„Es ist normal, verschieden zu sein und es ist menschlich, divers zu sein“ – mit diesen Worten begrüßte Uwe Gonther, Ärztlicher Direktor der AMEOS-Klinik (ehemals Dr. Heines), die rund 200 Besucher:innen des Fachtages Neurodivergenz. Dieser fand im Speicher in der Überseestadt statt. „Bei uns in der Einrichtung gibt es Menschen, die sich mit dem Thema Neurodiversität besser auskennen und sich für Diversität und Empowerment aussprechen“, so Gonther. Er trug eine wichtige Botschaft in das Publikum: „Die Gesellschaft muss so organisiert sein, dass Menschen mit ihren Besonderheiten so leben können, wie sie es möchten.“
Einer der Gastredner bei dieser Veranstaltung war Frank André Zimpel, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Neurodiveristätsforschung an der Universität Hamburg. Er definierte den Fachbegriff wie folgt: „Neurodiversität beschreibt die einzigartige Vielfalt menschlicher Nervensysteme, die sich wie Schneeflocken nie gleichen. Innerhalb dieses Spektrums existieren Menschen, die anders denken, fühlen und handeln als die gesellschaftliche Norm es erwarten würde.“ Jeder sei besonders und gerade deshalb seien alle „vollkommen richtig im Kopf“.
„Neurodivers“ meint, dass die neurobiologischen Unterschiede in unseren Gehirnen in ihrer Vielfalt als „normal“ betrachtet werden. Der Begriff geht auf die australische Soziologin Judy Singer zurück. Sie soll ihn erstmals in ihrer Masterarbeit 1998 erwähnt haben. Inzwischen hat er sich in der Forschung etabliert. In die Neurodiversität sind eingeschlossen: Autismus, Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche), AD(H)S (Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-) Störung), Autismus-Spektrumsstörung, Tourette-Syndrom, Dyskalkulie (Rechenstörung) und Dyspraxie (Schwierigkeiten, Bewegungen und Handlungen zu planen und durchzuführen). All das sind Bestandteile der menschlichen Vielfalt, Arten des Seins. Jedoch finden diese in der Gesellschaft kaum angemessene Berücksichtigung und Unterstützung, etwa im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt.
Laut Zimpel sind mindestens 4 Millionen Menschen in Deutschland vom Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom betroffen, und fast eine Million befinden sich im Autismus-Spektrum. „Die Intelligenz dieser Personen wird nicht selten unterschätzt – sowohl von anderen als auch (schlimmer noch) von ihnen selbst.“
Zimpel stellte in seinem Vortrag eine Verknüpfung zwischen Neurodiversität, künstliche Intelligenz (KI) und menschliche Intelligenz her. Dabei nahm er Bezug auf das Werk „Wahnsinn und Gesellschaft“ von Michel Foucault. Eine Lehre hieraus ist: „Bezeichnet man jemanden als intelligent, spricht man anderen die Intelligenz ab. Neurodivergente Menschen betrifft Letzteres in besonderem Maße. Der ‚KI-Hype‘ treibt diesen ‚Wahnsinn‘ auf die Spitze, indem er Maschinen Intelligenz zuschreibt und die Intelligenz der Menschheit abschreibt.“ Bis hierhin sei „Wahnsinn“ abwertend gemeint. Gleichzeitig spreche aber gerade die Fähigkeit von Menschen, Maschinen zu bauen, die ihnen die Denkoperation abnehmen, dafür, dass Menschen „wahnsinnig intelligent“ seien. „In diesem Sinne ist ‚wahnsinnig‘ umgangssprachlich auch als anerkennend und aufwertend zu verstehen.“ KI stelle sowohl eine Bedrohung als auch eine Hilfe für neurodivergente Menschen dar. Ein Beispiel für eine Bedrohung ist: Zimpel steckte viel Mühe in das Erstellen eines Rap-Textes, nur um zu sehen, dass eine KI-App dieses in Sekunden erledigen konnte.
Diese Erfahrung war zutiefst frustrierend und verdeutlicht die Bedrohung, die KI für kreatives Schaffen darstellen kann. Andererseits kann KI helfen, Sprachbarrieren zu überwinden, wie Zimpels Arbeit mit Kindern im Autismusspektrum zeigt: Kinder im Autismusspektrum nehmen oft zu viele Unterschiede in der Sprache wahr und haben Schwierigkeiten, Muster zu erkennen. KI kann hier unterstützen, indem sie hilft, Sprache verständlicher zu machen und somit die Kommunikationsfähigkeit dieser Kinder zu verbessern. Zimpels Fazit: „KI bringt zwar neue Herausforderungen mit sich, aber bietet auch Chancen, die Vielfalt menschlicher Fähigkeiten besser zu erkennen, zu schätzen und zu unterstützen. Durch die Förderung neurodivergenter Menschen können wir nicht nur ihre einzigartigen Talente nutzen, sondern auch eine gerechtere und inklusivere Gesellschaft schaffen.“
Auch Jochen Gertejanßen beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Neurodivergenz. Er ist Oberarzt am AMEOS-Klinikum in Bremen. Dort arbeitet er auf einer allgemeinen psychiatrischen Station. Der Psychiater stellte in seinem Vortrag dar, wie Neurodivergenz und psychische Erkrankungen zusammenhängen – und welche gesellschaftlichen Änderungen nötig sind. „Es geht darum, ein Anders-Sein zu respektieren und nicht auszugrenzen. Die Krankenhäuser beschäftigen sich mit Menschen, die krank sind“, erklärte der Referent. „Neurodivergente Menschen treffen in unserer Gesellschaft immer wieder auf Hürden und Vorurteile. Es ist nicht schlimm, neurodivergent zu sein. Vor allem dann, wenn neurodivergente Menschen in einem Umfeld aufwachsen, wo ihre Divergenz gut funktionieren kann und akzeptiert ist. Leider stellt sich diese Situation in der Gesellschaft nicht so dar, vor allem durch die Zunahme einer Leistungsgesellschaft. Dadurch geraten viele Menschen an ihre Grenzen.“ Hieraus ergeben sich laut Gertejanßen dann psychische Begleiterkrankungen wie Depression, Angst- oder Zwangsstörungen sowie posttraumatische Belastungsstörungen. „Das Gefühl ‚irgendetwas ist falsch in mir‘ versuchen einige Betroffene durch Konsum zu verarbeiten, was in der Folge zu Suchterkrankungen führt. Mit diesen Erkrankungen kommen die Menschen dann zu uns in die psychiatrische Behandlung – und nicht durch die Neurodivergenz.“
Der Psychiater hob hervor, dass sieben Prozent aller Kinder und zwei Prozent aller Erwachsenen eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit (ADHS) oder ohne Hyperaktivität (ADS) aufweisen – und die Zahlen steigen. Viele Hürden erleben neurodivergente Menschen in ihrem Alltag. „Die Haupthürde ist die zwischenmenschliche Kommunikation. Es ist für einen neurodivergenten Menschen häufig sehr schwierig, Bedürfnisse anderer Menschen zu erkennen und eigene Bedürfnisse präzise zu benennen. Besonders davon betroffen sind Menschen im autistischen Spektrum“, so Gertejanßen. Das gehe mit schwierigen Anstrengungen einher und bringe Probleme im Alltag mit sich, wie Missverständnisse, Ablehnung und Ausgrenzung. „Menschen mit ADHS fallen häufig durch Hyperaktivität auf und bei Kindern führt das dann oft zur Unterdrückung von Bewegungsimpulsen und Bedürfnissen. Die Folge daraus sind Angstsymptomatiken sowie Depressionen“, so der Psychiater. Viele neurodivergente Menschen erfahren auch Mobbingerfahrungen.
Betroffene verfügen über viele Ressourcen und sind überdurchschnittlich intelligent, sind kreativ und unterscheiden sich von anderen Menschen. Die Gesellschaft kann sich ändern, damit Neurodivergente darin gut leben können. „Wir könnten zum Beispiel die Arbeitszeiten flexibler gestalten und sollten die Menschen fragen, in welchen Bereichen sie Unterstützung brauchen“, empfahl Gertejanßen.
Im Anschluss an die Vorträge kamen Betroffene zu Wort. Als erstes berichtete Aleksander Knauerhase über seine Erfahrungen: „Mit 35 Jahren erhielt ich die Diagnose Autismus. Seitdem beschäftige ich mich mit diesem Thema. Mittlerweile bin ich 50 Jahre. Seit fast 12 Jahren bin ich Referent im Bereich Autismus. Die Nachfrage wird immer größer.“ Seiner Expertise nach sehen Autisten häufig das Schöne im Detail. „Es ist anstrengend in großer Gemeinschaft zu sein und mühsam auf sich und seine Bedürfnisse zu achten. Ich habe versucht, so ‚normal‘ wie möglich zu sein. Das hat sehr viel Kraft gekostet. Wieder mehr auf sich zu achten, ist sehr wertvoll“, erzählte Knauerhase. In einem Workshop erzählte der Referent, wie unter anderem „stumme“ autistische Kinder immer noch gezwungen werden, gesprochene Sprache zu lernen. „Viele nutzen andere Arten der Kommunikation, die wir dann eben lernen müssen, um sie zu verstehen.“ Einen anderen wichtigen Aspekt sprach er an, bei dem es um das Bedürfnis der meisten Menschen im Autismus-Spektrum nach Ritualen und Vorhersehbarkeit ging. „Es geht um Sicherheit.“ Das Sicherheitsbedürfnis sei deshalb so ausgeprägt, weil das Stresslevel aufgrund der vielen Außenreize so hoch sei.
Imke Heuer hob hervor, dass der Begriff Neurodivergenz aus der Community – also der internationalen englischsprachigen Selbstvertretungsszene autistischer Menschen in den 1990er-Jahren stammt. „Persönlich halte ich das Konzept der Neurodiveristät und Neurodivergenz für sehr spannend und emanzipatorisch“, sagte Heuer. „Für wichtig halte ich es, Autismus und das Neurodiversitätskonzept nicht gegeneinander auszuspielen. Menschen, die unauffälliger sind, nicht allein auf das Neurodiversitätskonzept zu verweisen. Es ist ein ‚untypisches Profil‘, das zu Lebenserschwernissen führen kann.“ Neurodiversität betreffe alle Menschen, alle Lebewesen. „Wir stoßen an Barrieren, die wir noch gar nicht kennen.“ Eine Vernetzung sei sehr wichtig. „Wichtige Themen sind Diagnostik, Psychotherapie und Arbeit“, so Imke Heuer.
Nika Kühne hat eine AD(H)S-Diagnose und kämpft mit Reizüberflutung und einer erhöhten Sensibilität. „Ich habe mich in vielen Punkten wiedererkannt, aber ich weiß nicht genau, wohin ich gehöre. Ich denke, dass ich eine erhöhte Sensibilität als Grundausrichtung habe“, beschrieb Kühne ihre Anzeichen. Durch ihr Trauma habe sich ihr Gehirn diverser entwickelt, sagte sie. „Bei mir liegt eine erhöhte Reizoffenheit vor. Ich nehme sehr viele Reize wahr und analysiere Dinge tiefer und differenzierter. Ich finde, es ist wichtig, was ich bin und wie ich bin.“
Chris Lockingen hat eine Selbsthilfegruppe zum Thema AD(H)S in Bremen gegründet. „Ich habe sehr lange an einer depressiven Phase gelitten, und habe mich auf Selbsthilfe ausgerichtet. Dabei habe ich mir das Ziel gesetzt, etwas zu verändern“, erzählte Lockingen. Er wolle dazu beitragen, mehr Hilfsangebote zu schaffen. „Ich bin nicht alleine“, betonte er. Seine Wünsche formulierte er so: „Wir wollen mehr Vernetzung und das System müsste sich verändern. Es braucht mehr Anerkennung von AD(H)S und mehr Therapieangebote.“
