Autor:in: Mariana Volz

Bäume können nicht sprechen – Ein Spaziergang durch meinen Kopf

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Wer wir sind… Was ist mit diesem Titelthema dieser Ausgabe eigentlich gemeint? Ist es eine Frage, die sich jede:r stellen und nach Lust und Laune beantworten kann?
Dann würde das Titelthema aber doch direkt fragen „Wer bin ich?“, und ein Fragezeichen würde den Schluss bilden.
Bei der Entscheidung für das Titelthema war ich nicht dabei, und seitdem ruckelt und hakelt es in meinem Kopf hin und her. Was ist damit gemeint? Haben die anderen mehr darüber gesprochen und einen tieferen Sinn darin gesehen, das Titelthema so zu benennen?
Sei’s drum, in mir hat es den Anstoß dazu gegeben, dass ich euch Leser:innen gerne etwas aus meinem Leben erzählen möchte. Vielleicht ist das ja die Super Power eines hakeligen Titelthemas: Es bringt einen zum Nachdenken, und man kann seine ganz eigenen Geschichten dazu erzählen.
Über das „Wir“ bin ich besonders gestolpert. Ich dachte, wer in meinem Leben ist dieses „Wir“?
“Wir”, die ZWIELICHT-Redaktion?
“Wir”, mein Partner und ich? Ich sage auch manchmal „wir sind auf der Arbeit“ und meine damit mich und meine bezaubernde Hündin, da ich das Glück habe, sie mit auf die Arbeit nehmen zu können, ist sie quasi 24/7 bei mir. Da kann man vielleicht wirklich schon von einem „Wir“ sprechen.
Ich kann mich von der „Ich“-Betrachtung leider nicht lösen, also dachte ich, was macht mich denn so aus? Da gibt’s eine Menge, aber ganz aktuell hatte ich eine Erkenntnis über mein Selbstbild, das mich 22 Jahre belastet hat und das ich jetzt nach all den Jahren durch einen Zufall neu beleuchten konnte.
Mit 16 Jahren war ich das erste Mal in einer psychosomatischen Klinik. Wie ich dahin gekommen bin, erzähle ich häufig mit empörter, übertriebener Stimme, hinter der ich aber eigentlich versuche vor allem Scham, Unsicherheit und Angst zu verstecken. Angst, dass mir jemand sagt: „Na, aber wegen so etwas geht man doch nicht in eine Klinik“ oder „Krank warst du dann ja aber nicht.“ Das Bedrückende ist, dass aus dem Vergangenheits-„warst“ in meinem Kopf zusätzlich ein gegenwärtiges „du bist ja gar nicht krank“ wird. An sich müsste man denken: aber gesund ist doch besser als krank. Was aber, wenn man sich krank fühlt und das von außen abgesprochen wird? Aus Erfahrung kann ich sagen, es fühlt sich wie ein Sturm aus Selbstzweifeln, Scham und Verzweiflung an. Innerlich werde ich zerrissen zwischen dem Wunsch wirklich “gesund” zu sein und dem Erleben meiner psychischen Probleme und psychischen Erkrankungen.
Jetzt interessiert den Einen oder Anderen vielleicht, was genau ich über meinen ersten Klinikaufenthalt erzähle und was da so hakt.
Mit 16 war ich in der zweiten Psychotherapie in meinem Leben. Wir hatten noch gar nicht so viele Sitzungen gehabt. Wir verstanden uns auch nicht sonderlich, und sie fragte mich, was ich denn in meinen Ferien so vor hätte. Betrübt erzählte ich ihr, dass ich nichts vor hätte, weil ich weder Geld noch Kontakte hätte, die mit mir in den Urlaub fahren würden. Daraufhin fragte sie mich: „Wie wär’s denn mit einem Klinikaufenthalt?“ Mit der Frage hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet. Ich war verwirrt. Ich getraute mich gar nicht zu fragen, wie sie denn auf so eine absurde Idee käme.
Das Ende vom Lied war, dass ich tatsächlich in die Klinik ging und ich mich bis heute nicht getraut habe nachzufragen, ob das so seine Richtigkeit gehabt hatte.
Natürlich habe ich mich in der Klinik von vorneherein total fehl am Platz gefühlt. Die anderen waren dort, weil es ihnen sehr schlecht ging, manche auch nach tragischen Vorfällen. Und ich saß da, weil ich kein Geld für Urlaub und keine Freunde hatte, mit denen ich hätte verreisen können.
So habe ich, Jahre später, die Geschichte mit einem vermeintlichen Lachen immer wieder erzählt aber innerlich geschämt und nicht selten, mein ganzes Leben infrage gestellt. Bis zu jenem Tag vor Kurzem, als ich meinem Partner erzählen wollte, wie lange mich der Gedanke „gar nicht richtig krank zu sein“ schon quält.
Meinem Partner kann ich tatsächlich alles erzählen. Und so konnte ich ihm auch erzählen, dass ich das eigentlich gar nicht lustig finde, sondern dass ich mich schäme. Da kam mir der Gedanke, dass ich ihm noch etwas mehr Kontext zu der Psychotherapie von damals geben sollte, damit er verstehen konnte, an welchem Punkt ich zu dieser Zeit in meinem Leben war.
Der Kontext, der jetzt folgt, könnte für einige Menschen triggernd sein. Bitte lest nur weiter, wenn ihr hier und heute stabil genug seid, um mit den Themen SSV (Selbstverletzendes Verhalten), Suizid und Suizidgedanken umgehen zu können!
Der Grund, warum ich mit 16 in Psychotherapie war, ist, dass ich mit selbstverletzendem Verhalten begonnen hatte. Meine Mutter ängstigte das sehr. Und so erzählte sie mir „unser Familiengeheimnis“. Mir wurde immer erzählt, dass mein Opa gestorben sei, als er mit dem Kopf unglücklich auf einen Stein gefallen wäre. Als Kind habe ich das so hingenommen, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Ich kann noch nicht mal sagen, dass das nicht die Wahrheit war. Nur ein entscheidender Teil wurde immer weggelassen, und zwar der, dass sich mein Opa selbst das Leben nahm, indem er im Krankenhaus vom Dach sprang. Zuvor wurde ein Suizidversuch verhindert, bei dem er versucht hatte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Entschuldigung für die genaue Benennung, aber für mich ist es ein entscheidendes Detail. Ich verstehe, dass bei meiner Mutter die Alarmlocken schrillten, als ich anfing, mich selbst zu verletzen. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich das Gleiche wie mein Opa tun könnte.
Was sie nicht wissen konnte ist, dass zu diesem Zeitpunkt mein Verhalten überhaupt nichts mit Suizidversuchen zu tun hatte. Damals war es für mich eine Möglichkeit, meinen Schmerz sichtbar zu machen. Mit den negativen Gefühlen umzugehen, die mich völlig überflutet hatten.
Für mich persönlich hatte mein SSV im Laufe meines Lebens einen ganz anderen Zusammenhang zu Suizid. Ich möchte aber betonen, dass es meine ganz persönliche Wahrnehmung ist und nicht zwangsläufig auf jede:n übertragbar ist!
Für mich war SSV in meinem erwachsenen Leben keine per se schlechte Sache. Für mich war SSV oft ein „anstatt“. Anstatt den einen letzten, endgültigen Schritt zu gehen, habe ich mich selbstverletzt. Aus meiner Sicht an manchen Tagen mein Lebensretter.
Deshalb war es für mich immer sehr schwer zu ertragen, wenn ich für mein SSV verurteilt wurde, in Therapie und in der Familie. Nicht selten kam mir Wut entgegen, wenn ich mich nach einem „Vorfall“ jemandem anvertraute. So Sätze wie „Mach das aber bitte nicht wieder“ waren für mich unverständlich. Wie „Mach das bitte nie wieder“? Ich soll nie wieder mein Leben retten??? – Ich soll nie wieder lieber meine Haut verletzen, anstatt mein Leben zu beenden? Klingt in meinen Ohren total absurd.
Natürlich verstehe ich, dass mich die anderen Personen nicht verstanden haben. Für Menschen, die es zum Glück selbst nicht kennen, ist es einfach etwas, was man nicht machen sollte, oder etwas, was gefährlich ist. Ich betone an dieser Stelle noch mal, dass dies mein persönlicher Umgang mit dem Thema ist! Ich denke, die Gefahr dabei ist keineswegs zu unterschätzen oder herunterzuspielen!
Ich denke, es gibt viele verschiedene Beweggründe, die hinter einem SSV liegen können. Aus meiner Sicht sollte man sich diese am besten in einer Therapie anschauen. Das habe ich auch versucht. Aber meine Therapeutin wollte sich mein “Warum” nicht anhören. Sie hatte ihre festen Regeln: Wer Therapie will, darf sich nicht selbstverletzen, sonst ist die Therapie vorbei. Man kann vielleicht erahnen, dass ich die Therapie irgendwann abgebrochen habe.
Zurück zu der Frage, oder auch Nicht- Frage „Wer wir sind“. Ich glaube, dass mich die Sache mit der ersten Klinik und wie ich dahin gekommen bin, extrem geprägt hat. Diese eine Nachfrage, die ich nie gestellt habe. Ich hätte die Therapeutin ja nur fragen müssen, ob sie mich allen Ernstes in eine Klinik schickte, weil ich kein Geld für besseren Urlaub hatte oder ob sie einen anderen Grund dafür hatte? Ganz ehrlich, mit dem Kontext betrachtet, warum ich überhaupt in Therapie war, den ich sonst ja nie erzähle, ist es für mich nicht mehr absurd.
Aber ich habe diese Frage nie gestellt, und so war dieses Ereignis und meine Gedanken dazu, wie ein winziger Samen in meinem Kopf, der über viele, viele Jahre zu einem sehr massiven Selbstzweifel-Baum herangewachsen war. Den ich jetzt, so leicht, nicht mehr aus meinem Kopf bekomme.

Jetzt in diesem Moment spricht er zu mir:
„Was, wenn die Leser:innen jetzt denken: „Was hat die denn? Das ist doch alles kein Grund, in eine Klinik zu gehen…. Ich seh den Zusammenhang nicht.“
Halt den Mund, mein lieber Baum! Bäume können nicht sprechen!

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