Autor:in: Benjamin Runge

Stolpersteine in der Arbeitswelt

Veranstaltet vom Projekt ADA – Antidiskriminierung in der Arbeitswelt – fand am 26.11.2021 ein Webinar (online-basiertes Seminar) zum Thema psychische Erkrankung und Gleichstellung in der Arbeitswelt statt. Das Webinar fand per Videokonferenz statt und war gut vorbereitet mit technischem Support per Telefon und einer Linksammlung mit weiterführenden Informationen. Die Teilnahme war begrenzt, 21 Teilnehmer:innen waren anwesend.

Als Referent:innen sprachen:

  • Martin Ksellmann, ADA – Antidiskriminierung in der Arbeitswelt
  • Clara Müllenmeister, ifd – Integrationsfachdienst Bremen GmbH, Arbeitgeberservice
  • Jan-Frederik Wiemann, FOKUS – Zentrum für Bildung und Teilhabe der Initiative zur sozialen Rehabilitation e.V., Experte durch Erfahrung (EX-IN) und Peerberater

Ziel des Webinars war es, die Teilnehmer:innen als Multiplikatoren zu gewinnen, die in ihren jeweiligen Bereichen und Arbeitsumfeldern für das Thema sensibilisieren und Informationen weitergeben können.

Diskriminierung und Intersektionalität

Martin Ksellmann führte mit der Begriffsklärung zu Diskriminierung und Intersektionalität ein. Dazu stellte er das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor, das 2006 in Kraft trat und Benachteiligungen verhindern und abbauen soll.

Diskriminierung wird definiert als eine Benachteiligung aufgrund einer Eigenschaft, die dem:der Betroffenen zugewiesen wird. Der:die Betroffene muss dafür die Eigenschaft nicht tatsächlich haben oder davon wissen.

Im AGG sind Merkmale erfasst, mit denen ein Risiko der Diskriminierung einhergeht: Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung, Geschlecht und sexuelle Identität. Psychische Erkrankungen gehören zum Merkmal „Behinderung“ und fallen damit eindeutig unter den Diskriminierungsschutz. Rund 17 % der Krankschreibungen geschehen aufgrund psychischer Erkrankungen. Außerdem sind sie der Hauptgrund für Frühverrentung.

Kombinieren sich mehrere der genannten Eigenschaften, können sich andere, neue Formen von Diskriminierung ergeben. Dies wird als Intersektionalität beschrieben.
Das AGG nimmt Arbeitgeber:innen in die Pflicht, gegen Diskriminierung vorzugehen, sowohl proaktiv – um Diskriminierungen zu verhindern – als auch reaktiv – um vorhandene Diskriminierungen abzubauen.

Podiumsdiskussion

Jan-Frederik Wiemann erzählte seine persönliche Geschichte von seiner psychischen Erkrankung und dem Umgang damit in seinen Arbeitssituationen und seinem beruflichen Werdegang. Wiemann hat als Fachkraft für Veranstaltungstechnik und als Landwirtschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Er beschrieb seinen Weg von der anfänglichen Ignoranz seiner psychischen Probleme hin zu Selbstakzeptanz und einem offenen Umgang im Arbeits-umfeld. Heute arbeitet er als EX-IN Genesungsbegleiter und Peerberater. Es wurde in der Gruppendiskussion klar, dass es keine Patentlösung gibt, wie und ob man gegenüber seinem Arbeitsumfeld, insbesondere dem Arbeitgeber, eine psychische Erkrankung kommuniziert.

Integrationsfachdienst

Clara Müllenmeister stellte den Integrationsfachdienst Bremen als eine Anlaufstelle vor, die Menschen mit Einschränkungen bei der Teilhabe am Arbeitsleben unterstützt. Müllenmeister referierte über den Schwerbehindertenstatus als formellen Diskriminierungsschutz, wie man diesen erlangt und was es dabei für Probleme geben kann. Außerdem brachte sie ihre Erfahrungen mit Arbeitgeber:innen ein, die durchaus ein Interesse daran haben, eine eingearbeitete Person auch mit psychischer Erkrankung weiter zu beschäftigen und dazu bereit sind, dafür Möglichkeiten zu schaffen.

Persönlicher Eindruck

Als Teilnehmer war mein größter Lernfaktor, dass ich als Person mit psychischer Erkrankung mehr Rechte und mehr Möglichkeiten habe, als ich dachte. Ich habe bisher nur zufällig von der Möglichkeit gehört, wegen psychischer Probleme einen Behindertenstatus zu bekommen. Die vorgestellten Organisationen waren mir bisher nicht bekannt. Auch fand ich es ermutigend zu sehen, dass auch Arbeitgeber:innen Behinderungen nicht unbedingt negativ sehen müssen und ein Interesse haben, ein Arbeitsverhältnis aufrechtzuerhalten.

Positiv im Gedächtnis blieb mir ebenfalls eine Anmerkung von Frau Müllenmeister, dass der Grad der Behinderung völlig unabhängig von der Leistungsfähigkeit ist – dass meine Arbeit also durch meine Einschränkung nicht automatisch weniger wert ist.

 

Weiterführende Informationen

FOKUS – „Arbeit im Fokus“ ist ein Beratungsprojekt für Menschen in psychisch belastenden Lebenslagen.
www.arbeitimfokus.de

ifd – Integrationsfachdienst: Der ifd bremen ist ein gemeinnütziger Dienstleister im Bereich „Gesundheit, Behinderung und Arbeit“ und unterstützt seit mehr als zehn Jahren gezielt die Teilhabe von Menschen mit Einschränkungen am Arbeitsleben.
www.ifd-bremen.de

ADA – Antidiskriminierung in der Arbeitswelt: Gibt es seit zehn Jahren und hat den Auftrag, vor Diskriminierung zu schützen und vorhandene Diskriminierung abzubauen.
www.ada-bremen.de

Sag ich’s? Im Rahmen eines Projekts an der Universität zu Köln wurde hier eine Hilfestellung für chronisch kranke bzw. schwerbehinderte Personen entwickelt, um bei der Entscheidung, ob dem Arbeitsumfeld die eigene Erkrankung kommuniziert wird, Unterstützung zu bieten.
www.sag-ichs.de

AGG-Wegweiser:
Erläuterungen und Beispiele zum Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz.

www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Wegweiser/agg_wegweiser_erlaeuterungen_beispiele.html