“Frühling lässt sein blaues Band …”
Worte,
vom Dichter Eduard Mörike im 19. Jahrhundert zu Papier gebracht in einer Reimform, die ein Gefühl der Umarmung bei mir hinterlässt.
Meine Schwester schreibt mir diese Worte, und das lässt mich lächeln. Bilder von Erinnerungen an Gemeinsames entstehen in meinen Kopf, an Gutes, an kurze friedliche Situationen, die es tatsächlich auch gab in unserer gemeinsamen Vergangenheit.
Es ist eine starke Verbindung zwischen uns Schwestern, die ich spüre, obwohl wir räumlich so weit voneinander entfernt leben. Es ist die Hoffnung, und ganz sicher auch das gemeinsame Erbe, das wir in uns zu tragen haben, dass uns solche Worte manchmal fast zeitgleich denken und aufschreiben lässt.
Dieses gemeinsame Erbe des sich bewusst Seins der Bedeutung von ausgesprochenen Worten, des bewusst mit Worten umgehen auf unsere sehr persönliche Art, bei allem mit der Bedeutung dessen, was wir ausdrücken. Die Liebe zu Worten, das sind Erinnerungen an unsere gemeinsame Kindheit, gefühlt so manches Mal den Ausgleich schaffend zu anderen erlebten Unbilden.
Ich war acht Jahre alt, als meine kleine Schwester geboren wurde, und bekam wieder von der Mutter die Aufgabe auferlegt, fast vollständig die Pflege und Fürsorge für sie zu übernehmen. Auch für die anderen geringfügig älteren Geschwister hatte ich bis dahin schon sehr viel Verantwortung in Bezug auf Versorgung und Organisation aufgebürdet bekommen. Nun kam also noch ein Baby dazu und ich kümmerte mich so gut es ging, ich kleines Mädchen, zusätzlich zu allem anderen, was ich bewältigen musste. Friedlich war es in mir in den Momenten, wenn ich mit meiner kleinen Schwester im Kinderwagen; und später sie an der Hand führend, durch die Wiesenwege und Felder gewandert bin. Eine Flucht aus dem Zuhause war es und ein Schutzschild wurde es des Öfteren auch, denn dann war ich beschäftigt und konnte nicht anderweitig von den Eltern benutzt werden.
Worte.
Sie werden genutzt für Gedanken zur Flucht aus der Not.
Auch das ist ein Teil unseres gemeinsamen Erbes.
Die Mutter, unsere Mutter, so erlebten wir, flüchtete manchmal in diese, wenn die Qual für sie so groß wurde, ausgeführt von dem kranken und meistens betrunkenen Mann an ihrer Seite, dem sie sich ergeben hatte. Leider; das muss ich sagen, vernebelte ihr diese Lebenssituation so sehr das Hirn, dass sie mich und später auch ihre zweite Tochter – meine andere Schwester – dem Vater zum Fraß vorwarf in einer Form, die man als sexuellen Missbrauch am eigenen Kindern bezeichnet, wie ich heute weiß. Sie nutzte uns Mädchen, die sie geboren hatte, als Schutzschild für sich, damit sie die Übergriffe ihres Mannes nicht selbst erleiden musste.
Worte.
Zwischen all den in unserer Kindheit erlebten Widrigkeiten hörten wir von ihr auch diese schönen, vom Dichter aufgeschriebenen, und es klang so schön und blumig und friedlich. Ja, auch die Mutter hangelte sich an diesen Dingen des Öfteren entlang, um der Gewalt und den Sorgen zu entfliehen. Dann saß sie bei uns und lächelte für einen kurzen Augenblick und sprach uns Kindern gegenüber aus, was gerade als Gegenpol in ihrem Kopf auftauchte.
“Frühling lässt sein blaues Band …”
So schreibt meine Schwester mir den Anfang des Gedichtes.
“Wieder flattern durch die Lüfte …”
So antworte ich ihr mit der nächsten Textzeile aus dem Gedicht zurück, mit einem Lächeln, voller Liebe füreinander und immer wieder gelebter Freude am Leben.
Trotz alledem!
Zitat Eduard Mörike:
“Er ist’s”
Frühling lässt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte.
Süße wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
