Autor:in: Andreas Roemer

Verarbeiten statt Schularbeiten

 

Hier liege ich nun – ich muss es so annehmen. Auf dem feuchtdampfenden Asphalt einer Nebenstraße kurz hinter der Erdbeerbrücke. Der warme Sommerregen strömt über meine Schürfwunden, derer ich mich flüchtig versichere, nachdem ich mich von dem unter mir liegenden Fahrrad respektvoll zurückgezogen habe. Warum? Weil sich mir die Straßenbahnschienen – unter dem Tarnmantel regengetränkter Baumblüten – als ein spontan-Hindernis, für die spontan-schnelle Straßenquerung, entgegengestellt hatten.
Zu meinem Unglück ist mein neues Fahrrad ein sogenanntes Herrenrad und besitzt eine Querstange, damit der Mann konsequent mit dem Fahrrad mitstürzt – mitgegangen, mitgehangen, könnte man jetzt denken. Aber für Späße bleibt gar keine Zeit, da es den tatsächlichen Schaden einzuschätzen gilt, das Schmerzzentrum hat soeben abgeschaltet und kühler Kopf muss bewahrt werden.

Ich besteige das Fahrrad erneut, das gleiche Ziel noch immer vor Augen. Das werd ich trotz alledem ja wohl schaffen (auch ohne die „Notfalltropfen von Bach“)!
Die Wohnung meiner Freundin ist nicht mehr so weit und wir wollten uns eh dort treffen. Bei eingeschränkter Sicht, muss jeder selbst sehen, wo er längsfährt: Ungeschriebenes Gesetz.
Jedenfalls lautete die Tagesordnung, dass wir uns für den anstehenden Freilichttheaterbesuch und angesichts des überraschenden Regenschauers erneut in trockene Tücher zu hüllen gedachten.Ich schiebe mein inneres Chaos beiseite, ich bleibe Handlungsfähig – fahre und lass die andern fahren! Ab jetzt kann alles nur besser werden! Und natürlich ist diese Situation nicht neu, als praktizierender Fahrradfahrer, der, wenn er seine Effizienz steigern möchte (und nicht nur langweilig dahin-daddelt), sich erneut Gefahren aussetzt. Ist der Körper im Alter noch gelenkig und geschmeidig, arrangiert man sich auch mit Stürzen. Und selbstverständlich schaffe ich mir als Nächstes wieder ein Damenrad an (das letzte wurde geklaut, kaum, dass ich vor zwei Jahren in die Stadt gezogen war). Die harten Lektionen auf dem Wege zum routinierten Radfahrer, wem bleiben sie in der Kindheit schon erspart, und in der Frühpubertät sowie in der lang andauernden Spätpubertät (wo sich zu den zwei Rädern noch gelegentlich ein PS-starker Motor dazugesellte). Das Fahrrad über Gräben und Zäune gehoben, mangels weiterführendem Weg, inmitten aufgeweichter Kuhweiden, geplätteten Reifens, von Dorf zu Dorf geschoben, mit argwöhnischem Blick auf vorbeirauschende Autos; und natürlich werde ich niemals die quer über den dunklen Weg eines Hinterhofs gespannte Eisenkette vergessen. “Take the long way home“, dies war mein Weg.

Das einst von Muttern fehlinterpretierte Potential entfaltet sich auf seine eigene Weise. Ja, liebe Mutter, um meine persönlichen Hausaufgaben, die auf dem Lehrplan des Lebens standen, hab ich mich stets bemüht, habe sie mir zunehmend selbst gestellt.

Ein vertrautes Brennen setzt ein. Mein Schmerzsystem hat das Fehlen diverser Hautpartikel sowie die Überanspruchung diverser Gelenke nun endlich zur Kenntnis genommen. Die Situation ist überschaubar und der geschundene Körper fühlt sich mittels warmer Regenwäsche ausreichend versorgt! „I did it my way“ (und meine ganz einzigartigen Storys) werde ich einst meinen Enkeln zu berichten haben. Und stolz werde ich ihnen meine Narben zeigen. Dann wird sich das Lehrgeld ausgezahlt haben.

Doch bei alledem – wo blieb da noch Zeit und Platz für die sogenannten Schularbeiten, die der sogenannte Schullehrplan für mich bereitstellte? Und als sich meine Mutter endlich anbot, mir Nachhilfe zu erteilen, die’s ansonsten noch nicht gab, war doch „das Kind bereits in den Brunnen gefallen“. Wozu das alles? Mein Leben ohne feste Arbeit – trotz Verarbeiten, keine Zeit für Schularbeiten.

Mittlerweile trete ich maximal in die Pedale, ich fliege dahin. Sowie ich täglich durch den Alltag fliege – von einer Aufarbeitung – zur Vorbereitung der noch abzuarbeitenden Aufgaben. “Why worry now“, wozu zurückblicken?

Auf meine noch nicht fachgerecht versorgten Schürfwunden, wird hier lediglich der mich Zuhause erwartende sanitäre Rettungsengel blicken wollen – um mich vor bleibenden Narben zu bewahren, auf die ich einst stolz sein werde. Wozu die Eile?Das vermeintliche Zuhause ist in Sicht, die Nummer des „lonesome cowboy on the long way home“ fällt heute aus!

Doch nochmals kurz zurückgeblickt: Während des Unfalls, blitzten da nicht in zeitraffender Anspannung Gedankenbilder vermeintlichen Unglücks auf (Rollstuhl, Gipsverband oder zumindest Platzwunden?) Wie schon so oft? Könnte man da nicht tief verdrängtes verarbeiten, in die Jetztzeit hineinweben?
Doch die Bilder entsprechen einer mir fremden Dimension. Sie lassen sich nicht; also lasse ich sie gelassen dahinziehen. Die Rechnung ist gemacht, die Kosten-Nutzen-Bilanz gezogen. Und wozu, Dich, lieben Leser, noch langweilen, mit „was-weiß-denn-ich“ aus meiner Vergangenheit? Falls ihr noch´ne Sensation bräuchtet: Erinnert Euch bitte mal an Eure eigenen Kinder-Horror-Stories: Wer wäre da nicht mal beinahe abgesoffen, abgestürzt oder hätte sich versehentlich erhängt, oder war „ganz nahe dran“ bei jemandem? Die Schrecken des Vergangenen – nehmt diese künstlich aufgedunsenen Brocken und reißt sie durch den inneren Wolf – wieder und wieder – bis sie säuberlich geschreddert und geschrotet sind. Aber weißgott verschont mich damit! Sonst schreibe ich sie auf! Und dann werden sie womöglich noch veröffentlicht – im Zwielicht nämlich!