Autor:in: Volker Brinkmann

Doing Gender Nutzer:innenbefragung

 

Bis zum 30.09.21 können in ganz Bremen alle ehemaligen, aktuellen oder zukünftigen Nutzer:innen des psychischen Hilfesystems, egal welchen Geschlechtes, an einer Befragung zum Thema “Geschlecht” teilnehmen. Sie wird organisiert vom Projekt Doing Gender, welches im Oktober 2020 aus der AG Gender entstanden ist und bei der Initiative zur sozialen Rehabilitation angesiedelt ist. Der Fragebogen selbst ist von Nutzer:innen und Patient:innen geschrieben worden und wird auch von diesen später ausgewertet.
Mandel und Anna sind aus unterschiedlichen Perspektiven an der Planung der Studie beteiligt und unterhalten sich darüber im Park. Ihr Gespräch veröffentlichen wir an dieser Stelle.

 

Link zur Befragung:

 

 

 


Ge-schlecht? Geht-gut! Wir wollen wissen wie.

 

A: Worum geht es deiner Meinung nach in der Befragung?

 

M: Es geht um Geschlecht und Identität im psychiatrischen Hilfesystem. Wir wollen wissen, wie diese Themen z.B. in der Betreuung oder therapeutischen Behandlung aufgegriffen, ernstgenommen oder ignoriert werden. Es geht darum, ein größeres Gesamtbild zu bekommen über die Notwendigkeit von Veränderung. Wie viele Menschen fühlen sich aufgrund ihres Geschlechtes anders behandelt oder auch ausgegrenzt, wie viele Menschen sagen ich bin trans* und ich werde auch so angenommen wie ich nun mal bin. Wie siehst du das?

 

A: Wir wollen eben wirklich alle Geschlechter fragen. Also zum Beispiel ob Männer sich in ihren unterschiedlichen Verständnissen von was es für sie bedeutet männlich zu sein im Betreuten Wohnen zeigen können. Werden Frauen bestimmte Rollen zugeschrieben in der Therapie? Empfinden Menschen die einen Entzug machen möchten und für die keine dieser zwei Geschlechter passt – also z.B. nicht-binäre Menschen – dieses System als Unterstützung?

Inwiefern denkst du denn spielt Geschlecht eine Rolle in diesem Hilfesystem?

 

M: Das ist immer kontextabhängig. Aber eine grundsätzliche Sichtbarkeit und Offenheit für Diversität ist wichtig, damit Geschlecht keinen ‘unnatürlichen’ Stellenwert hat. Einmal fragen wie man angesprochen werden möchte macht viel aus und ist dabei ganz einfach. Wenn ich von Helfer_innen als ganzer Mensch angenommen werden möchte, gehört das dazu. Meine Therapeutin fragte mich z.B. für den Antrag bei der KrankenKasse, welches Geschlecht sie für mich auswählen soll. Ich hab mich für divers entschieden. Der einfachste Weg für Sichtbarkeit zu sorgen.

 

A: Und wer organisiert diese Befragung?

 

M: Wir sind Eine Gruppe von Nutzer_innen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Motivation, unterstützt durch das Projekt Doing Gender. In der Gruppe sind wir Frauen, Männer und nicht-binäre Menschen, einige sind trans* und andere nicht, aber niemand von uns macht Rassismuserfahrungen oder ist inter*. Trans* ist ja, wenn in der Geburtsurkunde ein Geschlecht eingetragen wird, z.B. weiblich und ich später merke, dass sich das nicht stimmig anfühlt und ich z.B. weder männlich noch weiblich oder ein Mann bin.

 

A: Und was sage ich, wenn man wie ich, nicht trans* ist?

 

M: Ich finde den Begriff cis wichtig, als Gegensatz zu trans*. Das hebt die Differenzierung zwischen normal und un-normal auf. Aber es gibt ja auch noch weitere Ebenen.

Inter* ist nicht das gleiche wie trans*, auch wenn es Überschneidungen gibt. Bei inter* Menschen wird häufig schon bei ihrer Geburt gesagt, dass ihr Körper nicht den medizinischen Normvorstellungen von Geschlecht entspricht. Obwohl sie als Babies und Kleinkinder nicht selber zustimmen oder ablehnen können, machen viele leider die Erfahrung durch das Gesundheitssystem in diese Normvorstellungen gewaltvoll wieder hineingezwängt zu werden.

 

A: Es ist gut, dass inter* Menschen schon seit langer Zeit für ihre (körperliche) Selbstbestimmung kämpfen und deswegen dabei auch schon einige Erfolge erzielt wurden!

 

M: Ja das stimmt. In unserer Nutzer_innengruppe ist Selbstbestimmung auch für den Fragebogen ein wichtiges Stichwort. Wir treffen die Entscheidungen welche Fragen im Fragebogen gefragt werden und am Ende werden wir ihn auch auswerten. Du arbeitest ja im Projekt Doing Gender und kümmerst dich um die technischen und organisatorischen Fragen, sodass so viele Menschen wie möglich am Fragebogen teilnehmen können. Dabei wird das Projekt von der sogenannten AG Gender unterstützt.

 

M: Was bringt es denn diese Befragung zu machen? Verändert sich dadurch etwas?

 

A: Vielleicht braucht es ein bisschen Vorgeschichte an dieser Stelle. 2011 hat die AG Gender, die damals aus Leitungskräften von Trägern des psychiatrischen Hilfesystem bestand, die sogenannten Gender Leitlinien für die psychiatrische Versorgung in Bremen erarbeitet. Diese sind Teil des Bremer Landespsychiatrie- und Suchthilfeplans, der bestimmt, wie die psychiatrische Versorgung konkret aussehen soll.

In der AG Gender sind heute sowohl Personen die teils seit mehr als 10 Jahren schon in der AG Gender aktiv sind, neue Menschen die auch im psychiatrischen Hilfesystem arbeiten und Menschen die unterstützt werden. Wir werden auch von Menschen unterstützt, die garnicht in diesem System sind aber dazu beitragen möchten, dass es für alle Geschlechter gute Unterstützung in psychischen Krisen gibt. Mithilfe der Ergebnisse überarbeiten wir zusammen dann die Gender Leitlinien und machen uns für ihre Umsetzung stark.

 

M: Was denken eigentlich Helfer_innen in diesem System davon, dass die Befragung von Nutzer_innen erstellt und ausgewertet wird?

 

A: Es geht ja um wirkliche Mitbestimmung und nicht nur darum dass Nutzer_innen durch die Befragung angehört werden. Deswegen war es uns vom Projekt Doing Gender aber auch allen Mitgliedern der AG Gender wichtig, dass die Befragung von Nutzer_innen kontrolliert wird.

 

A: Und wie ist das mit der Anonymität bei der Studie?

 

M: Es ist genau so anonym wie bei einer Studie von einer Universtiät. Es ist also für niemanden möglich herauszufinden wer was angekreuzt hat. Es sei denn jemand schreibt seinen Namen drunter ;)

 

A: Kannst du vielleicht mal ein Beispiel machen von einer Frage, die ihr stellt?

 

M: Also für die genauen Fragen muss man an der Befragung teilnehmen, aber es könnte z.B. eine ähnliche Frage kommen wie: „Wird Ihnen im Kontakt mit Betreuer*innen eine bestimmte Geschlechterrolle zugeschrieben?“ Und wenn ja, soll man auf einer Skala von 1-7 ankreuzen wie häufig das passiert. Und kannst du zum Schluss noch erzählen, wie man an der Befragung teilnehmen kann?

 

A: Alle ehemaligen, aktuellen oder zukünftigen Nutzer*innen egal welchen Geschlechtes können den Fragebogen online ausfüllen, das geht auf dieser Seite:

soscisurvey.de/Geschlecht-2021

 

Du kannst ihn aber auch auf Papier ausfüllen. Einige Organisationen haben den Fragebogen auch in Papierform vorrätig und ihr könnt entweder auf der Seite oben nachgucken, welche Organisationen das sind oder bei euren Ansprechpersonen nachfragen.

 

M: Super. Bis zum 30.9. ist auch noch Zeit mitzumachen und dabei Verbesserungswünsche mitzuteilen!

 

 

Noch mehr Infos zu trans* und inter* Lebensrealitäten?

https://www.bundesverband-trans.de/

Organisation Intersex International Deutschland: Oiigermany.org

 

Auf der Suche nach Beratung, Gruppenangeboten, Antworten auf einige deiner Fragen?

https://transberatung-bremen.de/

https://interberatung-bremen.de/

https://www.ratundtat-bremen.de/

 

Weitere Infos zum Projekt Doing Gender, der Nutzer_innenbefragung und aktuellen

Fortbildungen für Mitarbeiter_innen des Bremer Hilfesystems zu trans* und inter*?

https://izsr.de/leistungen.php#doing-gender