Autor:in: Irmgard Gummig

Komm doch Donnerstag einfach zum Musik machen …

 

“…Oh man, es war aber auch wieder soviel los, zuviel.”

Im Garten der Villa Wisch sind wir …und plötzlich klingt da dieser Satz, nach einem kurzen Gespräch miteinander. Fast schon im Verabschieden gesagt höre ich ihn, und es überschwappt mich wieder diese Welle. Wie so oft sehnsüchtig herbeigesehnt, entsteht dieses Gefühl von Wärme und Freude und friedlichem inneren Lächeln. Ich kann nur „ja“ sagen und nehme das Lächeln mit und alles, was an Gedanken noch in mir entsteht. Tagelang schleppe ich mich freudig damit herum. So war es glaube ich irgendwie schon immer, wenn etwas mit Musik zu tun hatte. In den folgenden Tagen fällt mir noch vieles ein, und ich will es endlich aufschreiben.

 

Ich erinnere mich an dieses Gefühl, dass schon früher jegliche Art von Klängen in mir ausgelöst hat.

Das kleine Mädchen saß oft nur da und lauschte, wenn Musik irgendwoher erklang, oder es hatte das Klingen von eigenen Tönen im Kopf so laut. Manchmal sang es diese Töne, einfach so, wie sie von innen klangen. Wenn Gelegenheit da war, machte es Töne mit einfachen Gegenständen, die sich dann zu lieblichen Melodien zusammenfügten. Später, wenn es irgendwo auf dem Weg nach draußen war, mal wieder geflüchtet, oder auf dem langen Weg zu Kindergarten und Schule unterwegs, begleiteten sie innen Klänge, die ihr dann ein wenig friedliche Sicherheit gaben. Irgendwelche Melodien waren es, und sie spielte dazu, nicht auf Instrumenten, sondern aus kindlichem Verständnis heraus erzeugt mit allem, was gerade greifbar war. Immer öfter sagten die Leute, dass es doch auch für sie singen soll, sie singt so wunderschön, und immer soll sie in der Schule vorsingen, weil sie alles sofort kann und nie einen Ton verkehrt singt und so etwas. Auf den Instrumenten dort fängt sie einfach an zu spielen. Faszinierend, warum kann sie das? Wenn die Ängste groß sind, macht sie, dass es klingt, denkt dann nicht an all das Schreckliche, was ihr Zuhause passiert. In den ganzen  Jahren, auch als das Mädchen langsam erwachsen wird, singt sie im Kopf, das hilft ihr und gibt Mut zum weiterleben.

Später, als Frau, auf der Arbeit, und als die eigenen Kinder geboren sind, wird es schwierig. Die Kinderlieder, früher von der Mutter vorgesungen, lösen immer wieder diese Bilder aus. Die schrecklichen Dinge, die das Mädchen erleben musste, stehen damit in Verbindung. Sie überfluten die Frau ständig, so dass sie oft nicht unterscheiden kann, ob es gerade Realität ist oder schreckliche Erinnerung. Diese Situationen sind sehr schwierig zu handhaben, und lange Zeit wird darum Singen und Musik in den Hintergrund gedrängt, um den Alltag mit Familie und Beruf irgendwie zu schaffen. Schade ist es, aber notwendig. In seltenen Augenblicken, wenn sie mit ihrer Familie, den eigenen Kindern, allein ist, geht es, dass sie sich sicher genug fühlt und nur für ihre Kinder vorsichtig ein klein wenig singen kann. Alles andere, was z.B. im Beruf von ihr zu hören ist, ist eine antrainierte Funktion ihrer inneren Helfer und von der Frau nicht wirklich gefühlt. Irgendwann ist die Lebenskraft der Frau soweit aufgebraucht, dass sie zusammenbricht und in die Klinik muss, um ihr Überleben zu sichern. Dort passiert etwas erstaunliches. In dieser Situation des “Ums-Überleben-Kämpfens” heraus, hört sie Klänge. Auf der Station sind es zuerst nur leise Klänge von lieblichen Melodien  aus dem Ruheraum. Aus dieser Situation entsteht nach vielen Tagen dort das erste Mal ein winziges Gefühl dieses inneren Lächelns. Nachdem die Frau daraus die Kraft für ein paar Schritte nach draußen geschöpft hat, kann sie Klänge aus dem schönen alten Haus auf dem Gelände hören. Sie schafft es, hineinzugehen. Viele Instrumente stehen dort. Sie kann kaum sehen, es ist nur berühren und zuhören möglich. Durch diese Schwingungen entsteht aber ein Gefühl wie ein klein wenig am Leben sein, was sich nach mehreren Besuchen dort verstärkt. Sie registriert die Menschen, bemerkt ein Lächeln, und das Klingen der Instrumente kann sie fühlen. Es klingt in ihr weiter.

Musiktherapie nennt es sich, und für mich Frau entsteht dort ein Gefühl wie neu geboren werden.

Es wurde eine längerer Klinikaufenthalt, ein weiterer in der anderen Klinik folgte. Dort gab es zwar keine Musiktherapie, aber es trafen sich Menschen zum Singen und ich schaffte es mitzumachen. An ein vorhandenes Klavier setzte ich mich einfach und spielte. Das funktionierte wieder irgendwie wie von selbst und klang wundervoll. Alles waren so bedeutende Erlebnisse, dass ich auch daraus die Kraft schöpfte, mein Leben neu zu ordnen, und vollkommen verändert noch mal von vorne anzufangen. Ich traute mich, Vergangenes aufzuarbeiten, lernte die Möglichkeiten zu sehen, die ich für meine Heilung nutzen könnte, und nahm alles, was mir geboten wurde und ich richtig für mich fand, für mich mit. Wieder Zuhause im Alltag begleitete mich jetzt aber ständig diese Sehnsucht, und ich erinnerte mich oft an dieses Gefühl von früher, welches durch die Klänge möglich geworden war. Durch meine Helferin von der APP (Ambulante-Psychiatrische Pflege) erfuhr ich von der Villa Wisch. Irgendwann traute ich mich, mit ihr dorthin zu gehen, und erlebte an meinem ersten Tag dort etwas sehr Besonderes. Trotz meiner großen Ängste konnte ich hören, dass sich Menschen trafen, um miteinander zu singen, und wir setzten uns dazu. Zuerst war wieder nur hören möglich, gleichzeitig entstand aber das vertraute Gefühl des inneren Lächelns und ein wenig friedliche Ruhe in mir. So lange hatte ich mich nicht getraut zu fühlen. Tränen liefen über mein Gesicht. Es war egal, denn ich war in Sicherheit, das merkte ich. Ich konnte einfach nur da sein, so wie ich bin. Dieses Erlebnis war so bedeutend für mich, dass ich es immer wieder schaffte, hinzugehen und später auch mitzusingen. Irgendwann kam ein Mann einfach dazu, begleitete uns Sänger mit seiner Mundharmonika. Angst, was ist das für einer, dachte ich irritiert, wollte fast schon wieder flüchten, aber das war nicht notwendig. Durch die Kraft, die ich durch das gemeinsame Singen wiedergewonnen hatte, wurde er einfach angesprochen und konnte somit zugeordnet werden. Keine Gefahr, nur Musik, nur normaler Mensch, wurde lächelnd von mir registriert. Ich hörte dann irgendwann die Musiker im Keller der Villa spielen, Session-Band nannten sie sich wohl. Auf der Treppe sitzend lauschte ich ab und zu. Das wurde natürlich bemerkt, und der Harp-Spieler ermutigte mich, dazuzukommen. Vorsichtig auf der Tischkante sitzend lauschte ich nun, und machte irgendwann einfach mit, soweit es möglich ist für mich. Bei all diesen Erlebnissen nutzte ich immer mehr die stärkende Kraft der Musik, um meine Ängste kleiner werden zu lassen, und mit anderen Menschen normal in Kontakt zu kommen. Immer neue Situationen ergaben sich, kleine schöne Dinge, die wir in diesem Zusammenhang in der Villa erlebten. Das Engagement, mit dem hier immer wieder entstehende kleine und große Probleme einfach angegangen werden, erfüllt mich mit Freude. Diese kleinen Schritte zur Stärkung sind so bedeutungsvoll für alle Beteiligten. Es müssen nicht immer große Ereignisse sein, die kleinen Dinge sind oft wichtiger. Beim gemeinsamen Singen und Musik machen und hören ist es sogar möglich, mit verschiedenen Krisen umzugehen und sie gemeinsam zu bewältigen. Ich denke, ohne diese stärkende Kraft hätten sich einige von uns so manches Mal gar nicht getraut, das anzugehen. Die Musik als Möglichkeit der Kommunikation, wenn gerade nichts anderes geht, ist dann ein guter Weg. Immer wieder fühlen wir uns gestärkt und nutzen die Musik, um die unterschiedlichsten Gefühle, sei es Freude, Trauer, Krisen, Harmonie, Wut, Glück, Verzweiflung, Einsamkeit oder Zusammensein zu bewältigen. Wenn ich daran denke, was wir alles schon gemeinsam erlebt haben und wie viel sich in der Zeit entwickeln konnte, bin ich glücklich darüber. Tatsächlich entstand daraus auch, dass wir jetzt schaffen über den Tellerrand zu blicken, wir haben Ängste bewältigt, unseren Bewegungsradius erweitert, z.B. schon auf Veranstaltungen gesungen und musiziert und sogenanntes normales Leben ausprobiert. Vor einiger Zeit haben wir gemeinsam den wundervollen Film „touch the sound“ ansehen können  und uns an den wundervollen Klängen erfreut. In diesem ist für mich deutlich zu sehen, dass man trotz Handicap alles ausprobieren und Freude erleben kann und nicht die sogenannten Schubladen akzeptieren muss, in die man in unserer Klassengesellschaft oft immer noch gesteckt wird.

 

Mein Erleben mit Musik und alles, was ich in der Villa Wisch in diesem Zusammen-hang erlebe, hat mich viel offener werden lassen und mein Vertrauen in mich und andere Menschen gestärkt. Es ist so bedeutungsvoll für mich, dass es mir irgendwann ein Bedürfnis war, es auch bildlich darzustellen, um es noch mal gezielter für mich festzuhalten. Ich möchte dies mit anderen teilen, darum hängt das entstandene Bild zurzeit in der Villa.

Im Moment bin ich sehr stolz darauf, dass wir SängerInnen es geschafft haben, uns selbst zu organisieren und weiter zu treffen. Die Mitarbeiterin, die sich bis zum letzten Jahr um die Organisation der Singgruppe gekümmerte, hat ihre Arbeit in der Villa Wisch beendet. Wir anderen waren zuerst sehr betrübt und hatten Sorge, dass uns das gemeinsame Singen nun verloren gehen wird. Es kostete uns eine Menge Kraft und Organisation, aber wir haben uns zusammengerauft und gegenseitig ermutigt. Jetzt treffen uns nun wieder regelmäßig donnerstags zum Singen.

Das geschafft  zu haben war keine Kleinigkeit, bedeutet Alltagskompetenz und gibt uns Kraft und Mut dafür, auch andere Dinge zu verarbeiten und bewältigen. Bei jedem Treffen stellen wir fest: Es stärkt uns, die Freude am Singen gemeinsam erleben zu können, lässt uns Pause machen von Sorgen, Stress und manchmal sogar Schmerz.

Das Klingen in mir ist für mich nicht mehr zu überhören, und es fühlt sich gut an. Dadurch kann für mich das Gefühl entstehen, eins zu werden, zu heilen und im Einklang mit mir selbst zu sein. Immer wieder erlebe ich Freude in meinem Leben dadurch, dass ich mit anderen singe und Musik mache. All diese Erfahrungen machten es mir möglich, Stützen, die ich für Stress- und Angstbewältigung und andere Situationen benötige, zu erarbeiten. Musikstücke und Lieder begleiten mich jetzt wieder, meine sogenannten Musik-skills. Ich mache sie mir inzwischen gezielt in vielen Situationen für die Bewältigung von Ängsten und normalem Alltag zunutze.

Seit längerem überlege ich schon, wie ich diese ganzen bedeutungsvollen Dinge mehr in meinen Heilungsprozess einbauen kann. Ambulante therapeutische Begleitung ist für mich im Moment nicht möglich, weil diese Hilfestellung von der Krankenkasse abgelehnt wurde. Jetzt habe ich aber eine andere Möglichkeit gefunden, mir Unterstützung zu organisieren. Im März 2015 wurde ein unabhängiger Betroffenenrat konstituiert, der u.a. einen Fond für ein „Ergänzendes Hilfesystem“ eingerichtet hat. Diese Institution  soll die Aufgabe haben, noch andauernde Belastungen als Folgewirkung des Missbrauchs auszugleichen bzw. zu mildern. Das heißt nicht, dass benötigte Hilfeleistungen aus dem Versorgungssystem ersetzt werden, sondern soll ergänzend sein. Dort habe ich. u.a. Kostenübernahme für eine Musiktherapie beantragt und bin sehr zuversichtlich, dass dies auch genehmigt werden wird. Ich freue mich darauf, schon bald mit dieser Musiktherapie beginnen zu können.