Autor:in: Norbert Bialach, Volker Brinkmann, Tristan Kahrs, Christian Kaschkow

Psychische Gesundheit und soziale Ungleichheit

 

Die Veranstaltungsreihe Psychiatrie 2.0 beschäftigt sich in den letzten Jahren mit verschiedenen Fragen. Im August 2018 ging es um soziale Ungleichheit.

 

Als erster Gastredner trat Professor Dr. Olaf von dem Knesebeck vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf mit dem Thema „Gesundheitliche Ungleichheit – Konsequenzen für die Prävention” auf.

Aufhänger war ein in den Medien erschienener DAK-Bericht, der mehrere tausend Menschen über Jahre im Hinblick auf gesundheitliche Ungleichheiten begleitet hatte. Es war u.a. festgestellt worden, dass nicht nur Eltern mit einem geringeren sozialen  Status gesundheitlich benachteiligt seien, sondern auch schon deren Kinder. „Das frappiert mich immer wieder, wenn ich mich mit dem Thema beschäftige: Wie lang der Arm reicht“, bemerkte der Vortragende.

Und in der Tat zeigte Professor von dem Knesebeck einen roten Faden auf, der sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht – in Bezug auf die Wechselwirkung von Beruf, Bildung, Einkommen und gesundheitlicher Ungleichheit. So führte er z.B. das alte Rom an, wo der Unterschied der Lebenserwartung zwischen einem gering (aus)gebildeten und einem gut (aus)gebildeten Römer ca. 28 Jahre betragen hatte – oder auf der Titanic, wo eindeutig die meisten Menschen aus der sozialen schwächsten, dritten Klasse, hatten sterben müssen.

Daneben habe die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu diesem Thema Studien erhoben – allerdings nicht geschichtlich, sondern geografisch: D.h. ein Lebenserwartungsvergleich zwischen und innerhalb der Länder. So sei z.B. 2008 der Unterschied, bezogen auf die Lebenserwartung, zwischen einem Afghanen und einem Amerikaner 28 Jahre gewesen. Bemerkenswerterweise gebe es auch solche krassen Differenzen innerhalb von  Stadtbezirken – wie in Glasgow,  wo  zwei acht Meilen voneinander getrennte Stadtteile einen Lebenserwartungsunterschied von fast 30 Jahren aufwiesen.

In Deutschland habe die  Lage ebenfalls Verbesserungspotential. Einkommensstärkere Männer lebten im Schnitt zehn Jahre länger, Frauen acht Jahre. Die gesundheitliche Ungleichheit ziehe sich von der Wiege bis zur Bahre. Babys von sozial niedrig gestellten (Beruf/Bildung/Einkommen) Menschen seien kleiner und häufiger untergewichtig. Später seien die Chancen signifikant höher, dass sie an Diabetes, Bluthochdruck, sportlicher Inaktivität, Rauchen oder schlechter Ernährung leiden würden.

Erklärungsversuche:

  1. Soziale Selektion geht davon aus, dass Krankheit arm macht.
  2. Krankeit wird u.a durch den sozialen Status generiert.

Erstaunliches präsentierte Dr. von dem Knesebeck zum Thema Prävention. Tatsächlich gebe es einige Präventionsmethoden, die, entgegen der Intuition, die gesundheitliche Ungleichheit noch verstärkten.
So wurde der Begriff des „inverse prevention law “ (umgekehrtes Vorbeugungsgesetz) von Julian Tudor 1971 geprägt. Das “inverse prevention law besagt”, dass, je mehr eine Bevölkerungsschicht medizinische/soziale Pflege bedarf, diese umso weniger erhält.

Die Inanspruchnahme der Maßnahmen sei bei der Risikogruppe mit geringem sozialen Status deutlich geringer als von Bessergestellten – was die Kluft wiederum vergrößere. Dementsprechend seien Aufklärungskampagnen nach dem Gießkannenprinzip bedingt sinnvoll. Es gebe aber auch nachweislich effektive Vorbeugung: Beispielsweise die Gestaltung des Arbeitsplatzes – sowohl vom Mitspracherecht her, als auch von den äußeren Bedingungen. Ähnliches gelte auch für Kindergärten, Wohnanlagen und Schulen.

Anhand einer englischen Schule habe sich gezeigt, dass es gar nicht hochtrabende oder komplexe Präventionen sein müssten. Indem die Schule kostenloses Obst verteilt habe, habe sie schlicht und effektiv zum Abbau der Ungleichheiten und den daraus resultierenden Folgen sinnvoll beigetragen.

 

Als ein Beispiel einer funktionierenden Maßnahme stellte der Referent Alexander Fischer den „Gesundheitskiosk“ vor. Bei diesem handelt es sich um eine Zentralstelle für Beratung, Unterstützung und Prävention, welche darauf abzielt, niedrigschwellig Personen zu helfen und Ärzte zu vernetzen. So fungiert der Kiosk nicht nur als Zentrale für Hilfesuchende, sondern auch für Hilfegebende. Im Kiosk lässt sich zum Beispiel ein Medikamentenregister erstellen, wodurch Ärzte sich einen schnellen Überblick verschaffen können, welche Medikamente ein Patient nimmt – und wofür. Der Kiosk bietet neben seiner rein informativen Tätigkeit, wie beispielsweise Vor- und Nachbesprechungen von Arztbesuchen und allgemeiner Beratung, auch Unterstützungen, wie offene therapeutische Sprechstunden, Begleitungen und diverse Kurse zur Ernährungsumstellung – oder zum Aufhören des Rauchens, an.

Der Kiosk befindet sich in Billstedt, einem Stadtteil von Hamburg, mit einer hohen Rate von sozioökonomisch benachteiligten Einwohnern. Der Gesundheitskiosk versucht, eben genau diese Personengruppe in ihrem Umfeld zu erreichen und zu unterstützen, da diese bei den klassischen Hilfsangeboten im Gesundheitssystem schwer Fuß fassen.

 

Der Ortsamtsleiter Hemelingens, Jörn Hermening, ging auf die Bevölkerungsstruktur von Hemelingen und dessen hohen Migrationsanteil ein.
Hemelingen sei seit jeher ein Industriestadtteil, die soziale Infrastruktur gut.
Auf Bremen bezogen merkte er an, dass sich der soziale Wohnungsbau, im Vergleich zu 2008, mittlerweile auf einen Bereich im Bremer Westen und auf einen Bereich im Bremer Osten zentriere.

Im Folgenden ging er auf die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Kulturen im gesellschaftlichen Kontext ein. Positiv sei es, dass sich Familienstrukturen, die nicht westlich geprägt seien, oftmals durch einen starken Zusammenhalt auszeichnen würden.
Herr Hermening bezweifelt es, dass bei gesellschaftlichen Angeboten (Bildung, Kultur, Psychotherapie) Parameter wie Migrationshintergrund, Bildungsniveau, Wohnsituation und Soziales Umfeld beachtet würden. Er plädierte deshalb dafür, dass sich Mitarbeiter im psychiatrischen Bereich einen Überblick über das Lebensumfeld und die Lebenswelt von Betroffenen verschaffen sollten. In seiner Tätigkeit als Stadtteilmanager habe er dies getan, den direkten Kontakt gesucht.
Er kritisierte in diesem Zusammenhang die „Komm-Struktur“ von psychiatrischen Angeboten, z.B. die Villa Wisch in Hemelingen. Einen inklusiven Charakter habe dieses Angebot nicht.

Anschließend ging Herr Hermening auf das Nutzen von Netzwerken innerhalb eines Stadtteils ein. Kontakte von verschiedenen Institutionen innerhalb eines Stadtteils zu pflegen sei notwendig, um sich im Bedarfsfall zu unterstützen. Als Beispiel führte er an, dass er mal den ASB bei einer psychischen Krise eines Bürgers eingeschaltet habe. Die Einrichtung eines Frauengesundheitstreffs ist ein weiteres Beispiel.

Abschließend sprach sich Herr Hermening für einen Bettenabbau im psychiatrischen Bereich aus.

 

Aufgrund dieses Appells drehte sich die Diskussion hinterher hauptsächlich um das Thema “Stationäre und ambulante Versorgung”. Ein Mitarbeiter des KBO warb entschieden für die Behandlung auf Station, besonders bei Suchterkrankungen. Hermening widersprach dem nicht, appellierte aber nochmals, dass bei einigen psychischen Erkrankungen mit einer Behandlung im Lebensumfeld das Geld besser eingesetzt sei. Ein Teilnehmer merkte an, dass er bald 20 Jahre im System sei. Doch kein Arzt hätte ihn je zu Hause aufgesucht – aber behandeln wollen sie ihn immer. Ein anderer Teilnehmer erwähnte hinsichtlich der lokalen Versorgung die “Aufsuchende Ambulanz”.