Behandlungsfalle körperliche Anziehung

 

Eine junge Psychologiestudentin kam einmal zu uns seelisch Erkrankten auf Station, sie hatte die Genehmigung uns zu interviewen für ihre Abschlussarbeit. Sie untersuchte, wie viele Psychiatriebetroffene sexuellen Missbrauch erlebt haben. Ich nahm an der Befragung teil und fragte sie, was sie soweit herausgefunden hatte. Sie antwortete, ihre Vermutung sei bestätigt: Ein ziemlich hoher Anteil der Befragten hatten diese Form Missbrauch erlebt, manche haben dazu viele Jahre ihrer Kindheit in der Angst gelebt, jederzeit getötet werden zu können.

 

Wie kommt es dann, dass Behandler es häufig erleben, dass eine Patientin auf ihre Körperlichkeit aufmerksam macht, ihm manchmal auch körperliche Zuwendung anbietet? Eine missbrauchte Frau, ein Opfer, dürfte doch kein besonders starkes Interesse an Sexualität haben? Der Missbrauch ist in Kindheitsjahren geschehen, und ein Kind hat auf jeden Fall Interesse an Zuwendung, Zuwendung ist ein Grundbedürfnis, unbedingt notwendig zur Entwicklung der Persönlichkeit. Ein Experiment, das ein Herrscher in früherer Zeit durchführte, zeigte dies auf: Er ließ eine Gruppe Neugeborene aufwachsen mit der Anweisung, dass sich nicht viel mit ihnen beschäftigt werden, und schon gar nicht gesprochen werden darf. Sein Anliegen war, herauszufinden, in welcher Sprache sich die Menschen unterhalten, wenn sie Sprache nicht von den Erwachsenen erlernen. Das Ergebnis: Alle Kinder starben.

 

Das Kind braucht Zuwendung und bekommt manchmal auch heute nur sehr wenig davon, und manchmal bekommt es eine Zuwendung nur als Objekt sexueller Begierde eines Erwachsenen. Ist dies der Fall, wird es dazu häufig isoliert von jeder Form anderer, normaler Kontakte. Darf keine Freunde haben, denen etwas mitgeteilt werden könnte. So dass ein Kind dann häufig die Nähe zu einem Misshandler sucht, obwohl es von ihm gequält wird. Weil eben nur diese Person das Kind überhaupt wahrnimmt. Dies läuft unbewusst ab, bleibt lange im Dunklen der Psyche eines Menschen, so dass das Anbieten des Körpers auch später weiter als einzige Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu bekommen, eingesetzt wird. Das Umfeld einer Frau, die sich sehr offensichtlich anbietet, glaubt dann zu wissen, dass man es mit einer „Schlampe“ zu tun hat.

 

Einem Behandler versucht die Patientin manchmal, von ihrem traumatischen Leiderleben zu berichten. Und sich seine Aufmerksamkeit zu sichern, indem sich ihre Schilderungen häufig mit Details vermischen, die ein voyeuristisches Interesse bedienen. Denn es ist zu erwarten, dass der Behandler darauf reagiert. Es nicht so leicht verhindern kann, animiert zu sein, wenn er nun einmal ein männlicher Behandler ist. Die eigentliche Geschichte der Patientin, die Stärkung ihrer Persönlichkeit, gerät dabei dann leider in den Hintergrund. Sexuelle Schilderungen haben eine starke Präsenz, da die Sexualität nun einmal so ein starker menschlicher Trieb ist.

 

Im Grunde lebt die Patientin ein ungesundes Muster, mit dem sie unglücklich ist, aus dem sie aber nicht herausfindet. Der Behandler muss wissen, dass dieses Muster nicht bestärkt werden sollte, dass die Patientin in diesem Verhalten nicht bestätigt werden sollte. Allerdings, selbst wenn er das weiß, kann er sich nicht immer so abschirmen, wie es gut wäre. Auch Männer können eine weibliche Behandlerin als blockierend für ihre Entwicklung erleben, wenn sie diese – und das ist oft der Fall – als Übermutter erleben. Aus diesem Grund erscheint es mir sehr sinnvoll, eigentlich sogar unbedingt notwendig, in psychiatrischen Kliniken Frauen- und Männerstationen einzurichten. Viel von Druck- und Belastungserleben in Behandlungssituationen und auch im Miteinander des Klinikpersonals könnte sich so ohne großen Aufwand auflösen, die Psychiatrie vom Schmuddel, der ihr anhaftet, befreit werden.