Anlaufstelle mit Krisenzimmern soll im Jahr 2026 Betroffenen bereitstehen
Menschen in akuten psychischen Krisen sollen darin einen passenden, niedrigschwelligen und selbstbestimmten Zufluchtsort finden. Eine Anlaufstelle mit Krisenzimmern soll voraussichtlich in dieses Jahr in Bremen für Betroffene bereitstehen. Das Konzept, das eine Arbeitsgruppe (AG) Krisenräume des Landesverbandes der Psychiatrie-Erfahrener Bremen (LVPE) erstellt hat, liegt dem „Zwielicht“ vor. Demnach soll es sich um ein von Betroffenen selbstorganisierten Hilfeort handeln, der alternative Wege in der Krisenbewältigung ermöglicht – jenseits von Zwang, Stigmatisierung und Hierarchien. Er basiert auf Expertise aus Erfahrungen, Selbsthilfe, Freiwilligkeit, Solidarität, kollektiver Verantwortung und einem würdevollen Umgang in der Krise. Der Anspruch ist es, einen sicheren Ort zu schaffen – für Menschen in Bewegung, in Entwicklung und in der Krise.
Der Zufluchtsort soll unbürokratisch, unabhängig von Diagnose, Krankenkasse und Aufenthaltsstatus sein. Erfahrene Peers (Menschen mit eigener Krisenerfahrung) sollen die Betroffenen fachlich und menschlich vor Ort begleiten. Die Krisenräume sollen als Rückzugsort mit wohnlicher Atmosphäre ausgestattet sein; sie sollen keinen klinischen Charakter aufweisen. Darin steht Empowerment im Mittelpunkt. Außerdem gilt die Devise „Freiwilligkeit statt Zwang“: niemand wird zu einer Therapie, Diagnose oder Medikation gedrängt. Die Hilfe basiert auf Beziehung, Vertrauen und Selbstbestimmung. Ziel ist die Vermeidung von Klinikaufenthalten durch präventive Krisenintervention.
In Nordrhein Westfalen existieren bereits seit vielen Jahren Peer-geleitete Anlaufstellen mit Krisenzimmern in Bochum sowie in Köln. Viele Menschen können sich stabilisieren und von einem (akuten) Krisenzustand erholen und finden eine Community, die ihnen Halt gibt. „Unser Konzept orientiert sich an dem Bochumer Modell, dessen Wirksamkeit durch die medizinische Hochschule Brandenburg Fotaine zwischen 2017 und 2020 erfolgreich beforscht wurde“, erklärt Julia Benz. Sie gehört zur AG Krisenräume und hat am Konzept mitgearbeitet.
Die Anlaufstelle soll in einer zentral gelegenen Wohnung oder Gewerbeeinheit mit ca. 150 Quadratmeter mit guter ÖPNV-Anbindung in Bremen entstehen. Bevorzugte Stadtteile sind Walle, Neustadt, Findorff, Schwachhausen, Hemelingen oder Woltmershausen. „Die Räumlichkeiten sollen möglichst barrierefrei sein, damit beispielsweise auch Rollstuhl-Nutzer auf das Angebot zurückgreifen können. Sie werden häufig im gängigen Hilfesystem übersehen und ausgegrenzt“, sagt Julia Benz. Der Punkt Barrierefreiheit sei noch wichtiger als der Stadtteil.
Der Hilfeort soll Platz bieten für zwei Krisenzimmer, ein bis zwei Gemeinschaftsräume, Gemeinschaftsküche, Bad, Büro und Platz für Sofa-Übernachtungen. Die Zimmer sollen über eine möglichst gemütliche Grundausstattung verfügen. Bis zu drei Monate können sich Menschen in akuten Krisen dort aufhalten. Der Aufenthalt ist kostenfrei und soll bei Bedarf als Meldeadresse genutzt werden. Das Anlaufstellen-Team entscheidet über die Aufnahme. Ziele sind: zur Ruhe kommen, stabilisieren, gegebenenfalls neue Perspektiven entwickeln. Ein Krisenaufenthalt kann seitens des Teams (vorzeitig) beendet werden, zum Beispiel bei massiven grenzüberschreitendem Verhalten, bei fortgesetzten Konsum von Alkohol trotz Rücksprache oder wenn es zu keinem zielführenden Miteinander zwischen Team und Krisenbewohner kommt.
Zu den wöchentlichen Programmangeboten der Anlaufstelle werden ein offenes Café, eine Selbsthilfegruppe Psychiatrie-Erfahrener, eine Achtsamkeits- & Meditationsgruppe, ein Computertreff sowie Teambesprechungen gehören. Regelmäßig werden Kreativ-Angebote, Filmabende, gemeinsames Kochen, Seminare & Austauschformate, Beteiligungen an Projekten im Stadtteil sowie ein offenes Plenum stattfinden.
Die Idee einer betroffen-kontrollierten Anlaufstelle kommt aus der Selbsthilfe. Das Konzept sieht es nicht vor, das Mitarbeiter der Anlaufstelle rund um die Uhr vor Ort sind. Es ist angestrebt, ein Notfalltelefon vom Anlaufstellen-Team einzurichten, so dass auch zum Beispiel abends Menschen für die Krisenbewohner erreichbar sind. In Ausnahmesituationen während einer Krise kann auch geplant werden, spontan eine Nachtbegleitung anbieten zu können, so dass ein Krisenaufenthalt nicht scheitert. Möglichst werden die Mitarbeiter zu verschiedenen Tageszeiten vor Ort sein und nach Absprache mit den Bewohnern können individuelle Zeiten vereinbart werden. Es sollen möglichst viele aktive Menschen einen Schlüssel/Zugang zur Anlaufstelle haben, damit auch spontan die Räumlichkeiten über das Programm hinaus nach eigenen Bedürfnissen genutzt werden kann. Drogen- und Alkoholkonsum ist in den Räumlichkeiten untersagt. Ein angeschlossenes Gartenprojekt und ein geplantes Selbsthilfeangebot für Eltern mit psychischen Krisenerfahrungen sollen das Projekt zukünftig erweitern.
Das Angebot richtet sich an Menschen mit Krisen- und Psychiatrie-Erfahrungen. Auch Menschen ohne ausreichendes soziales Netz oder als Anschlussperspektive und Anschlussversorgung nach Klinikaufenthalten können den Hilfeort aufsuchen. Darüber hinaus sollen auch Menschen mit Wohnungslosigkeit oder instabiler Wohnsituation und Menschen mit Flucht-/ Migrationserfahrung im Kontext einer psychischen Krise Zuflucht finden.
Grundlage ist ein respektvoller, sensibler und solidarischer Umgang miteinander. Dominantes Verhalten und übergriffige Kommunikationsweisen werden thematisiert. Psychiatrische Sprache und Diagnosen werden in der Anlaufstelle nicht übergestülpt oder als Machtinstrument eingesetzt.
Rainer Bensch, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU, findet lobende Worte für das Konzept: „Krisenräume sind ein bedeutender Schritt in der psychosozialen Versorgung unserer Stadt. Ein von Betroffenen selbst organisierter Hilfeort wird niedrigschwellige Anlaufstellen für Menschen in akuten Notlagen schaffen, auch nachts. Das Konzept der Bremer Krisenräume leistet somit einen konkreten Beitrag zur Prävention, zum Schutz und zur Stabilisierung für Menschen in akuten psychischen Krisen. Dieses Engagement verdient volle Unterstützung und Anerkennung.“
Kirsten Kappert-Gonther (Bündnis 90/ Die Grünen), Obfrau des Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestages, bezeichnete diesen Ansatz bei einem Besuch der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen (LAGS) im Jahr 2024 als „lohnendes Projekt“. „In Bremen gibt es für Menschen, die sich in einer seelischen Krise befinden, aktuell keinen außerklinischen betreuten Rückzugsort. Das ist keine gute Situation, und es wichtig, das sich das ändert.“ Jürgen Karbe, 1. Vorsitzender der LAGS, steht ebenfalls hinter der Etablierung von Krisenräumen und bemerkt dazu: „Das ist ein Projekt, bei dem wir sagen können, wir wollen ein Weglaufhaus auch in Bremen einrichten. Das ist ein großes Ziel, worauf wir uns fokussieren müssen. Deshalb müssen wir eine große Öffentlichkeit finden.“
Von der Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard ist zu hören: „Das Projekt kann zu einer wichtigen Ergänzung zu den bestehenden Versorgungsangeboten werden. Das Gesundheitsressort begrüßt das Vorhaben sehr, alternative Wege der Krisenbewältigung zu schaffen.“
Ralph Saxe, gesundheitspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grüne, äußert sich wie folgt: „Außerklinisch betreute Rückzugsorte mit der Möglichkeit einer Krisenübernachtung sind unverzichtbar für die Stärkung der seelischen Gesundheit in Bremen. Sie bieten einen geschützten Raum, in dem Betroffene zur Ruhe kommen, sich stabilisieren und gemeinsam mit geschultem Personal individuelle Lösungswege erarbeiten können. Im Gegensatz zur stationären Aufnahme in einer Klinik ist die Hemmschwelle, einen außerklinischen Rückzugsort aufzusuchen, deutlich geringer. Die wohnliche und nicht-medizinische Atmosphäre trägt dazu bei, dass Menschen in Krisen sich eher trauen, Hilfe anzunehmen. Seitdem das Rückzugshaus in Walle aufgrund des Wegfalls der Finanzierung durch die Krankenkassen geschlossen werden musste, klafft eine zu große Lücke zwischen ambulanter Behandlung und stationärer Aufnahme. Die Krisenräume können diese Lücke schließen und maßgeblich dazu beitragen, die Versorgung von Menschen in seelischen Krisen zu verbessern, ihre Rechte zu stärken und ihre Chancen auf eine nachhaltige Genesung zu erhöhen. Die Bremer Grünen-Fraktion hatte daher zuletzt im Februar 2025 in ihrem Positionspapier zur Suizidprävention den Senat aufgefordert, die Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Einrichtung eines neuen, außerklinischen betreuten Rückzugsort mit der Möglichkeit einer Krisenübernachtung wieder aufzunehmen beziehungsweise zu intensivieren.“
Auch Arne Frankenstein, Landesbehindertenbeauftrager von Bremen, findet das Konzept sehr hilfreich: „Ich unterstützte das Projekt. Die Weiterentwicklung der Psychiatriereform in Bremen benötigt dringend Peer-geleitete Unterstützung. Das Konzept sieht eine enge Vernetzung und den Austausch in den gemeindepsychiatrischen Verbünden (GPV) als wichtigen Teil der Arbeit vor. Dies könnte einen wichtigen Impuls für die Arbeit in den Verbünden geben und dazu beitragen, Unterstützung außerhalb der Klinik weiter auszubauen und zu verbessern.“
