Autor:in: Karsten Kirschke

Wer wir sind oder Worte an die Gemeinschaft psychisch Kranker

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Wir sind ein offenes Geheimnis. Die ganze Welt kann es fühlen. Wir haben Angst und sind beängstigend. Man sieht uns an, dass wir Medikamente nehmen. Wir können uns nicht verstecken vor den strafenden Blicken. Demnächst steht unser Name auf gefährlichen Listen.

Nachts können wir nicht schlafen. Tagsüber sind wir müde und unfähig, zu arbeiten. Wir sind nutzlos und kaum zu gebrauchen. Mühsam atmen wir weiter, um zu ahnen, dass die Demut uns trägt. Wir sind verloren und kämpfen, obwohl wir nicht siegen können. Wir kennen den Kummer und nehmen ihn so, wie er ist.

Jeder von uns ist alleine. Und doch sind wir zahlreich. Zu wenige aber, um gehört zu werden. Unsere Stimmen verstummen im Chaos der verzweifelten Wut. Wir sind unterschiedlich und dennoch vergleichbar. Wir ähneln uns durch ähnliches Leid.

Wir streben nach Wahrheit, nur um der Wahrheit zu dienen. Um das Glück zu ermessen, bei der Suche nach Sinn in sinnloser Not. Wir können die Welt noch verstehen, wo sie sich selbst nicht mehr versteht. Beseelt von Dämonen ringen wir um göttlichen Trost. Einsam und klaglos träumen wir wohlig in die Schmerzen hinein. Jenseits von Gut und Böse ist der Wahn nicht mehr wichtig.

Denn dort, wo die Gedanken zur Hölle werden, schlägt unser heiteres Herz. Wo wir nicht mehr tiefer sinken können, loben wir die Tiefe für ihren verlässlichen Sog. Unser Wille ist ein Abgrund, der in sich selber stürzt. Wir sind unser eigener Tod und warten auf seine Vollstreckung.

Doch noch halten wir uns fest an einem zärtlichen Blick. An einer Blume, die am Wegesrand blüht. Am Duft von Regen, der im Sommer auf den heißen Asphalt fällt. Am Windhauch, der heilsam um unsere schiefen Nasen weht. An der Erkenntnis, dass wir sterben dürfen. An der Freiheit, dieses letzte Urteil anzuerkennen. Ganz gelassen, mit freundlichen Fragen und mit heiligem Mut.

Unser Leben bleibt flüchtig. Nur die Vergänglichkeit ist ewig. So wie die Gewissheit, dass es weitergehen wird. Irgendwie. Und irgendwann auch ohne uns. Kein quälender Kummer steht dem Ende im Weg.

Auch morgen scheint die Sonne hinter einer dunklen Wolkenwand. Auch morgen wird es einen neuen Morgen geben. Für heute aber ist es gut gewesen. Wir mögen uns schlafen legen nach einem tapferen Tag. Wer wir sind, spielt nun keine große Rolle mehr.

Gezeichner Cartoon mit zwei Männern die reden

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