Autor:in: Volker Althoff

Fachtag Suizidpräventation

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Inhaltshinweis: Dieser Artikel behandelt ein empfindliches Thema und wir empfehlen nur weiterzulesen wenn man selbst stabil ist.

 

Prävention von Suiziden ist eine drängende gesellschaftliche Aufgabe

Fachtag in Bremen beschäftigt sich mit Vernetzungsmöglichkeiten

Die Tatsache ist bestürzend und die Zahlen erschreckend: Durch Suizide starben in Bremen im Jahr 2023 circa dreimal mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle. Laut eines Positionspapiers von Bündnis 90/Die Grünen in Bremen haben 90 Menschen im Land Bremen 2023 einen Suizid als vermutlich letzten Ausweg gewählt. Sie taten das aus einem Gefühl heraus, ihre Lebenssituation nicht mehr aushalten und nicht mehr ändern zu können oder eine Belastung für andere zu sein. Keine der betroffenen Personen wollte schon immer sterben, denn es handelt sich um keine wirklich freie Entscheidung, sondern um den nur gefühlt letzten Ausweg. Es starben 39 Frauen und 51 Männer. Hinzu kommt eine statistisch nicht erfasste Anzahl an Suizidversuchen, welche geschätzt bei mindestens 900 liegen dürfte.

Es ist möglich, Suizide zu verhindern. Beispielsweise, indem Gebäude gesichert werden, indem belastete Personen unkompliziert Hilfe bekommen, indem nach einem Suizidversuch eine passende Intervention erfolgt. Um Maßnahmen erfolgreich umzusetzen, bedarf es einer guten regionalen Zusammenarbeit. Der erste Schritt erfolgte nun mit dem Fachtag zur Suizidprävention; er diente als Impulsveranstaltung zur Gründung eines Netzwerkes zur Suizidprävention im Land Bremen. Das Referat Psychiatrie der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz hatte dazu eingeladen. „Die Prävention von Suiziden ist eine drängende gesellschaftliche Aufgabe, bei der es gemeinsamer Initiativen bedarf. Bedeutend ist dabei aber auch, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie wichtig es ist, offen über das Thema Suizid zu sprechen, um der Stigmatisierung und Tabuisierung entgegenzuwirken. Daher ist eine ressort- und systemübergreifende Vernetzung ebenso wichtig wie die Aufklärung zum Thema. Die Gründung eines Netzwerkes ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung“, machte die Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard deutlich.

Ralph Saxe, Grünen-Sprecher für Gesundheitspolitik in der Bremischen Bürgerschaft, betont deutlich: „Suizidprävention ist komplex – und beginnt am besten, lange bevor Gedanken an eine Selbsttötung zu einer lebensgefährlichen Entscheidung oder Tat werden.“ So fordert seine Partei vom Senat ein ganzes Bündel von Maßnahmen: die Einrichtung eines ressortübergreifenden und interdisziplinären Runden Tisches Suizidprävention unter Federführung des Gesundheitsressorts, die Schaffung einer gesicherten Datenlage, um Ursachen, Suizidorte, Alter, Geschlecht etc. zu berücksichtigen, möglichst auch zu Suizidversuchen. Zudem soll eine ambulant Rund-um-die Uhr-Versorgung für Menschen in seelischen Krisen bereitstehen. Hilfsangebote unter Federführung der Sozialpsychiatrischen Dienste und der Gesundheitsämter sollen besser vernetzt sein. Die Suizidprävention soll in Bauvorschriften berücksichtigt und mögliche Hotspots von Suiziden abgesichert werden. Ferner fordern Bündnis 90/Die Grünen ein Präventionsprogramm an Schulen zur Stärkung einer psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die Sozialpsychiatrischen Dienste sollen ihren Krisendienst stärken. Krankenkassen sollen über die Einrichtung eines neuen, außerklinisch betreuten Rückzugsort mit der Möglichkeit einer Krisenübernachtung neu verhandeln. Schließlich soll der Senat sich auf Bundesebene für eine einheitliche Krisendienst-Rufnummer einsetzen.

Suizide und Suizidversuche führen zu erheblichem Leid. Betroffene mit Suizidgedanken durchleben in der Regel eine langanhaltende Phase des Leidens. Davon mitbetroffen sind direkt auch Familie und Freunde. Oftmals wären Suizide und Suizidversuche vermeidbar, wenn die bestehenden Hilfsangebote verzweifelte Menschen frühzeitig erreicht hätten. Suizidalität ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Politik und Gesellschaft können einen wesentlichen Beitrag leisten, zu verhindern, dass eine psychosoziale Krise zu Suizidalität führt. So gibt es generelle Strategien zur Suizidprävention. Darüber sprach Barbara Schneider beim Fachtag. Sie ist Chefärztin der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Akademischen Lehrkrankenhaus der Universität zu Köln (LVR) und Leiterin des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro). „Zu den generellen Strategien gehört zunächst die Haltung gegenüber der suizidalen Person. Verschiedene Gruppen erfordern unterschiedliche Strategien“, erläuterte Schneider. „Insbesondere junge Menschen und Menschen, die noch nie Suizidgedanken oder psychischen Probleme hatten, tendieren dazu, Suizid als einen Akt zu interpretieren, der Kontrolle über die Lebenssituation und freien Willen beinhaltet.“ Suizid wird als Abwehrmechanismus tabuisiert und ist mit einer Vielzahl von negativen Gefühlen wie Scham, Schuld, Unbehagen und anderen assoziiert. Suizidprävention ist auf der Ebene des öffentlichen Gesundheitswesens und der Gesundheitspolitik verortet. Zielgruppen sind hierbei die Allgemeinbevölkerung mit Fokus auf spezifische Gebiete wie Schulen, Arbeitsplatz, Organisationen, Freizeit, Militär, Polizei etc. . „Ziele, Strategien sind die Erstellung von Richtlinien, Erhöhen des Wissens durch öffentliche Aufklärung betreffend zum Beispiel Früherkennung, Prävention und Behandlung psychischer Erkrankungen, chronischer psychosozialer Stress aufgrund von Armut etc.“, erklärte Barbara Schneider. Weiterhin gehören dazu: die Förderung protektiver Umgebungsfaktoren für die psychische Gesundheit, die Änderung der negativen Einstellungen in der Gesellschaft bezüglich Suizid (prävention) und seelischen Erkrankungen und die Kontrolle des Zugangs zu Suizidmitteln, also die sogenannte Mittelrestriktion und verantwortungsvolle Medienpolitik.

Auf der Ebene des Gesundheitswesens sind die Zielgruppen Patient:innen, An- und Zugehörige sowie Mitarbeitende des Gesundheitswesens. „Ziele und Strategien sind eine Verbesserung der Leistungsangebote des Gesundheitswesens, eine Verbesserung der Diagnostik von psychischen Erkrankungen wie Depression, Psychose oder Alkohol- oder Drogenabhängigkeit“, beschrieb die Leiterin des NaSPro. Des Weiteren gehören dazu: das Erkennen psychosozialer Stressfaktoren, die Schärfung des Bewusstseins der Mitarbeiter des Gesundheitswesens gegenüber Haltungen zur Suizidprävention und psychischen Erkrankungen und die adäquate Akut- und Weiterbehandlung und Rehabilitation psychiatrischer Patient:innen, von Personen mit Suizidversuchen und Personen mit psychosozialer Belastung.

Am Beispiel von FRANS skizzierte Christiane Schlang, wie Netzwerkarbeit zur Suizidprävention in Frankfurt (am Main) funktioniert. Hinter der Abkürzung verbirgt sich das Frankfurter Netzwerk zur Suizidprävention. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von mehr als 75 Institutionen und Organisationen, welche gemeinsam eine Verringerung von Suiziden und Suizidversuchen in Frankfurt erreichen möchten. Schlang ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin der Abteilung Psychiatrie/Psychiatriekoordination des Frankfurter Gesundheitsamtes. Die Netzwerkarbeit zielt darauf, das Thema Suizid und psychische Erkrankungen im Allgemeinen zu entstigmatisieren. „Das kann zum Beispiel durch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen geschehen, um in der breiten Bevölkerung Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema zu schaffen und somit der Stigmatisierung und Tabuisierung entgegenzuwirken“, erläuterte Schlang. Vorträge, Podiumsdiskussionen, Lesungen, Filmgespräche, Infostände sowie jährliche Veranstaltungen rund um den Welttag der Suizidprävention (am 10. September), der Website www.frans-hilft.de mit Hintergrundinformationen und Hilfsangeboten für Betroffene, Angehörige und Trauernde können dazu beitragen. Außerdem sollen Profis und Gatekeeper für das Thema sensibilisieren. „Schulungen zum Thema Suizid für unterschiedliche Zielgruppen, zum Beispiel Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen, Journalist:innen und Forbildungsreihen mit Vorträgen zu unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten können dazu beitragen“, erklärte Schlang. Ein weiteres Ziel ist, die Datenlage bezüglich Suiziden in Frankfurt zu verbessern, um gezielte und am Bedarf orientiere Angebote machen zu können. „Und schließlich soll mehr Transparenz geschaffen werden in Bezug auf die vorhandenen Strukturen zur Erleichterung des Zugangs zu Hilfsangeboten.“ Zu den Arbeits- und Aktionsschwerpunkten gehört der Ausbau der Vernetzung für bessere Zusammenarbeit und Nutzung von Synergien sowie die Krisenversorgung.

Als Schirmherr des Netzwerks engagiert sich Walter Kohl. 2018 gründete er den Förderverein „Freunde von FRANS e.V.“. Im Jahr 2017 wurde FRANS für seine Arbeit mit dem Hessischen Gesundheitspreis des Ministeriums für Soziales und Integration ausgezeichnet. Bei dem Preis werden herausragende Projekte ausgewählt, die die Gesundheit der hessischen Bevölkerung fördern und unterstützen.
Von 2017-2020 war FRANS/das Gesundheitsamt Kooperationspartner im BMG-geförderten „Frankfurter Projekt zur Prävention von Suiziden mittels Evidenz-basierter Maßnahmen“ (FraPPE; www.frappe-frankfurt.de). Hier wurden vielfältige Maßnahmen und Evaluationsvorhaben weiterentwickelt, umgesetzt und evaluiert.

In Bremen gibt es schon einige Hilfsangebote und Zuständigkeiten zum Thema Suizidprävention. Laut Behörde ist das Referat Psychiatrie und Sucht im Gesundheitsressort mit der Versorgungsplanung und -verbesserung in Bezug auf die sozial- und gemeindepsychiatrische Versorgung beschäftigt. Verschiedene Träger und Instituionen bieten Menschen in suizidalen Krisen Hilfe an. Dazu zählen: Sozialpsychiatrische Dienste, Kriseninterventionsdienst, Notaufnahmen der Psychiatrischen Kliniken, Kinder- und Jugendpsychiatrische Beratungsstelle und Institutsambulanz (KIPSY), Nachtcafé Bremen/ Bremerhaven und das Krisentelefon Bremen. Die Gesundheitsämter Bremen und Bremerhaven verantworten jeweils den Sozialpsychiatrischen Dienst auf kommunaler Ebene. In Bremen ist die Abteilung 5 „Sozialpsychiatrie und Prävention“ des Gesundheitsamtes geschäftsführend und koordinierend in den gemeindepsychiatrischen Verbünden tätig, sowie im Fachbereich kommunale Suchthilfe für die Steuerung der Suchthilfe-Angebote verantwortlich.
In Bremerhaven ist neben dem Sozialpsychiatrischen Dienst der Koordinator für die Sozialpsychiatrische Versorgung für Planungs- und Vernetzungsfragen zuständig.
In den genannten Versorgungsbereichen ist die Verhinderung von Suiziden durch rechtzeitige
Hilfsangebote und stabilisierende Maßnahmen ein wesentlicher Aspekt der Arbeit.

Der Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Bremen-Ost Deniz Karagülle begrüßt die Einrichtung eines Netzwerkes zur Suizidprävention: „Wichtig sind niedrigschwellige Angebote für Betroffene in Notsituationen, aber vor allem auch eine enge Abstimmung und ein kontinuierlicher Austausch aller beteiligten Einrichtungen. Das gilt für uns als größte Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie ebenso wie für andere Träger, aber auch für Rettungsdienst, Polizei und Notaufnahmen.“

 

Wenn Sie oder jemand nahestehndes von diesem Thema betroffen sind erhalten sie unter 113 Hilfe, oder können sich unter folgendem Link informieren.

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