Autor: Susanne Zoe Rippe

Freundzeiten

 

Warum ist es plötzlich vorbei? Lachen, Unbeschwertheit, Spontanität, ganz einfach: Freude mit und an anderen Menschen?? Ich hatte meine Schulzeit hindurch neben den oberflächlicheren Bekannten und Freunden in Cliquen immer ein bis zwei enge Freundinnen. In der Grundschule waren das Heike und
Corinna. Ich war sehr stolz, Heikes Freundin zu sein, weil sie zu den beliebtesten Mädchen der Klasse gehörte. Und sehr unglücklich, als Heike irgendwann eine andere beste Freundin hatte. Corinna war drei Jahre jünger als ich, das Nachbarskind und Tochter der damals besten Freundin meiner Mutter. Wir spielten viel zusammen und hatten viel Spaß, mal davon abgesehen, dass ich bei Streit immer von meiner Mutter gezwungen wurde, mich bei Corinna zu entschuldigen. Denn ich war ja die Große und Corinna die Kleine. Auch, wenn Corinna bereits im Vorschulalter ziemlich keck und bestimmend sein konnte und sehr geschickt, meine Mutter für sich einzunehmen. Kleine Kinder können den Nachteil an Lebensjahren manchmal bereits ziemlich schlau mit Manipulation der Erwachsenen ausgleichen, worauf so schnell niemand kommt. Dass eine Kleine schon so schlau ist. Weshalb es so gut funktioniert. Mit jeder neuen Schulform kamen andere Freundinnen. In der 5. Klasse der Orientierungsstufe war es dann eine andere Heike. In der 7. Klasse Realschule wurden Algeth und Regina meine Freundinnen. Wir drei waren so unterschiedlich, wie man nur sein konnte, und trotzdem ständig zusammen. Ich sah mich als die gemäßigte Mitte, zwischen der kreativen, originellen, künstlerisch sehr begabten Algeth und der vernünftigen ruhigen und immer sachlichen Regina. Auch äußerlich war jede von uns eine eigene Marke. Algeth mit ihren dunklen Augen und Haaren, Regina, rothaarig und sehr helle Haut – und ich das Landei, blond, blaue Augen. Spielte erst einmal überhaupt keine Rolle zwischen uns. Erst später, als die Männer wichtig wurden, überlegten wir im Stillen wohl öfter, ob der Typ, der die Freundin ist, wohl eher ankommt, und jede wird wohl manchmal vermutetet haben, die jeweils andere Augen- oder Haarfarbe könnte die Begehrte sein. Haar-, Haut-, Augenfarbe scheint von großer Wichtigkeit zu sein in der Welt der Jugend, die sich noch sehr an Äußerlichkeiten orientiert. Woran sich wohl auch so viel nicht geändert hat. Da muss es damals angefangen haben, dass die Unbeschwertheit untereinander abnahm. Nach der 10. Klasse gingen wir alle auf unterschiedliche Gymnasien bzw. Fachgymnasien, aber der Kontakt hielt noch einige Jahre. Rückblickend weiß ich, dass Algeth gegen Ende der Schulzeit ziemlichen Liebeskummer gehabt haben muss. Sie hatte bei einem Schüleraustausch einen einige Jahre älteren Freund kennengelernt, der sie auch in Deutschland besucht hatte. Einige Zeit hielt der Kontakt über die Distanz hinweg, aber schließlich meldete er sich nicht mehr. Und es war nicht mehr möglich, diese herrlich sinnlosen und albernen Dialoge mit Algeth zu führen, die Regina immer so sehr entnervten. Algeth ließ sich nie viel anmerken, was sie tatsächlich beschäftigte und ich hatte noch nicht gelernt, wahrzunehmen, was hinter der Fassade eines Menschen liegen könnte. Ich erfasste also nicht so wirklich, was los war. Der Ton zwischen uns änderte sich und der Kontakt brach schließlich ab. Es kam immer etwas dazwischen, wenn ein Termin vereinbart war, und vor allem ich bedauerte das sehr. Regina, die Verlässliche, war noch meine Freundin, als wir dann beide im Studium waren, ich in Aachen, Regina in München. Regina veränderte sich natürlich auch. Sie befand sich plötzlich als einzige Frau unter lauter Männern im Maschinenbaustudium in München. Darum beneidete ich sie, so eine Auswahl an jungen Männern! Aber sie schien das nicht sehr einfach zu finden. Regina steht nicht gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und sie hatte wenig Verständnis für Frauen, die mit Minirock in die Seminare stöckelten und dort regelrechte Tumulte auslösten. Und das vermutlich ganz absichtlich, wie sie sich empört wunderte. „Anheizerinnen“, die bei konzentrierter Arbeit schließlich stören. So dachte jedenfalls Regina. Um sich in der Männerwelt des Maschinenbaus als kompetent behaupten zu können, zahlte Regina den Preis betonter Schlichtheit und kultivierte nahezu ein „Graue-Maus-Image“. Was nicht so leicht gewesen sein dürfte, für eine Frau mit naturroten Haaren und grünen Augen. Regina hatte schließlich Familie, nachdem sie sich auch etwas gegönnt hatte, was sie selber wohl als eine ziemliche Verrücktheit bezeichnet hätte – sie hatte einen Mann aus Peru geheiratet, eine Urlaubsbekanntschaft, und inzwischen haben die beiden zwei Kinder. Natürlich arbeitet Regina weiter als Ingenieurin, irgendwie bekommt sie dies mit ihrer Disziplin geregelt, nur ich fiel dann leider aus der Terminplanung raus. Freunde fand sie an ihrem neuen Wohnort, während ich immer wieder in psychotische Krisen schlitterte und man Monate nichts von mir hörte. So dass nach der letzten Kontaktaufnahme, die etwas 2-3 Jahre her sein dürfte, Regina meine Karte nicht beantwortete. Wir waren uns leider fremd geworden und ich vermute, dass Regina immer noch wenig Verständnis hat für Menschen, die von staatlicher Unterstützung leben. Das käme für sie nie in Frage, und auch, wenn sie es zur Ingenieurin gebracht hat, würde sie wohl eher putzen gehen, als ALG II zu beantragen. Inzwischen habe ich nur immer noch sehr wenige Kontakte, die man als engere Freundschaft bezeichnen könnte. Meine Freundinnen, sie haben wie ich eine psychiatrische Diagnose.
Wir könnten also unbefangen und offen miteinander umgehen, wir wissen voneinander, was uns gemeinsam belastet, doch es klappt auch bei uns nicht so recht mit der Gelassenheit. Betreuer scheinen
unser Beziehungsleben zu beaufsichtigen und zu steuern. Die Erwerbstätigen, sich selbst versorgenden Erwachsenen müssen sich nicht bevormunden lassen, stehen aber häufig unter großem Druck, sich in einer immer verrückteren Arbeitswelt durchzusetzen. In der Pubertät beginnt es, bei der Unsicherheit in den ersten Paarbeziehungen, dann wird ganz offen konkurriert um Arbeitsplätze, und der Konkurrenzkampf beginnt erst so richtig am ersten oder neuen Arbeitsplatz, wenn man meint mit der Zusage, es nun endlich geschafft zu haben. Und diese Konkurrenz wird auch immer mehr geschürt. Noch perfekter, gleichzeitig noch angepasster soll man sein, um sich durchzusetzen. Fliegt einer aus dem Hamsterrad, schauen sich die, die sich noch abstrampeln, nicht lange nach ihm um. Als Erwachsene werden wir leicht zu Revierdenkern und gleichzeitig Einzelkämpfer, die auch im eigenen Rudel Beute schlagen. Zwei Welten entstehen: Die, die es noch schaffen und die, die bereits raus sind und nicht mehr so leicht reinkommen in die Gemeinschaft aus Verantwortung teilenden Erwachsenen. Freundschaft wird ein immer schwerer zu bewahrendes Gut und scheint zwischen diesen beiden Welten so ziemlich ausgeschlossen. Die Welt der Leistungsfähigen – (oder soll man besser sagen: noch Leistungsfähigen?) sieht sich beauftragt, über die Welt der vermeintlich nicht Leistungsfähigen zu herrschen. „Vermeintlich“ schreibe ich, weil Menschen mit psychiatrischer Diagnose häufig sehr viel mehr und wertvolleres leisten, als sichtbar oder vorzeigbar wäre. Auf mich trifft das jedenfalls zu. (Dazu mehr in einem späteren Text.) Ich halte mich nicht für wertlos oder minderwertig, weiß, dass ich das nicht bin – aber natürlich hätte ich gerne eine Arbeit, die mir entspricht und zumindest mit Mindestlohn bezahlt wird. Noch wichtiger aber ist mir Freundschaft. Und wenn Arbeit auch nicht für jeden da sein soll in dieser Welt, oder nicht jeder gut genug für bezahlte Arbeit sein soll, oder wenn es auch sinnvoll sein kann, eine vor den Augen von Überwachern und Kontrollfreaks verborgene Arbeit vorzunehmen – so sollte doch jeder ein Recht auf Freundschaft haben und eine Privatsphäre zugestanden bekommen, in der man unbeschwert mit Freunden Spaß haben kann. Wir bewegen uns auf eine Welt zu, die so stark reglementiert, beobachtet, doku-mentiert wird (und zwar nicht nur die Menschen mit psychischer Diagnose), dass die Fähigkeit zur Freundschaft und Brüderlichkeit verloren gehen könnte. Für mich geht damit das Wertvollste am Menschsein verloren. Ich glaube, ich werde einfach mal versuchen, sie wiederzufinden, die Freunde von früher. Und einfach mal wieder schreiben.