Autor: Monika Rosada

Momentaufnahme aus einer Klinik

 

Es war wieder eine schlaflose Nacht! Nun bin ich schon die dritte Woche in der Klinik, aber es wird nicht für wichtig erachtet, etwas an diesem Zustand ändern zu wollen. Endlich mal wieder richtig schlafen, mal mehrere Stunden am Stück und das auch tief und fest. Diese Durchschlafstörung habe ich jetzt schon drei Jahre und es interessiert keinen wirklich. Ich werde immer aggressiver, meine Ängste und Depressionen nehmen zu. Ich kann mich nur noch schlecht konzentrieren und alles kostet enorm viel Energie und Kraft….. Überall hört und liest man, wie wichtig der Schlaf ist, sowohl für die physische als auch psychische Gesundheit, aber  ich habe noch niemanden Professionellen kennengelernt, der/die nicht mitfühlend nicken würde, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Es nimmt somit keiner so wirklich ernst, diese Schlaflosigkeit…..

 

Also: Ich bin nun in der Klinik mit meinen Ängsten, Aggressionen und der Schlaflosigkeit….

An einem Dienstagmorgen, wir haben Ergo-Therapie….. ich bin müde, lustlos, gelangweilt und habe Kopfschmerzen! Ich will nichts Neues anfangen und sage zu Frau B., dass ich gern ein Mandala ausmalen wollen würde. Frau B., unsere Ergo-Therapeutin, erwidert sehr barsch, „Nein, ein Mandala haben Sie erst gemacht. Suchen Sie sich was anderes aus!“. Ich bin eh’ schon sehr, sehr angespannt, um nicht zu sagen, wütend….. ich raunze in einem bösen Unterton zurück, „Das ist mir doch egal! Ich kann mich gerade auf nichts konzentrieren und ich will auch nicht!! Ich will ein Mandala ausmalen!!!“. Frau B. wird bestimmend und ‘wächst’ auch ein wenig in ihrer Haltung und meint nochmals, dass sie mir nicht erlaube, ein Mandala auszumalen. Mittlerweile speie ich schon fast Feuer….. ich muss mich beherrschen, mich nicht in der Wortwahl und im Ton zu vergreifen, und sage, dass ich mich nicht in der Lage sehe, irgendetwas Produktives zu tun, und nur so an die Decke zu starren, das dürfe man ja auch nicht, also.. ? … bleibt nur das Mandala-Malen!

Frau B. kommt mit einem eisigen Lächeln auf mich zu – ich werde noch wütender, am liebsten würde ich den Raum verlassen – sie beugt sich zu mir herunter und sagt dann (der Vulkan bebt!!): „Dann gehen Sie jetzt nach draußen (Oh, ich bin begeistert, ich kann raus hier. Die merkt ja nicht, wenn ich dann auf mein Zimmer gehe. Die kann mich mal, Sch…. Spaziergang! Mein innerer Jubel ist groß….) und machen einen Spaziergang von ca 20 Minuten.“. Voller Freude ziehe ich mich an und will möglichst schnell den Raum verlassen, als sie dann noch hinterher schiebt: „…. und bringen Sie drei Fundstücke, die Sie auf Ihrem Weg finden, mit!“. Sehe ich Triumph in ihren Augen!! Ich schäume fast über vor Wut. Was soll das denn schon wieder? Die spinnt doch, ist doch kein Kindergarten hier! Murmel, grummel…..

Ich gehe nun missmutig durch die Gegend und mein Kopf qualmt vor Wut, suche widerstrebend und krampfhaft drei Dinge, die ich mitbringen kann – ich will ja nicht als aufsässig gelten und in der Regel mache ich schon das, was von mir verlangt/erwartet wird.

Zurück im Therapieraum knalle ich Frau B. die drei gefundenen/gesuchten Gegenstände auf den Tisch. Eine kleine Muschel, einen schwarzen glänzenden Stein und eine kleine gelbe Blume. Ich gehe (innerlich frohlockend) auf meinen Platz und freue mich, dass ich die Stunde bis dahin gut rumbekommen habe, und frage mich gerade, was ich in den noch verbleibenden ca 30 Minuten noch tun kann/soll. Zu Ende denken brauche ich nicht, denn plötzlich steht Frau B. neben mir und legt mein Gesammeltes vor mich auf den Tisch. Ich spucke innerlich Gift und Galle….. hat sie sie noch alle? Geht’s noch? Mein Blick ist scharf – ich glaube, meine Augen sind nur noch Schlitze und meine Stimme brennt und ist scharf…… Es folgt eine kurze Diskussion, in der ich schon bald begreife, dass ich keine Chance habe…… wehren zwecklos!!! Sie besteht darauf, dass ich zu diesen drei Dingen, die ich mitgebracht habe, eine Geschichte schreiben soll……..

Was soll ich sagen? Mir bleiben die Worte im Halse stecken. Ich bin so sauer auf Frau B., dass sie mich einfach nicht in Ruhe lassen kann….. aber ich will dann doch nicht ‘auffällig’ sein und mache, was sie von mir verlangt ! (Könnte auch mal therapeutisch bearbeitet werden, warum ich das trotzdem tue!).

Ich habe in relativ kurzer Zeit eine kleine, mutmachende Geschichte geschrieben, die ich hier gern mit Hemelingen, Bremen und der Welt teilen möchte:

 

Die einsame Muschel

Es war einmal eine kleine Muschel, die einsam und allein
am großen Ostseestrand lag. Sie weinte in den weichen
Sand und war traurig!
Plötzlich zog ein Sturm auf und die kleine Muschel
kämpfte gegen das tobende Meer, welches sie in die
Untiefen ziehen wollte…. es donnerte….. es blitzte…..
„Schau’ hoch, schau’ hoch!“ hörte sie eine energische
Stimme rufen…. „Wenn du den Kopf hoch nimmst,
wirst du sehen, dass du nicht allein bist!“. Die kleine
Muschel war furchtbar erschrocken und zitterte
vor Angst!
Ganz vorsichtig versuchte sie den Kopf zu heben
und sah zunächst der Stimme ins Gesicht. Es war ein
wunderschön funkelnder schwarzer, aber rauer Stein,
der ihr Halt und Sicherheit gab! Daraufhin traute
sie sich, sich aufzurichten und sah die Kraft des
tosenden Meeres und fühlte sich mutiger als je
zuvor. Sie schaute nun vorsichtig um sich herum
und erkannte eine ihr freundlich zunickende Blume,
die hellgelb leuchtend ihr Innerstes wärmte.
Die kleine Muschel tankte Zuversicht und Vertrauen
und fürchtete sich nicht mehr vor Alltäglichem!

ENDE

 

Übrigens: Ich habe daraus ein Ergo-Projekt gemacht. Wie kann ich die Geschichte mit den drei Fundstücken so verarbeiten, dass es gut raus- und rüberkommt….. das Projekt habe ich mit nach Hause genommen und versuche, einen gebührenden „Rahmen“ dafür zu finden! Vielleicht gibt es später mal ein Foto…..

 

Vielen Dank an Frau B., dass sie so beharrlich gewesen ist! In der Rückschau hat sie es mit einer pubertären 14-jährigen zu tun gehabt – und dafür braucht man/frau Nerven! Chapeau!