Autor:in: Irmgard Gummig

Der Mechanismus der Schuldfalle

 

Aufblende -> Mai, Mitte der Woche.
Ein Gefühl, wie wieder einmal nicht mit den Füßen auf dem Boden zu sein. Habe ich überhaupt noch einen Körper? Bin ich überhaupt noch wirklich hier… am Leben? Was war passiert?

 

Das, was ich weiß vom Ablauf der letzten Tage, ist, dass wieder einmal sehr viel zu bewältigen war. Ein wichtiger Termin stand bevor, den ich am liebsten komplett ignoriert hätte. Es wäre aber wieder nur ein Verdrängen der Tatsachen gewesen. Ich bin dabei, mein Recht einzufordern. Ich will, dass von staatlicher Seite (Versorgungsamt) anerkannt wird, dass es Straftaten waren, was mir früher angetan wurde. Dazu musste ich von einer vom Gericht bestellten Gutachterin die Glaubhaftigkeit meiner Aussagen überprüfen lassen. Das Ergebnis des Gutachtens liegt nun meiner Rechtsanwältin vor, und sie will mir dieses mitteilen. Das ist dieser wichtige Termin.
Menschen, denen ich davon berichte, sagen, dass ich sehr stark und mutig und tapfer bin. Im Gegensatz dazu fühlt es sich aber in mir ganz anders an. Immer mehr entsteht das Gefühl, als ob ich jeden Augenblick zerbreche, zerfalle, mich auflöse … vor lauter Angst, dass mir wieder nicht geglaubt wird, und vor Anstrengung, die Zeit bis zum Termin zu bewältigen. Ich mache trotzdem viele Dinge: bewältige meinen sog. normalen Alltag, rede, schreibe, mache notwendige andere Termine, und ich erlebe trotz allem auch wirklich schöne glückliche Momente. Die meiste Zeit aber habe ich das Gefühl, als ob ich renne und renne, wegrenne vor dem Schmerz, den der Gedanke an das Ergebnis des bevorstehenden Gesprächs auslöst. Selbstzweifel quälen mich zusätzlich die ganze Zeit in dem Sinne, ob ich wirklich das Recht habe, Forderungen zu stellen, Recht und Entschädigung zu bekommen. Die Panik in mir wird immer größer.
Anderes kommt auch noch hinzu. Susanne, eine Frau, die in meinem Leben eine wichtige Bedeutung hat, stirbt ganz plötzlich. Ich wusste nicht, dass sie so sterbenskrank war. Wie schrecklich! Was für ein Verlust! Habe ich Schuld? Hätte ich etwas tun können, stelle ich mir die Frage. Eine meiner Schwestern, erfahre ich, ist sterbenskrank, und wird nicht mehr lange leben können. Der Verlust wird groß sein! Der Schmerz ist groß. Aber auch die Scham, nicht helfen zu können, lähmt mich fast vollständig im Denken und Handeln.
In diesem Augenblick, ausgelöst durch die ganzen Ereignisse, schnappt die alte Schuldfalle komplett zu!

Das Schuldgefühl überdeckt alles, was eigentlich gelebt werden will, es löst eine existentielle Krise bei mir aus, die mich an den Rand meines Lebenswillens bringt. Sie lässt mich daran denken, dem Schmerz und an mir gefühlten Schmutz ein Ende machen zu wollen. Der Gedanke daran, dass ich meiner Schwester früher nicht helfen konnte, und auch jetzt nicht helfen kann, wird so übermächtig, dass ich kaum noch realistisch einschätzen kann, was momentan wirklich passiert. Ich kann nicht mehr fühlen, dass ich keine Schuld daran trage. Früher keine hatte, und auch jetzt nicht. Ich hatte keine Schuld, dass Eltern und andere erwachsene Menschen damals Gewalttaten an uns Geschwistern ausgeübt haben. Ich konnte mir und meiner jüngeren Schwester, nicht helfen, weil ich viel zu klein war.
Ich habe keine Schuld, dass meine Schwester jetzt sterben muss.
Ich habe auch keine Schuld daran, dass Susanne gestorben ist.
Das sagt mir mein Verstand, wenn ich mal denken kann zwischendurch.
Doch dadurch, dass mir früher von den Erwachsenen eingebläut wurde, ich sei ein schlechtes Mädchen, ich sei schuld, dass mir das alles passiert, und ich hätte es sowieso nicht anders verdient, haben sich diese Aussagen fest eingebrannt in mein Gehirn. Es ist sehr schwer, diese Gedanken umzuändern, anders damit umzugehen, sich nicht schuldig zu fühlen.

Durch die gegenwärtigen Ereignisse werden diese alten Schuldgefühle wieder stark ausgelöst.
“Ich habe es nicht verdient, bin schmutzig, bin schuld, bin es nicht wert, was maße ich mir überhaupt an, glücklich sein zu wollen.”
Täterintrojekt nennt man so etwas.

 

TÄTERINTROJEKTE

Täterintrojekte sind psychische Deformationen, die Opfern von ihren Tätern zugefügt wurden, sich durch dissoziative Aneignungsprozesse verfestigt haben und sich im Erleben und Verhalten von Menschen unbewusst festsetzen. Täterintrojekte sind dabei psychisch komplexe Leitbilder, die Opfer gegen ihren Willen durch die brutalen Grenzüberschreitungen des Täters verinnerlicht haben. Täterintrojekte steuern den betroffenen Manschen häufig in schwer vermeidbare Wiederholungen selbst- und fremdschädigenden psychologischen Verhaltens hinein. Betroffene sind dabei vor allem Kinder und Menschen in längeren Abhängigkeitsbeziehungen. Diese Introjekte sind täterloyale Anteile und dienen in der Regel der Abwehr von Ohnmacht und Scham und um die Schmerzen aushalten zu können. In diesem Zeitpunkt ist dies die einzige Überlebensstrategie (des Kindes) und dient dem Selbstschutz, wobei die Folgen häufig Selbstbestrafung, Autoaggression und diverse psychische Leiden bis hin zur eigenen Täterschaft sein können. Dies geschieht durch das Übernehmen der Ansichten des Täters. Das können Sätze sein wie: “Du bist selbst schuld. Du bist es nicht wert. Du bist ein Nichts.” Diese Ansichten übernehmen Traumatisierte oft selbsr, ihr Selbstbild ist oft von Verachtung, Wert- und Respektlosigkeit und manchmal rregelrechtem Hass auf sich selbst geprägt.
– Quelle: wikipedia.de –