Autor:in: Christian Winterstein

Verpiss dich!

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Um die Notunterkunft machte er an diesem Samstagabend einen Bogen. Beim letzten Mal hatte man ihn dort beklaut. Er ging in Richtung Hauptbahnhof, vorbei an der alten Post, wo er früher gearbeitet hatte. Eine Party-Straßenbahn zog an ihm vorbei. Gegröle und Basswummern drang an sein Ohr.

Der Bahnhofsplatz wimmelte vor Menschen. Jemand hielt ein Pappschild hoch, auf dem stand: BETE ZU JESUS! Eine Frau schrie: „Fete statt Jesus!“

Er ging in die hellerleuchtete Bahnhofshalle. Der Geruch verbrannten Fetts schlug ihm entgegen. Gespräche, Gelächter und Gekreische hallten vielhundertfach durch die Luft. An einem Pfeiler blieb er stehen und schaute auf die Menschen, die an ihm vorbeizogen. Ein Betrunkener trat nah an ihn heran, packte ihn an sein abgetragenes graues Jackett und hauchte ihm eine Schnapsfahne ins Gesicht.

Er klinkte sich in den Menschenstrom ein, der sich durch den niedrigen Durchgang unter den Bahngleisen Richtung Bürgerweide drängte. Kurz vorm Ausgang betrat er GLEIS 11, eine Kneipe. Dort fragte er nach seiner ehemaligen Freundin. Manchmal hatte sie ihm einen Platz zum Ausruhen und Schlafen angeboten. Die arbeite hier nicht mehr, antwortete die Bedienung hinterm Tresen und schaute ihm misstrauisch in das faltige Gesicht. „Verpiss dich!“, setzte sie hinzu, als er nicht gleich ging.

Er zwängte sich durch den Bahnhofsausgang. Draußen sog er die frische Luft tief in sich ein. Vom Messegelände dröhnte Musik von einem Popkonzert herüber. Jemand sang von einem schweren und steinigen Weg. Die Fans sangen begeistert mit.

Er zog ein paar Cents aus der Hosentasche. Im Supermarkt kaufte er sich ein Dosenbier. Das Bier trank er am Parkhaus. Dort betrachtete er eine Frau, die auf irgendwas wartete. Ihr Gesicht wirkte kindlich und war grell geschminkt. Die kaum bedeckten Brüste glänzten weiß unter der offenen Lederjacke. Sie zog ihre Mundwinkel herunter: „Verpiss dich!“

Es fing heftig an zu regnen. Die Schuhsohlen waren abgelaufen; seine Füße begannen zu schmerzen. Oft reichte bloß ein Blick, und er verstand: „Verpiss dich!“ Vergeblich suchte er nach einem trockenen und sicheren Platz zum Ausruhen und Schlafen.

Weit nach Mitternacht stand er wieder am großen Elefanten. Er schaute hoch zu dem Denkmal aus roten Steinen und setzte sich auf eine Bank. Vor ihm stand ein halb mit Regenwasser gefülltes Bierglas, in dem ein aufgeweichter Zigarettenstummel schwamm. Eine dickbäuchige Ratte schnüffelte am Glas. Plötzlich stürmten drei Gestalten hinterm Denkmal hervor und bauten sich vor ihm auf: SAUBERKEIT LIEGT UNS IM BLUT! stand in roten Großbuchstaben auf ihren schwarzen Lederjacken. „Verpiss dich!“, wies ihn eine mit erhobenem Arm und ausgestrecktem Zeigefinger fort.

Er trottete zurück zum Bahnhof. Wassertropfen fielen aus seinen weißgrauen Haarsträhnen. Den Bahnhof durchstreiften vereinzelt ein paar Nachtschwärmer, einige schwankend. Aus dem mit Glaswänden abgegrenzten Wartebereich dudelte ein Radio leise vor sich hin. Die Plätze waren mit Reisenden besetzt, die ihre Anschlusszüge verpasst hatten. Gebückt stieg er die Treppe zu einem Drogeriemarkt hoch. Rücklings legte er sich neben dem Eingang. Kurz nachdem er eingeschlafen war, rüttelten zwei an ihm. Benommen sah er in die über ihn gebeugten, stumpfen Gesichter. „Hier nicht. Verpiss dich!“, ranzte ihn einer vom Sicherheitsdienst an.

Langsam ging er die Treppe hinunter und schlurfte aus dem Bahnhof. Draußen drückte er sich längs an einen der Steinquader, die die Rasenfläche zwischen dem Bahnhofsplatz und dem Museum umrandeten. Er schaute hoch zu den Lichtmasten, die den Platz taghell ausleuchteten. Eine an einem Lichtmast befestigte Überwachungskamera war stumm und kalt auf ihn gerichtet. Wer ihn wohl gerade beobachtet, fragte er sich. „Verpiss dich!“

 

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