Autor:in: Heike Oldenburg

Forderung nach 24stündigem Krisendienst & Genesungsbegleitern

 

Rede von Heike Oldenburg anlässlich des „Europäischen Protesttages zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ im Mai 2017, auf dem Bremer Marktplatz.

Unser diesjähriges Motto des „Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung“ ist: „Wir gestalten unsere Stadt. Einfach machen – Für Alle“.

Auch wir Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen haben Gestaltungsmöglichkeiten im psychiatrischen Umfeld. Veränderungen beim (Mit-) Gestalten des psychiatrischen Versorgungssystems sind jedoch kaum öffentlich in der Weise wahrzunehmen wie eine neu gebaute Blindenleitlinie oder eine Rampe im Stadtbild. Im Bereich Psychiatrie ist gerade in Bremen in den letzten Monaten richtig klar geworden, dass Defizite im Versorgungssystem bestehen, vor allem in der Forensik. Von Verbesserungen im Versorgungssystem profitieren nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch Sie und alle anderen Bremer Bürger.

Unsere erste Forderung ist: Einen mobilen 24-Std.-Krisendienst für Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen verbindlich und dauerhaft einrichten! Menschen mit psychosozialen Gesundheitsproblemen geraten selten in eine bedrohliche Krise. Wenn aber jemand zum Beispiel überflutet wird von bedrohlichen inneren Stimmen, die ihn so ängstigen, dass er nicht mehr weiß, was er tut, braucht er SOFORT einen kompetenten Gesprächspartner und nicht erst in drei Tagen. Deshalb fordert die EXPA, eine Gruppe von EXpert*innen durch Krisen- bzw. Psychiatrieerfahrung als Betroffene oder Angehörige und Profis: finanziert wieder einen mobilen 24-Std.-Krisendienst! Nur so können hochqualifizierte Mitarbeiter*innen dafür gewonnen werden, diese Tätigkeit langfristig auszuüben und damit auch die Allgemeinheit vor verrückten Verzweiflungstaten schützen. Einen solchen Krisendienst hatten wir von staatlicher Seite von 1984 bis 2016 in Bremen! Momentan gibt es eine Übergangslösung bis 31. Dezember 2017. Wie wird es danach weitergehen??
Wenn ein Mensch das erste Mal eine Krise erlebt, ist er häufig sehr stark verunsichert und hilflos und weiß oft nicht mehr, was ihr oder ihm eigentlich gut tut.

Dabei braucht er einfühlsame fragende Begleitung: Was brauche ich jetzt, um mit der neuen Situation fertig zu werden? Wie kann ich nach diesem Einschnitt erkennen, was mir jetzt im Leben wichtig ist
und wie ich es anstreben kann? Die Behindertenbeauftragten von Bund und Ländern haben im November 2016 die Forderung festgehalten, die ich hier als 2. Forderung nennen möchte:

Gleiche Anerkennung vor dem Recht –Assistierte Selbstbestimmung als Ergänzung zur rechtlichen Betreuung!

Dieses Konzept ist in Schweden bereits erfolgreich umgesetzt! Je besser die Betroffenen ihren Weg finden, desto größer ist ihre Chance auf künftige psychische Stabilität, verbunden mit Arbeitsplatz. Das führt zu größerer Zufriedenheit und zu besserer Gesundheit der Gesamtbevölkerung, zudem zu geringerer Inanspruchnahme von Krankenkassen, Rentenversicherern und des Bremer Sozialetats.

Solch eine Begleitung wären gute Arbeitsplätze für im Projekt EX-IN ausgebildete Genesungsbegleiter*innen. Dies sind Menschen mit eigener Krisenerfahrung, die in einer einjährigen Fortbildung gelernt haben, ihre persönlichen Erfahrungen zur besseren Integration Psychiatrie-Erfahrener in Beruf und Gesellschaft weiterzugeben – allgemein verständlich und praxisbezogen. Bundesweit einmalig, wurde in Reinkenheide, Bremerhaven, bewiesen: Durch die Anstellung von inzwischen acht Genesungsbegleiter*innen auf der psychiatrischen Station wurden dort Aggressionen und Ängste wesentlich gesenkt. Der Blick auf den Menschen wird auf Wiedergesundung hin verändert. Das kommt der gesamten Gesellschaft zugute.

Wir fordern:

Verstärkter Einsatz von Genesungsbegleitern als Dozent*innen! Als Streetworker! Als „Inklusionsfachkräfte“!

Sie können vermittelnd einschreiten und Brücken bauen im alltäglichen Umgang, z.B. bei Behördengängen oder innerhalb einer Firma, damit Unterschiede zwischen den Beteiligten nicht zu unnötigen Reibungsverlusten führen und krank machen.

Jeder psychiatrieerfahrene Mensch, der besser in Erwerbs- und Gemeinschaftsleben integriert werden kann, führt ein erfüllteres Leben und trägt mehr zu einem gelingenden Miteinander bei. Das wird unsere Gesellschaft gesünder machen.

Wollen Sie mehr wissen? Dann fragen Sie uns von der EXPA. Wir brauchen jederzeit psychiatrieerfahrene Betroffene und Angehörige, die bei der Durchsetzung der Forderungen unterstützend mitarbeiten.

Mit dem Blick in das Buch IRRTURM von sogenannten „verrückten“ Menschen mag manche normale Leserin, mancher Leser sich in dem einen oder anderen Schicksal vielleicht wiederfinden.

Im Hemelinger “Zwielicht” finden Sie darüber hinaus immer die aktuellen Entwicklungen im Bereich der psychosozialen Versorgung gut verständlich erläutert. Gleich neben dem IRRTURM befindet sich die psychiatriekritische Gruppe, die eine Unabhängige Fürsprache- und Beschwerdestelle fordert. Sie soll ins PsychKG (Psychisch-Kranken-Gesetz Bremen) aufgenommen werden. Genau heute wird das in der zuständigen AG des Psychiatriereferates und des Landespsychiatrieausschusses formell beantragt.

In diesem Sinne – auf eine gute gemeinsame Zukunft …!