Autor:in: Tristan Kahrs

Recovery aus Erfahrenen-Sicht (Psychiatrie 2.0)

 

Die Veranstaltungsserie über die Lage der Bremer Psychiatrie ging im April 2018 in eine weitere Runde. Thema dieses Mal war “Recovery”, ein neu-altes Behandlungs-Modell für psychisch Betroffene. Das Zwielicht war wieder mit dabei.

(Dies ist einer von vier Artikeln zum Thema Psychiatrie 2.0 – Recovery)

 

Den abschließenden Vortrag der Veranstaltung hielten Arnolde Trei-Benker (Mitarbeiter-in der GAPSY) und Heiko Schwarting (EX-PA e.V./Genesungsbegleiter).

Frau Trei-Benker kritisierte die derzeitige Situation der Psychiatrie aus ihrer Sicht als Angestellte. Es gäbe immer noch zu viele Klinikbetten, zu viele Zwangsmaßnahmen bei zu wenigen Wahlmöglichkeiten und mangelnder Sozialraumorientierung.

Weiterhin hob sie hervor, dass Krankenkassen außerklinische Therapieformen zu selten unterstützen. So sind beispielsweise Kunst-, Musik- oder Tiertherapien gemeinhin nur in Kliniken verfügbar, und die Ambulante Psychiatrische Pflege (APP) wird nur bei bestimmten Krankheitsbildern genehmigt.

Heiko Schwarting erzählte von seinen Erfahrungen mit dem psychiatrischen System und Recovery orientierter Behandlung. Herrn Schwarting könnte man getrost einen Veteran nennen, in Anbetracht seiner fast 30-jährigen Erfahrung (1985 – 2012) mit der Klinik. In seiner Zeit habe er durchweg erlebt, wie sich das Personal durchaus für den Patienten engagieren würde, jedoch resignierten viele innerhalb des Systems.

Herr Schwarting galt als hoffnungsloser Fall, doch er durchlief eine recovery-ähnliche Laufbahn, welche es ihm ermöglichte, jetzt hier zu stehen und einen Vortrag halten zu können, trotz Nervosität.

Er erzählte, dass nach einer Stationsaufnahme oft Medikamente die erste Versorgungsmaßnahme waren, um Symptome ruhig zu stellen. Dieses helfe zwar im Akutzustand, löse jedoch nicht das eigentliche Problem, weshalb es überhaupt zu einem Klinikaufenthalt kam. Für mehr sei allerdings auf den Stationen oftmals die Zeit schlicht nicht da.

Herr Schwartings Erfahrungen nach bemühen sich viele Kliniken trotzdem, diverse Therapien anzubieten, wobei hierfür die Voraussetzungen häufig nicht gegeben seien, aufgrund mangelnden Personals oder Geldern beispielsweise. So blieben den Patienten viel zu oft viel zu wenige Möglichkeiten zur Genesung.

Aufgrund des Kassengesetzes würden Patienten oftmals schnell wieder entlassen, wenn die Symptome nachließen, auch wenn man noch nicht genesen sei. Im alten Umfeld fehle dann weiterführende Hilfesysteme, weshalb es oft  zu einer wiederholten Stationsaufnahme komme.

Zum Abschluss listeten die beiden ihre Visionen für eine Psychiatriereform auf:

  • Mehr Sozialraumorientierung
  • Verankerung von Recovery im klinischen und ambulanten Bereich
  • Ausbau des ambulanten Systems, besonders des Home-Treatments (zu deutsch: Hausbehandlung)
  • Einrichtung von Krisenhäusern
  • Stärkeres Einbeziehen des sozialen Netzes
  • Bessere Vernetzung von Hilfsangeboten: stationär, ambulant, sozialpsychiatrisch, Krisenhäuser, Cafés, Therapeuten etc.
  • Imagewandel für psychisch Kranke: anders, aber gleichwertig sein