden, selbst nach schon gelaufenen Gesprächen. Wir klären über unsere Schweigepflicht auf und dass wir für alle Klienten eine Hilfe sein wollen. Jeder Betroffene hat dabei die Möglichkeit, in Begleitung einer Vertrauensperson oder Dolmetscher herzukommen.

 

Führen Sie die Gespräche einzeln oder mit beiden Parteien?

Wir sprechen immer erst mit der einen Seite, um zu hören, was vorgefallen ist. Jemand erzählt uns seine Wahrnehmung von der Tat, z.B. Körperverletzung oder Bedrohung. Dabei wird auch manchmal beschönigt… Dann telefonieren wir, schicken Einladungen oder Terminbriefe an die andere Partei, bevor wir mit der anderen Seite reden. Die geschädigte Person erzählt uns dann ihre Version, oder umgekehrt. Im Idealfall gibt es ein gemeinsames Gespräch, aber selten sind die Fälle so ganz klar.

 

Sie vermitteln auch viel an Schulen, welche Erfahrungen haben Sie damit?

Wir gucken schon, dass wir gerade bei jüngeren Kindern die Eltern mit einbinden, dann wird auch transparenter, was wir machen. Bei älteren Kindern sind Gespräche ohne Eltern manchmal effektiver, weil Kinder sich oft aus Scham nicht trauen, vor den Eltern zu sprechen. Auf dem Schulhof z.B. sind die Eltern ja auch nicht dabei.

 

Sind Nachbarschafts-Streitigkeiten z.B., dass sich ältere Menschen über Lärm der Jüngeren aufregen?

Oft kann man gar nicht feststellen, was der Auslöser war. Einer sagt, dein Hund ist zu laut, der Nächste, deine Kinder trampeln, ein anderer regt sich über den Rasenmäher auf. Durch Gespräche können wir das herausfinden, und die Klienten bekommen Denkanstöße, eine andere Betrachtungsweise, die man vorher so nicht gesehen hat.

 

Wie dokumentieren Sie denn?

Höchstens kleine Notizen, nur Besonderheiten, wir brauchen keine Protokolle. Unsere Arbeit hat unterstützenden Charakter, die Beteiligten sollen ja nach Möglichkeit eigenständig eine Konfliktlösung herstellen. Bei Fällen von Staatsanwaltschaft und Polizei bekommen diese nur das Ergebnis übermittelt.

 

Und wie hoch schätzen Sie selbst die Erfolgsquote?

Das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Es gibt Fälle, bei denen es ganz einfach ist. Oder jemand weiß genau, was er will, und der andere hat Scheu, überhaupt etwas zu sagen, und Geschädigte kommen zu uns und die Beschuldigten haben kein Interesse. Aber die Frage ist auch: Was ist Erfolg? Für uns ist ganz klar, wenn der Konflikt gelöst ist.

 

Erleben Sie auch Fälle, bei denen keine Einigung zustande kommt?

Auf jeden Fall. Die eine Seite möchte gerne, die andere nicht. Auch dann gibt es keine Zwangsmaßnahmen, die Entscheidungen anderer Menschen muss man akzeptieren.

 

Was machen Sie, wenn Aussage gegen Aussage steht?

Wir sind nicht auf der Suche nach der Wahrheit, wir machen keine Polizeiarbeit. Wir sind nicht das Gericht und vernehmen auch keine Zeugen.

 

Hat das denn noch Konsequenzen, vielleicht vor Gericht?

Es geht außergerichtlich nur durch Einsicht. Die Beteiligten müssen freiwillig den Konflikt lösen, dann ist es nachhaltig und hat Bestand. Wir geben keine Lösung vor. Unter Zwang kann man keinen Konflikt lösen.

 

Was sind denn Lösungen? Ist Schmerzensgeld eher selten?

Es hängt davon ab, wie der Betroffene das Problem lösen will. Eventuell wird ein Schmerzensgeld oder Schadenersatz vereinbart, oder ähnliche Wiedergutmachung mit symbolischem Charakter. Kommt auf die Straftat an. Bei jugendlichen Tätern ohne Einkommen geht es über Sozialstunden, oder fünfmal Rasenmähen o.ä.. Wir fragen die Leute nach Lösungswünschen, was sie sich vorstellen, da gibt es eine große Bandbreite.

 

Wenn ein Opfer nach extremem Übergriff zu Ihnen kommt, z.B. Vergewaltigung, was machen Sie dann? Beraten sie Opfer weiter?

Wir unterstützen die Person, fangen sie auf, aber drängen sie nicht. Wir raten zur Anzeige, aber gehen nicht mit ihr an der Hand zur Polizei. Wir sprechen mit ihr, wenn wir merken, die Person ist psychisch zu labil, verweisen wir an den Psycho-logischen Notdienst. Man guckt, wie unterstützend das soziale Netz ist, Verwandte, Freunde, ob es Hilfe von Beratungsstellen gibt. Bei Familienkonflikten überprüfen wir, ob das Jugendamt eingeschaltet ist, besteht Interesse an einer Therapie bei Jugendlichen, die selbst Opfer von Gewalt sind, oder immer wieder gewalttätig werden. Man hat dafür ein Gefühl.

Wir machen keine Therapie, aber sprechen darüber, vermitteln Beratung. Auch die Stadtteilschule bietet AntiAggressions- Training und einen psychologischen Notdienst an.

 

Sind Sie mit anderen Einrichtungen richtig vernetzt?

Zu unserer Arbeit gehören auf jeden Fall Kooperationsgespräche mit Einrichtungen im Stadtteil, regelmäßige Treffen zum Austausch untereinander finden statt. Es gibt den Arbeitskreis-Jugend, das WIN-Forum, und andere Kreise. Es kommen auch Verurteilte mit Auflagen wie Anti-Aggressions-Programm und der Bereitschaft zum Täter-Opfer-Ausgleich zu uns, auch dann arbeiten die Einrichtungen zusammen.

 

Wie schaffen Sie es, so vieles Verschiedenes zu bewältigen?

Es macht ja Spaß. Wenn die Menschen zu uns kommen und Konflikte lösen können, ist das auch für uns ein Erfolgserlebnis.

 

Spaß, kann man das wirklich so sagen?

Es ist kein Spaß wie ins Kino gehen, es ist mir ein Anliegen, es bereitet mir Freude.

Das ist eine persönliche Bereicherung, nicht nur durch die Arbeit mit den Klienten, sondern auch durch den Austausch im Team. Wenn Menschen herkommen und danach erleichtert nach Hause gehen, ist das ein gutes Gefühl. Wenn sie sagen: „Sie haben mir sehr geholfen“, macht das Freude.

 

Wie schützen Sie sich selbst?

Man kriegt z.B. die Wut mit, die eigentlich dem Nachbarn gilt. Aber man ist professionell und kann das einordnen. Gerade bei Kontakt mit Kindern kann es einen so betroffen machen, dass man es mit nach Hause nimmt. Es sind meist intensive Gespräche. Das ist es, was man manchmal abbekommt, aber dafür nutzen wir Supervision, Intervision, und den Austausch unter den Kollegen.

 

Können Sie immer ganz klar Ihr Ziel benennen?

Unser Ziel sind Konfliktlösungen, die den Vorstellungen und Wünschen der Betroffenen entsprechen. Damit haben wir genau das erreicht, was unsere Arbeit bezweckt. Wir versuchen, beiden Parteien gerecht zu werden, auch wegen unserer eigenen Glaubwürdigkeit. Wenn der Konflikt zwischen den Parteien gelöst ist und diese sich nachher respektvoll begegnen, das ist unser oberstes Ziel.

 

Konflikte unter Menschen wird es immer geben und mit Hilfe des TOA gibt es eine außergerichtlich und professionelle Möglichkeit zur Schlichtung.
Darauf wollen wir noch mal deutlich hinweisen.
Wir vom Zwielicht-Team hatten nach dem Interview das Gefühl:
Wer Kontakt aufnimmt, wird kompetent begleitet in seiner Absicht, Konflikte zu lösen, auch wenn es noch so ausweglos erscheint.

 

Kontakt Schlichtungsstelle:

Täter-Opfer-Ausgleich Bremen
0421 – 33 65 400
Am Wall 193
28195 Bremen
www.toa-bremen.de
Email: info@toa-bremen.de