Autor:in: Eleyne

Die Angst vor Nähe

 

Es ist erstaunlich …

Das ganze Leben lang dauert es schon an, dass die Angst präsent ist. Von frühester Kindheit an wurde es so erlebt, dass Vertrauen haben und Nähe zulassen mit Verrat verbunden war, mit Gefahr, Gewalt. So entstand es dann, das Misstrauen, und die Angst, die Angst vor Nähe. Die Angst davor Gefühle zu zulassen. Die Angst vor Menschen in meiner Nähe, vor dem zeigen unserer Person, und in Kontakt mit anderen Menschen gehen ohne Dissoziationen war kaum noch möglich. Die Angst wurde so vehement eingebläut, dass es keine andere Chance gab für uns, heile aus solchen Situationen herauszukommen.

Dann, nach vielen Jahren breche ich das Schweigen. Endlich. Und es passiert etwas. Es verändert sich. Im Innern ist die Angst immer noch präsent, aber sie verändert sich. Dadurch, dass ich in Handlung gehe, verliert das früher Erlebte seine Macht, mein Leben zu beeinflussen. Ich merke immer mehr, dass ich es in der Hand habe, das Leben selbst bestimmen kann.
Zuerst war es nur ein vorsichtiges Sehen, was rundherum um mich wirklich passiert. Ein vorsichtiges in Kontakt zu kommen mit Menschen wird möglich, anfangen zu reden, anfangen sich nicht mehr zu verstecken, sich nicht mehr so schuldig zu fühlen wegen all dem, was passiert ist mit mir. Denn ich hatte keine Schuld, auf keinen Fall.
Dadurch, dass wir angefangen haben zu reden, konnte ich sehen, was mit mir ist. Ich bekam Erklärungen zu den Zusammen hängen, bekam erstmals eine Erklärung, wie die Angst und das Misstrauen entstanden sind durch das Erlebte, und meinen daraus entstandenen Erkrankungen. Warum ich so geworden bin, wie es ist. Es war meine Chance zu überleben.

Und nun – fange ich noch mal an zu leben, anders noch mal, und bin langsam in der Lage in Handlung zu gehen und habe wieder Hoffnung, Lebensmut.

Das Leben, mein, unser Leben, verändert sich dadurch. Des Öfteren passiert es, dass ich schon mit weniger Angst und vollem Bewusstsein meiner Person, das Haus verlassen kann ohne in die Dissoziation gehen zu müssen, um das zu schaffen. Es braucht meistens noch ziemlich genaue Planung und längere Zeit der Vorbereitung jedes Mal, aber es geht. Der Gedanke, die Angst, ist da. Menschen können uns begegnen und sehen wie beschmutzt ich bin, diese Schranke muss zuerst überwunden werden, dann die Tür auf, rausgehen, weitergehen, Menschen ansehen, die dort entlanggehen, grüßen, Gespräch führen mit Nachbarn, und bewusst mitbekommen, was passiert. Keine Dissoziation, diesmal nicht, mit Stolz gefühlt. Und innerlich unter den Innenpersonen entsteht eine Freude, mehr Sicherheit, weniger angstvolles Geschrei, Blicke gehen nach außen, es beruhigt sich, ich beruhige mich, sie beruhigen sich, weil sie sich auf mich als Außenhauptperson in diesem Moment verlassen können. Ich habe gelernt zu sein, in diesem Moment gerade geht es. Wir gehen weiter, ich schaffe es zu beruhigen nach innen, “es ist alles in Ordnung, kann nichts passieren, ich übernehme die Verantwortung, die Gefahrensituationen waren früher, ihr habt mir dabei geholfen diese zu überleben. Danke dafür.“ Auch die großen Beschützer von innen können sehen, dass ich es schaffe und müssen nicht die Beschützer Funktionen übernehmen. Jetzt noch mal reale Situation überprüfen. So geht es, mal besser, mal nicht so gut.

Dann schaffen wir den Weg, treffen wir uns in dem Begegnungshaus mit anderen Menschen, schaffen es reinzugehen trotz Angst, wieder das vermitteln von außen nach innen von mir. Dort treffen wir Leute, die wir inzwischen länger kennen. Mit der Zeit haben wir es geschafft, uns, mir selbst zu vertrauen und auf die Leute, die dort sind, zuzugehen. Wir konnten uns sogar mit einigen anfreunden, tatsächlich ein wenig Vertrauen entstehen lassen. Ich kann begrüßen, einige, nein alle, in den verschiedenen Räumen. Wir gehen vor sichtig, es ist ein Gefühl wie auf rohen Eiern zu laufen vielleicht. Immerzu umsehen kommt von innen, Hab Acht Stellung ist da. Das ist die alte Angst. Aber ich freue mich, merke ich. Ich, die Hauptaußenperson, hat dort bewusst Kontakte knüpfen geschafft. Es geht, es ist tat sächlich möglich, einige von den Leuten zu mögen, andere einfach so zu begrüßen, und manche kann ich sogar in den Arm nehmen zur Begrüßung. Das ist eine ganz besondere Leistung. Da konnte soviel Sicherheitsgefühl entstehen, dass ich ein schätzen kann in dem Moment, dass ich sicher bin und es vollkommen in Ordnung ist. Ich kann mir selbst vertrauen. Ich bestimme. Wenn ich, wir uns genug vergewissert haben, ob, wie und wo wir sind, können wir uns dazusetzen, können reden, können sogar gemeinsam essen. Auch das ist eine besonders veränderte Situation bei mir. Essen ist von früher mit soviel Gefahr und schlimmen Erinnerungen belastet, dass es immer Schwerarbeit ist, so etwas, noch dazu in Gesellschaft, mit ein wenig in Ruhe einzunehmen und zu schmecken.

Eines Tages treffen wir dort auf eine Frau, eine Mitarbeiterin, die der Mutter von früher äußerlich sehr ähnlich ist. So etwas ist ein Trigger, Schock erstmal. Stress, Dissoziation ganz oft, wenn wir ihr begegnen. Aber wir haben es geschafft, es verändert sich. Dadurch, dass wir uns an trainiert haben, uns in Alltagssituationen immer wieder selbst zu beruhigen, meine in langer Schwerarbeit antrainierten Hilfsmittel zu benutzen dabei, zu sagen, wie ist, die Realität, überprüfe, genau hinsehen, was gerade wirklich passiert, schaffe ich es meistens, die Angst zu überwinden und handlungsfähig zu bleiben. Die Angst ist also da. Aber wir schaffen es immer öfter, die Situationen in der Tat realistisch einzuschätzen. Ja, es hat sich verändert. Wir sind ins Gespräch gegangen, haben uns getraut, Kontakt zuzulassen, trotz des anfänglichen Schocks. Jetzt freuen wir uns, wenn wir uns sehen, die Frau und ich. Wir können reden, mal kurz  mal mehr, irgendwann im Laufe eines Gespräches passiert es sogar, dass wir uns aus der Situation heraus in den Arm nehmen können. Es war uns ein Bedürfnis, wir hatten einfach Lust, unserer Sympathie auch mal in dieser Form Ausdruck zu verleihen. Das ist vielleicht toll, so ein Vertrauen entwickeln zu können, aus so einer Anfangssituation heraus mit dem Bild, dass soviel der nicht gut handelnden Mutter glich. Ich bin so stolz darauf, was wir geschafft haben. Ja, es ist real, Vertrauen konnte entstehen, ich kann in der Realität bleiben, und dadurch die Begegnungen mit Freude handhaben.

Irritationen entstehen immer wieder, Ängste sind immer da, aber es sind einige Menschen die mir inzwischen ans Herz gewachsen sind, die ich mich einfach traue zu mögen. Es bereichert mein Leben, real mit Menschen in Kontakt zu sein, Sympathie empfinden und zeigen zu können, zu reden, zu sein wie ich bin, mit allem in mir. Dadurch hat sich mein, unser Leben verändern können. Auch wenn es weiterhin zu irritierenden Situationen kommen wird, weil immer und überall Parallelen sein werden, die Trigger sind und alte und neue Ängste hervorrufen werden, möchte ich sein, wie ich bin.
Ich habe keine Lust mehr auf Verstecken, Angst, Scham, Schuldgefühl, Misstrauen.

Nein, lieber Freude, hören, sehen, fühlen. Trotz alledem.