Autor:in: Leonard Schiff

Der Link zwischen Drogenkonsum und Psychosen

 

Es gibt einen starken Zusammenhang zwischen der Sucht nach bestimmten Drogen und primären Psychosen. Ich schreibe bewusst von „bestimmten“ Drogen, denn bei Heroin ist die Korrelation tatsächlich negativ; wir finden unter Heroin-Süchtigen in Deutschland also weniger von Psychosen betroffene Menschen, als das in der Gesamtbevölkerung der Fall ist. Das aber ist die Ausnahme.

So kommt Alkoholismus bei von Psychosen betroffenen Menschen 3-mal so häufig und andere Suchterkrankungen 6-mal so häufig vor wie in der Gesamtbevölkerung. Auch Nikotinsucht ist unter Psychotiker:innen weit verbreitet.

Doch woran kann das liegen? Zuerst muss man sich natürlich fragen, ob diese Komorbidität, also das Zusammentreffen einer Erkrankung mit einer Begleiterkrankung, in dem Fall der Sucht, für Psychosen typisch ist oder ob psychische Krankheiten allgemein hohe Raten von Drogenmissbrauch aufweisen. Nun, während auch andere psychische Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko an Sucht zu erkranken einhergehen, sind die Zahlen bei von Psychosen betroffenen Menschen doch einzigartig hoch.

Es gibt dazu drei Arbeitshypothesen, die alle drei zunächst einleuchtend erscheinen, dann aber auch alle drei Schwächen offenbaren. Fangen wir mit der gängigsten an:

Die erste Hypothese ist die der Psychose-Induktion.

Einfach ausgedrückt geht die Hypothese so: (Bestimmte) Droge rein – Psychose wird ausgelöst. Einfach, einleuchtend und würde die Zusammenhänge erklären. Doch die Hypothese hat einen Haken. Nehmen wir dazu das Beispiel des Cannabis. Seit vielen Jahrzehnten schon wird der Cannabis-Konsum in Europa mehr, und durch Züchtung ist auch der Anteil von THC in heutiger Zeit bedeutend höher als noch vor ein paar Jahrzehnten. Die Zahl der Psychotiker:innen aber verharrt konstant auf 0,8-1,2% der Gesamtbevölkerung. Das ergibt natürlich keinen Sinn, wenn man davon ausgeht, dass THC-Konsum Psychosen verursacht.

Die zweite Hypothese ist die Selbstmedikations-Hypothese.

Sie sagt aus, dass Psychotiker:innen die Symptome ihrer Psychose durch Drogenkonsum zu behandeln versuchen. Auch das würde die hohe Korrelation zwischen Psychosen und bestimmten Drogen erklären; allerdings hat auch das einen Haken: Nämlich, dass viele, wenn nicht die meisten drogennehmenden Psychotiker:innen mit ihrem Drogenkonsum bereits vor dem Auftreten von Prodomalsymptomen (vor der Psychose auftretenden Symptomen, die meist Negativ-Symptome sind) oder dem tatsächlichen Ausbruch der Psychose beginnen. Es ist schwierig zu zeigen, wie Menschen etwas bekämpfen, was noch gar nicht da ist.

Die dritte Hypothese ist die der gemeinsamen neurobiologischen Grundlage von Psychose und Sucht.

Dabei geht man davon aus, dass die gleichen neurobiologischen Schaltungen, die dafür sorgen, dass jemand eine Psychose entwickelt, auch dafür sorgen, dass jemand schneller süchtig wird. Aber auch das hat einen Haken; wie erklären wir uns die negative Korrelation von Psychosen und Heroinsucht? Wenn die Anlage Psychosen zu entwickeln bedeuten würde, dass man auch eher zu Süchten neigt, warum sollte das Gehirn dann bei Opiaten eine Ausnahme machen?

Nun mag der geneigte Leser fragen: Woran liegt es denn dann, wenn offenbar alle drei Hypothesen nicht ganz richtig sein können? Nun: Das weiß ich nicht, und wenn ich mir die Forschung angucke (die bei dem Thema leider relativ faul geworden zu sein scheint), dann weiß das tatsächlich niemand auf der Erde. Ich als Psychotiker kann allerdings aus persönlichen Erfahrungen sprechen, und die sind wie folgt:

Alle drei Hypothesen sind nicht ganz richtig, aber eben auch nicht ganz falsch. Ich habe am eigenen Leib erlebt, wie ich gekifft habe und offenbar als Reaktion darauf psychotische Symptome entwickelt habe. Ich habe auch erlebt, wie ich versucht habe, psychotische Symptomatik mit Drogenkonsum einzudämmen. Und letzten Endes werde ich, als Psychotiker, von allem süchtig, das ich anfasse; was in meinem Leben hauptsächlich Cannabis, Nikotin und sekundär auch Alkohol betraf. Kokain habe ich erst einmal ausprobiert, doch ich merkte sofort: Könnte ich mich dran gewöhnen. Aber es betrifft, bei mir zumindest, nicht nur Drogen. Ich kann nur dem Schicksal danken, dass ich niemals ernsthaft mit Glücksspiel begonnen habe, denn ich war schon genügend süchtig nach „normalen“ Spielen.

Nehmen wir an, dass alle drei Hypothesen Wahrheit bergen, könnten sie sogar ineinander spielen; das könnte dann wie folgt aussehen, an meinem eigenen Beispiel veranschaulicht.

Mit 15 probierte ich Alkohol und Cannabis aus. Durch die in Hypothese 3 gezeigte mögliche Verkettung von Psychose und Sucht könnte es sein, dass ich dann, eher als dies bei jemanden, der nicht zu Psychosen neigt, der Fall wäre, schnell, zumindest etwas, abhängigig wurde; in meinem Fall zuerst von Alkohol und dann etwas später vom Cannabis. Mit 16 haben dann wohl die Prodomalsymptome angefangen. Ich erinnere mich noch gut an die zunehmende depressive Stimmung und Suizidalität. Die könnte ich dann, wie in Hypothese 2 dargestellt, versucht haben durch Drogenkonsum selbst zu behandeln. Diese Versuche zur Selbstbehandlung könnten dann die Sucht weiter angeheizt haben, sodass ich mich zu dem Zeitpunkt bereits in einem Teufelskreis befand. Und mit 19, als dann die Psychose das erste Mal ausbrach, war diese dann eben ausgelöst durch Stress und starken Cannabiskonsum, wie in Hypothese 1 dargestellt.

Drogennehmende Psychotiker:innen, wie ich einer war, bevor ich mich zur Abstinenz entschied, werden sich wohl fragen: Wäre ich psychotisch geworden, hätte ich die Drogen niemals angefasst? Und die Antwort ist: Keine Ahnung. Möglicherweise, möglicherweise nicht. Klar ist: Drogennehmende Psychotiker:innen bekommen ihre erste Psychose im Durchschnitt ein ganzes Stück früher als ihr nicht drogennehmender Counterpart. Aber ob sie sie gar nicht erst bekommen hätten? Wer weiß!

Zumindest beim Cannabis ist aber auch Positives zu berichten. Denn während THC, der psychoaktive Stoff im Cannabis, wohl neuro-toxisch wirkt, ist das beim CBD wohl genau andersrum der Fall, CBD wirkt neuro-protektiv. Während also THC speziell beim Hippocampus (einem Teil des menschlichen Gehirns, bei dem die meisten endocannabinoiden Rezeptoren sitzen, bei denen das THC andocken kann) bei dauerhafter Einnahme anscheinend zu einer Verringerung des Hirnvolumens führt, scheint das CBD das Hirn sogar zu schützen.

Einzelne Studien deuten zudem bereits darauf hin, dass CBD wohl auch antipsychotisch wirken könnte, und somit auf Dauer, wenn die Studienlage breiter ist, möglicherweise sogar als Medikament gegen Psychosen verwendet werden kann.

Während es also derzeit eindeutig scheint, dass THC sich auf die Krankheitsgeschichte von Psychotiker:innen eher negativ auswirkt, könnte beim CBD das genaue Gegenteil der Fall sein. Studien, die leider noch nicht als groß genug bezeichnet werden können, um Sicherheit zu schaffen, deuten darauf hin, dass CBD und Antipsychotika gegenüber Placebo ähnlich gute Ergebnisse beim Kampf gegen die Symptome der Psychose erzielen. Wieder andere Studien allerdings berichten von wenig Wirksamkeit, es ist also noch einiges an Forschung nötig, bevor hier Sicherheit geschaffen wurde.

Ein großer Vorteil des CBDs, sollte es sich als gutes Medikament bei Psychosen herausstellen, wären die praktisch nicht vorhandenen Nebenwirkungen, denn gerade die sind ja bei den üblichen Antipsychotika häufig sehr stark und werden als sehr unangenehm erlebt. Man darf gespannt sein.

 

Quelle: “Komorbidität Psychose und Sucht” von E. Gouzoulis-Mayfrank und Thomas Schnell