Autor:in: Hermine

Die Farbe Grün

 

Ich will malen. Aber ich weiß nicht, wie.

Ich will Zeich(n)en, weil ich wissen will, worum es geht

und was ihr da seht.

Wenn ihr das mit den Farben tut,

fehlt mir der Mut.

Den Pinsel zu nehmen, scheint mir viel zu schwer,

der Stift in meiner Hand wiegt viel zu sehr.

Ich will die Farbe nicht zwingen, sich einer Oberfläche gleich zu

machen

– ich mag die Töne.

Nicht auf zweidimensionale Felder drücken,

um sie ins rechte Licht zu rücken.

Ihr habt sie alle benannt

und damit doch verkannt.

 

Ihr redet von Grün. Weil ihr wisst, was das ist. Jeder weiß das. Und genau hier muss wohl die Differenz zwischen mir und dem Weltverständnis liegen. Die Unvereinbarkeit eurer Tatsachen mit meinen Gewissheiten. Denn ich weiß nicht, was Grün ist. Ich kenne die Realität hinter dieser Farbe nicht. Ich kann Gelb und Blau mischen und erhalte niemals euer Grün.
Ich kann tausende Facetten dieses Gemenges herstellen: von waldigen Baumgipfeln bis fröhlichem Gras, von Morgentauwiesen bis flauschigem Moos, kotzübel bis kreischend im Neongewand, seine Augen und das schimmernde Meer, wabernder Wackelpudding, Brokkoli-Baby-Bäumchen und Spinat, von Malachit über Smaragd und Jade. Ihr habt ein Wort dafür, ein Adjektiv, das sich beugt, aber nicht steigert. Grün nennt ihr all das, wofür es in meiner Welt kein einziges Wort gibt. Ich werde also vor meinem Blatt sitzen. Und jemand wird kommen und vorwurfsvoll sagen: Dein Blatt ist leer. Doch ich werde antworten: Nein, ich weiß.
Ich nenne es mein Millimeterempfinden, das mit großen Meterfüßen zertrampelt oder schlicht übergangen wird. Sie reden von Länge und Weite. Sie wissen nichts von Breite und Tiefe.