Autor:in: Anne-Maren Lehmann und Jürgen Busch

Genesungsbegleiter – Ein neuer Beruf?

 

Psychiatrische Genesungsbegleitung durch Betroffene (sog. EX/IN) bürgert sich ein, weil sie in der Praxis hilfreich ist. Sie ist eine neue Form betriebsinterner Selbsthilfe. Dabei ist es für die Beteiligten eine Gratwanderung, die Begleiter einerseits als Kräfte in der ambulanten oder stationären Arbeit einzugliedern und andererseits ihnen mentale Unabhängigkeit zu lassen, denn sie ist die Grundlage des Klientenvertrauens zu ihnen. In diesem Sinne ist ein Wechsel von EX/IN-Mitarbeitern „auf die andere Seite“ weder nötig noch hilfreich.

Ein entsprechendes Berufsbild ist dabei zu entstehen. Seine Schwerpunkte sind Recovery-Arbeit mit dem Klienten und Fürsprache-Arbeit für den Klienten. In Bremen ist die EX/IN-Tätigkeit Teil der offiziellen Psychiatriereform-Politik.

Als Genesungsbegleiter in der Psychiatrie zu arbeiten heißt, die eigenen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien zu reflektieren und für andere Betroffene aktiv zu nutzen (engl. Experienced Involvement = „EX/IN“)

  • “EX“ = experienced: Genesungsbegleiter sind psychiatrieerfahrene Menschen, die speziell ausgebildet wurden für die Tätigkeitsbereiche Recovery (= Genesung) und Fürsprache (= parteiliche Unterstützung).
  • „IN“ = involvement: Sie sind bei psychosozialen Betrieben, der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung als Angestellte oder Ehrenamtliche mit Aufwandsentschädigung beschäftigt,
  • um dort solchen genesungsbegleitenden Tätigkeiten nachzugehen (= „EX/IN“).

Arbeit an den Gefühlen: Die Psychiatrie war auch Jahrzehnte nach der Psychiatrie-Enquete des Bundestages von 1975 (!) weiterhin ein Ort suboptimalen Vertrauens und suboptimaler Wirksamkeit. Im Vergleich zur übrigen Medizin waren die Heilerfolge der Psychiatrie geringer. Das lag daran, dass sie sich seit langem als angewandte Naturwissenschaft missverstand, entsprechend organische Methoden wie die Psychopharmakologie bevorzugte und sich nicht inhaltlich vorwiegend der Seele zuwandte. Die somit bewirkten Misserfolge produzierten aus Resignation die zweite bevorzugte Behandlungsmethode: Die Verwahrung von scheinbar „unheilbaren“ Menschen. Jedoch ist „Psychiatrie ohne Psychologie Veterinärmedizin“ (Mitscherlich). Es bedurfte und bedarf eines grundsätzlichen Wandels in Richtung der Arbeit am Gefühl.

Eine verirrte Psychiatrie selbst hat eine Heilungschance, wenn sie umstellt auf mentale Behandlung in einem sozialen Umfeld und „Medizin“ künftig nur noch als eine unter mehreren gleichrangigen Methoden der Diagnose und der Therapie versteht.

Als Defizite der heutigen Psychiatrie sind weiterhin zu nennen:

  1. Erstes Defizit der Psychiatrie ist ihre Defizitorientierung am Menschen, statt ihn ganzheitlich zu sehen, Entwicklungspotentiale genauso aktiv zu explorieren wie zuvor die Diagnose und den Genesungsweg in Zusammenarbeit mit dem Klienten zu gestalten und damit die Diagnose angemessen operational fortzuschreiben.
  2. Zweites Defizit der Psychiatrie ist ein Teil der professionellen Kräfte, deren Hilfsverhalten dominant und nicht mitmenschlich ist. Folge der mentalen Behandlungsdefizite ist eine über die Jahre ausufernde medikamentöse Ersatzbehandlung, die ruhig stellt, aber Menschen daran hindert, im Kontakt mit ihrem Gefühl dieses nachzureifen und stattdessen beim Absetzen der Stoffe die im wesentlich unveränderte, unbearbeitete Problemlage wieder offenbart.
  3. Drittes Defizit und wichtigster Implementierungsgrund für die Genesungsbegleitung ist das fachliche Eingeständnis, dass in der psychiatrischen Arbeit der professionellen Kräfte kognitive, emotionale und motivationale Lücken hin zum Klienten verbleiben, die auch bei höchster Motivation der Mitarbeiter von ihnen nicht geschlossen werden können, sondern nur durch die Mitarbeit von Betroffenen selbst und insbesondere im Hinblick auf eine Vertrauenschance unter Betroffenen und damit eine Verständigungsmöglichkeit unter Betroffenen.

Dieser mögliche Lückenschluss wird heute mit der Hoffnung versehen, dass

  • die akut stützende, therapeutische und psychoedukative Arbeit des Anbieters mit den Klienten wirksamer,
  • die Dauer akuter Psychiatrieaufenthalte verkürzt und
  • der Drehtüreffekt vermindert werden können.

– Vier Werkzeuge –

  1. Die eigene Erfahrung, das eigene Beispiel: Das erste Werkzeug der Genesungsbegleiter ist, immer wieder Betroffenen von der eigenen Genesungsgeschichte zu erzählen und die Zuversicht zu vermitteln, dass Linderung und Besserung möglich ist. Dabei wird berücksichtigt, dass jeder anders und eine unmittelbare Übertragbarkeit der eigenen Krankheits- und Genesungserfahrungen auf andere Menschen nicht möglich ist. Genesungsbegleiter bevormunden nicht, sie begleiten. Dabei sind Recovery und Fürsprache Tätigkeiten im Klienten-Kontakt; mithin stehen Genesungsbegleiter „von Amts wegen“ den Klienten nahe. Zu diesem Zweck und nur begrenzt auf diese Aufgabe, sind sie von Weisung durch den Arbeitgeber freigestellt (ähnlich dem Betriebsrat); ansonsten sind sie weisungsgebunden wie alle anderen auch. Recovery- und Fürsprache-Aufgaben können nur durch Genesungsbegleiter angeboten und ausgeführt werden.
  2. Recovery-Begleitung: Das zweite Werkzeug ist die aktive Unterstützung der Recovery-Arbeit der Klienten im Wege einer betriebsintegrierten Selbsthilfe. Recovery akzeptiert, dass weiterhin Symptome vorhanden sind. Es geht darum, auch mit der Verwundbarkeit ein zufriedenstellendes Leben führen zu können und es bedeutet nicht vollständige Heilung. Recovery heißt, ggf. mit ungelösten Problemen in Frieden zu leben. Genesung ist ein individueller Prozess, den Genesungsbegleiter auch durchmachen und ebenfalls nicht vollständig geheilt sein müssen. Recovery-Arbeit als EX/IN-Kraft bedeutet also, aus den eigenen Erfahrungen schöpfend, andere bei ihrer Genesung zu begleiten.
  3. Fürsprache in der Genesungsbegleitung: Das dritte Werkzeug ist die parteiliche Unterstützung der Klienten im Innenverhältnis des psychosozialen Anbieters und im Außenverhältnis z.B. zu Behörden oder Krankenkassen. Wo bei den Professionellen ihre Sprache, ihr Sachverstand oder ihre Einfühlung mangels persönlicher Betroffenheit nicht mehr hinreichen, haben Genesungsbegleiter die Aufgabe, für andere Betroffene und Genesende im Betriebsablauf und in Außenverhältnissen das Wort zu ergreifen, nach beiden Seiten hin zu erklären, zu übersetzen oder Formulierungs-Hilfe anzubieten und damit dem schwächeren Teil beizustehen. Fürsprache-Tätigkeit gibt es für einzelne Klienten oder zur kollektiven Interessenvertretung von Klienten in Gremien.
  4. Feedback: Das vierte gelegentliche Werkzeug ist die freiwillige Rückmeldung der Genesungsbegleiter untereinander. Jeder Tätige muss für seinen Rückhalt gewiss sein, dass er sich Rat und Unterstützung der Anderen holen kann, was Kritik einschließt.

© Diese Arbeitsbeschreibung wurde in der Gruppe der Genesungsbegleiter beim Arbeiter Samariter Bund in Bremen in der Zeit von Oktober 2017 bis Januar 2018 erarbeitet. Text: Jürgen Busch und  Anne-Maren Lehmann. Für öffentliche Texte ist Zitieren aus dieser Arbeitsbeschreibung erlaubt und erwünscht, wenn die Quelle (Arbeitsbeschreibung ASB-Genesungsbegleiter) genannt und ein Belegexemplar uns übersandt wird (ASB-Büroservice, Sebaldsbrücker Heerstraße 42, 28309 Bremen).