Nanni

 

Eine Reportage über eine Gefangennahme und einen ersten Knastbesuch.

 

Meine gute Bekannte Nanni wegen mehrerer Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt. Um einen Knastaufenthalte zu verhindern, war sie von da an intensiv bemüht, einen Therapieplatz zu bekommen.

Einige Zeit später hatte sie die Zusage der Landesversicherungsanstalt für die Kostenübernahme. Auch für die vorher erforderliche Entgiftung war sie angemeldet. Doch Justitia wartet nicht ewig. Klar, zunächst erhält man ja einen Stellungsbefehl. Das ist das amtliche Schreiben, dass man sich bis zu einem bestimmten Termin in der JVA persönlich zum Einfahren zu melden hat. Aber mal ehrlich, welcher BTM’ler kommt dem schon nach. Also folgte bald darauf der „Rote“, also der auf wunderschönem roten Papier erstellte Haftbefehl.

Schon die Umstände ihrer Verhaftung waren für mich schaurig. Da wird ein zierliches Persönchen von 42 kg Gewicht und 1,62 m Größe von 5 Beamten festgenommen! Das Ganze lief wie folgt ab. Ich stand gemeinsam mit ihr schon eine längere Zeit an der Bushaltestelle, um in die City zu fahren. Ein wenig abseits der Haltestelle stand schon die ganze Zeit ein Herr, der wohl ebenso auf den Bus wartete. Plötzlich hielt ein Streifenwagen direkt vor uns. Dem Wagen entstiegen ein Beamter und eine Beamtin, die beide uniformiert waren. Die beiden Polizisten stellten zunächst Nannis Personalien fest und erklärten sie für festgenommen.

In diesem Augenblick gab sich auch der mit uns wartende Herr als Beamter zu erkennen. Er hatte wohl die ganze Zeit nur sichergestellt, dass Nanni nicht abhaut.

Dann wurde von den Beamten die Staatsanwaltschaft informiert, und schon kurz darauf erschien ein Privatfahrzeug. In diesem Fahrzeug saßen zwei weitere Herren, von denen der Fahrer sofort nach dem Anhalten ausstieg und auf Nanni zukam. Er zeigte Nanni den Stellungs- sowie den Haftbefehl und nötigte sie, sich auf den Rücksitz des Fahrzeugs zu setzen. Alles Bitten und Betteln, dass sie noch Sachen aus ihrer Wohnung dringend benötigt, halfen nichts. In diesem Augenblick fiel mir ein, dass Nanni ja eine Schildkröte zu Hause hat, die versorgt werden muss!

Daher bat ich die Beamten, mir Nannis Wohnungsschlüssel auszuhändigen, was in Rücksprache mit ihr auch geschah. Also musste ich noch am gleichen Abend in ihre Wohnung, um ihr wichtige Papiere in den Knast zu bringen. Schließlich musste sie ja nachweisen, dass sie einen Therapieplatz hat. Direkt am nächsten Tag ging es nochmal zur JVA, um ihr Wäsche zu bringen. Gerade für Frauen ist das ja wichtig, denn welche Frau läuft in der JVA gerne in Anstaltskluft herum. Das ist dann nicht die blau-weiß gestreifte Kleidung, die man in dem einen oder anderen Film zu sehen bekommt, sondern abgetragene Kleidung von ehemals Inhaftierten. Männer sind da wohl nicht ganz so pingelig. Ich hatte ja gedacht, dass Nanni ihre Wäsche nun problemlos gewaschen bekommt. Zu meinem Erstaunen musste ich aber per Brief von ihr erfahren, dass in der Anstalt eine sorgfältige Behandlung der Wäsche eher die Ausnahme ist. Ich war daher notgedrungen verpflichtet, in Zukunft ihre Wäsche abzuholen, zu waschen und wieder zu ihr zu bringen.

Nun ist Nanni jedoch eine sehr ordentliche Person, speziell was ihr Äußeres und ihre Kleidung anbelangt. Da jedoch einige ihrer Bekannten aus der Drogenszene ebenfalls zurzeit in der gleichen JVA einsitzen, erwarten diese Bekannten von Nanni auch im Knast ein entsprechendes Outfit. Das Dumme dabei ist nur, dass ja nun ich dafür gerade zu stehen habe. Ich, der doch eher schlampige Single! Es ist also völlig klar, dass dadurch schon reichlich Zündstoff bei den Besuchsterminen besteht.

Nun benötigt Nanni noch ein sogenanntes Zugangspaket, das auch schnellstmöglich zu organisieren ist. Da sind dann einige „Leckerchen“ drin, die in der Anstaltskost nicht enthalten sind. Hierzu zählen zum einen natürlich diverse Süßigkeiten, aber auch Bohnenkaffee und Salami. Selbstverständlich sind die Mengen genau vorgegeben. Nanni hatte mir schon nach zwei Tagen einen Brief hierzu zukommen lassen. In meinem Antwortschreiben waren natürlich auch Briefmarken, so dass sie mir zurückschreiben konnte. Sie war aber fest der Meinung, dass sie noch Geld vom JobCenter zu erwarten hätte, wovon so etwas bezahlt werden kann. Um dies zu regeln, stellte sie mir sogar eine Generalvollmacht aus. Leider sah das Job-Center das völlig anders. Daher blieb es mir nicht erspart, von meinem Geld das alles zu beschaffen. Damit war für den ersten Besuch einige Tage später mehr als genug Konfliktstoff zu bewältigen. Am Ende der Woche nach ihrer Verhaftung fuhr ich dann zu einem ersten Besuchstermin zu ihr in die JVA. Den Termin muss man natürlich vorher mit dem Besuchsdienst der JVA absprechen. Man kann monatlich maximal drei Stunden zu Besuch kommen, wobei die einzelnen Termine entweder eine ¾ Stunde oder 1 ½ Stunden dauern. Ich hatte eine Besuchsdauer von 1 ½ Stunden vereinbart, da es ja viel zu besprechen gab.

Zunächst muss man wissen, dass man mindestens eine halbe Stunde früher da sein sollte, da eine auwändige Eingangskontrolle vor jedem Besuch erfolgt. Zunächst muss man an der Pforte sich anmelden und seinen Personalausweis abgeben. Dann erhält man ein Körbchen, in das man seine Wertgegenstände wie Uhr, Geldbörse, Ohrringe usw. legt. Dieses Körbchen wird dann nach der Kontrolle in ein Schließfach getan, zu dem man an der Pforte schon einen Schlüssel erhalten hat.

Nun gelangt man in einen Vorraum, wo man sich zunächst eine Wartemarke zieht. Wenn die Nummer der Marke aufgerufen wird, kann man weiter in den Raum, in dem die Eingangskontrolle stattfindet. Dort muss man dann das Körbchen sowie gegebenenfalls Gürtel und dergleichen auf ein Band legen, das die Gegenstände durch einen Scanner transportiert. Auch die mitgebrachten 13,- € für Tabak und Süßigkeiten als Mitbringsel müssen auf dieses Band. Danach wird man nochmal mit einem Metalldetektor abgetastet. Nun erhält man die 13,- € wieder und kann das Körbchen ins Schließfach stellen. Nun kommt man in einen Raum, in dem ein Automat steht, aus dem man die besagten Süßigkeiten sowie Tabak ziehen kann. Ist dies alles erledigt, muss man auf den Beamten warten, der einen in den eigentlichen Besuchsraum führt.

Da saß ich dann im Besuchsraum an einem Tisch mit zwei Stühlen. Direkt an der Tür saß ein Beamter, um den Ablauf des Besuchs zu überwachen. An mehreren weiteren Tischen saßen andere Besucher. Nun betraten die Inhaftierten einzeln den Besuchsraum. Nanni war die dritte Strafgefangene, die in den Raum kam.

Da sie ja als Drogenabhängige in der JVA quasi kalt entziehen muss (ohne Methadon oder ähnliches, und nur mit begrenzter medizinischer Begleitung) war sie natürlich megasch …. drauf. Dementsprechend lief auch das Gespräch. Was mir alles an Fehlern und Missgeschicken von ihr vorgeworfen wurde, war unglaublich. Gott sei Dank nehme ich so etwas nicht persönlich. Klar, ich hätte mir sagen können: “Was geht mich das an? Sollen sich doch ihre Verwandten bemühen. Sollen die sich doch anmaulen lassen“. Das Dumme daran ist nur, dass ihre Verwandtschaft nichts mehr von ihr wissen will. Geht gewiss vielen langjährigen Drogenabhängigen so. Erst dadurch wurde mir klar, wie wichtig Freunde sind. Freunde, die ohne Wenn und Aber zu einem stehen. Menschen, die auch dann noch hinter mir stehen, wenn ich total sch … drauf bin. Eigentlich sollte für so etwas die Familie zuständig sein, aber für die meisten Drogenabhängigen gibt es keine Familie mehr. Oftmals ist diese Familie auch eher Teil des Problems. So gesehen ist die Szene auch eine Art von Ersatzfamilie. Nur was ist, wenn man von der Droge loskommen will? Schließlich ist man dann auch seinen Bekanntenkreis los. Klar gibt es gerade bei den Frauen den einen oder anderen Bekannten, der nichts mit der Szene zu tun hat. Nur sind das oftmals ältere Herren, die ihre ganz besonderen Gründe haben, den Kontakt zu diesen Frauen zu pflegen.