Autor:in: Irmgard Gummig

Die goldenen Flügel der Eisbärin

 

Von weitem betrachtet war vielleicht nichts Besonderes geschehen, aber es war eine kleine kuschelige Wolke geboren worden. Einen Vergleich wollen wir aber nicht benennen, sondern erzählen. Jedenfalls leuchtete es, das kleine Wesen, obwohl gerade erst kurz auf der Welt. War es etwa die helle Seele im Inneren? Oh nein, man musste genau hinsehen, es leuchtete das Ganze, die ganze Freude.
Die große Last, die dieses geboren hatte, warf es den Raubtieren hin: „Hier, seht es an, und macht, was ihr wollt, ich kann nicht!“
„Aber was ist denn das, siehst du nicht das Leuchten?“, fragten sie die Kinder der Menschen, die Geister und Fabelwesen, die Seelen; fragten die Pflanzen, die Tiere, die Menschen. Die Last sah es nicht, sie sah nur ihre eigene Last. Außerdem war sie abgelenkt von einem Sauggerät, das alles aufsaugte, was Schmerz macht.
Das Kleine lag nun erstmal die meiste Zeit in der Schwebe. Waren es Flügel, die es so sein ließen? Oder waren es die Fragen, die es entdeckte, denn das war passiert. Denken, fühlen, sehen, bewegen, freuen, spielen, reden, all das hatte ausgelöst, dass es die Fragen entdeckte. Wollte es etwa glücklich sein? Ja! Mit einem Lächeln konnte man es schnell glücklich machen. Und Zärtlichkeiten gehören normalerweise ganz natürlich zu einem kleinen Leben dazu, zum Leben aller kleinen und großen Lebewesen und Geister und Fabelwesen.
„Zärtlichkeiten, lieb und gut sein, das können WIR“, sagten die Raubtiere scheinheilig und schlugen im gleichen Moment immer wieder ihre Krallen und Zähne und Knochenteile und Waffen in das Kleine.
Da entstanden noch mehr Fragen, und Zweifel an der Richtigkeit des Tuns der Raubtiere im Kopf des kleinen Bärchens. Denn das war es, ein kleines Eisbärchen, nach und nach konnte man es erkennen. Vieles begegnete dem Eisbärmädchen im Laufe der Zeit, während es weiter wuchs. Es bestaunte alles, und manchmal, da strahlte es so sehr vor Freude, dass es ein Gefühl war wie schweben mit goldenen Flügeln. Die ganzen wunderschönen Dinge, wie Farben und Klänge, ein Feld in saftigem Grün und voller Mohnblumen, und Kornblumen, und gelben Raps konnte es sehen. Der Wind rauschte um die kleinen flauschigen Ohren, die Sonne wärmte das zarte kuschelige Fellchen, Regentropfen tropften auf es und liefen perlend von ihm ab, Schneeflocken verfingen sich im Fell. Wenn es hereinkam nach so schönen Momenten draußen im Leben, machte der Ofen in der Höhle knackende Geräusche und wärmte, trocknete es wieder. Kerzen flackerten im Raum, und kuscheln, Liebe und Geborgenheit wollte Eisbärchen in diesem Nest, wie es Kleine nun mal immer brauchen.

Aber!!!
Die Raubtiere waren immer gegenwärtig, auf der Lauer lagen sie, immer. Und sie schlugen immer wieder ihre Krallen und Zähne und Knochenteile und Waffen in das Kleine.
Das kleine Eisbärchen trug große Wunden davon. Es verstand nicht, was es bedeutet, und konnte auch nicht verstehen, warum das mit den Raubtieren so war, und dass es Raubtiere waren. Es war doch die Höhle der Geborgenheit, in der es sich wohlfühlen und wachsen sollte, eigentlich… Fragen über Fragen entstanden wie gesagt. Fragen hatte es ja schon so lange entdeckt, es kamen immer mehr hinzu, nur bekam es keine Antworten. Es wollte nur wachsen und leben. Da probierte es, vor den Räubern davonzufliegen, weil es ja schon andere Wesen gesehen hatte, die so etwas können. Fliegen oder anderes wollte es, irgendwie handeln, zur Rettung des eigenen weichen Fells. Es verwandelte sich dann in vielen Momenten versuchsweise in Verschiedenes, wie Schmetterling, Vogel, Raupe, Grizzlybär, Motorrad, großer Mensch, Eisenbahn, Holzscheit, Riese, Feder, Baum, Wiese, Menschenkind, aber immer war es auch Eisbärchen und lebte das Leben.

Die Wunden aber bluteten und Raubtiere waren da! Die ganze Zeit!
Mit der Zeit wurde es stärker, aber stark schien es von Anfang an zu sein. Es wuchs weiter, und die Schönheiten des Lebens, die es trotz allem erlebte, wuchsen mit ihm. Nach vielen Lebensjahren war es eine große Eisbärin geworden. Das wunderschöne weiße Fell überdeckte die dicken tiefen Narben, zu denen die Wunden geworden waren. Viele Wunden bluteten weiter, aber auch das wurde größtenteils vom Fell verdeckt.
Nun, als große Bärin, erlebte sie wundervolle Dinge. Liebe und Geborgenheit lebte und erlebte sie und konnte sie geben. Ihre Eisbärenkinder lebten mit ihr, denen konnte sie selbst Stärke und Kraft und Schönheit und Lebensfreude geben. Immer wieder passierte es auch, dass sie Stürze überleben mussten, die Kinder mit ihrer Mutter, aber auch jeder einzeln für sich. Wenn die Sonne manchmal direkt in ihre Augen leuchtete, war die Bärin zu sehr geblendet und konnte die Realität nicht erkennen. Später merkte sie, die Sonne war das nicht. Es waren die Schattenwinde der Raubtiere, die ihr so manches Mal die Sicht auf die ganzen Schönheiten des Lebens verwehten. Die Räuber waren schon längst nicht mehr da, aber ihre Schatten waren so lang, dass sie bis in die Gegenwart reichten. Gerade vor kurzem hatten einige ihr wieder die Sicht genommen für den realen Boden unter den Tatzen und sie ins Bodenlose fallen lassen, so dass sie neue Verletzungen davontrug.

Den Flügelschlag gibt es, sie erlaubte sich zu erinnern. Die Eisbärin legte ihren großen Körper mit dem langen Fell in die Sonne der Gegenwart, reckte und streckte sich. Da passierte es, sie leuchteten, ihre goldenen Flügel und schwingend erzeugte die Eisbärin damit weiche und kräftige Winde. Es entstand wieder das Leuchten, das sie die ganze Zeit begleitet hatte und immer zu sehen war. Nur sie selbst sah es oft nicht, weil sie sich selbst nicht erkannte.
Das Leuchten erfüllte mit der Zeit ihre ganze Gegenwartswiese. Dort im Gegenwartsleben, und in den Träumen, waren immer wieder auch Schattenwinde zu spüren. Das Leuchten stellte sich diesen Schattenwinden mit seiner großen Kraft gegenüber.
Was nun passierte, war nicht mehr aufzuhalten. Die Eisbärin sah in den Spiegel des Lebens, sah sich und alles um sie herum nun in aller Deutlichkeit. Da sah sie genau hin und lebte endlich in dem Bewusstsein, dass Eisbärinnen trotz aller Narben schön sind und ein wundervolles Leben führen können, so, wie sie es wollen, und vor allem auch mit goldenen Flügeln.

Trotz alledem!