Autor:in: Volker Brinkmann

Mehr Komplexität wagen!

 

Frau Diana Kloppenburg war eine Referentin der Veranstaltung Psychiatrie 2.0 in Bremen, die am 07.11.18 stattfand. Sie berichtete über den Alltag einer Suchtklinik und den Herausforderungen bei der Aufnahme von Patienten.

 

Frau Kloppenburg ist Oberärztin in der psychiatrischen Institutsambulanz in Wunstorf. Sie referiert über die Fragestellungen, die bei der Aufnahme von Suchtkranken in ihrer Klinik auftauchen: Welche Art von Setting kann dem Suchtkranken am ehesten gerecht werden?
In welcher Weise können die Bereiche einer psychiatrischen Klinik sinnvoll interagieren – können Grenzen überwunden werden?

Frau Kloppenburg schildert jedoch zunächst, was unter der Begrifflichkeit “Komplex-Suchtkrank” zu verstehen ist. Diese würde bspw. bei Mehrfachabhängigen, Suchtkranken mit Folgeschädigungen oder Patienten mit Doppeldiagnose (z.B. Sucht und Psychose) verwendet.
Dieser Komplexität soll bei der Wahl der sinnvollsten Therapie Rechnung getragen werden.

Sofern eine stationäre Behandlung eines Suchtkranken in Betracht gezogen wird, muss die Frage beantwortet werden, welche Abteilung einer Klinik die sinnvollste ist. Die Folgen solch einer Entscheidung müssten bedacht werden, so Kloppenburg. Die Diagnose einer Depression könne, im Verhältnis zur Suchterkrankung, beispielsweise eine übergeordnete Rolle im Therapieverlauf einnehmen. Da die einzelnen Symptome einer Suchterkrankung jedoch eine Wechselwirkung haben, solle gleichzeitig ein sinnvoller Umgang mit der Sucht gestaltet werden.

In der Folge beschreibt Frau Kloppenburg anhand einiger Fälle, welche Entscheidungskriterien zu einer Aufnahme in eine Suchtklinik bzw. zur Weiterführung einer Therapie führen. Beispielsweise musste einmal entschieden werden, ob ein suizidaler und opiatabhängiger Obdachloser, der unangemeldet bei der Klinik auftauchte, aufgenommen werden sollte. Letztendlich wurde er, nach kontroversen Diskussionen, aufgenommen.

In diesem Zusammenhang weist Frau Kloppenburg auf den Titel ihres Vortrages “Der ist bei uns falsch!” hin und wie die Psychiatrische Institutsambulanz in Wunstorf diesem destruktiven Ansatz begegnet. Diesbezüglich wünscht sich Frau Kloppenburg auch zwischen den einzelnen Bereichen der Klinik einen professionellen Umgang bei der Aufnahme von Patienten. Bei Verlegung von Patienten in einen anderen Bereich der Klinik solle eine “Freundliche Übernahme” erfolgen. Dies bedeute, dass der aufnehmende Bereich dem abgebenden Bereich eine gute Absicht bei der Verlegung unterstellt. Diese angestrebte Vision werde aber immer wieder in lebhaften Reibereien zwischen den einzelnen Abteilungen auf den Prüfstand gestellt.

Sowohl  in der Gesellschaft als auch in der medizinischen Auseinandersetzung findet oftmals eine Stigmatisierung von Suchtkranken statt. Frau Kloppenburg weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in ihrer Klinik der Umgang mit Patienten in der täglichen Arbeit immer wieder überdacht werde. Die Hilfe für Suchtkranke solle aktiv gelebt werden – bei allen schwierigen Begleitumständen, die damit einhergehen.
Suchtkranke Patienten stellten eine enorme Herausforderung dar. Doch seien sie, obwohl der Umgang mit ihnen oftmals schwierig sei, zumeist kognitiv erreichbar. Um der Situation eines Patienten gerecht zu werden, bedürfe es auch der Bereitschaft von Therapeuten, sich und den jeweiligen Therapieansatz immer wieder zu hinterfragen.

Frau Klopppenburg benutzt in diesem Zusammenhang gar den Begriff der “Radikalen Akzeptanz”. Das Credo, welches ihre Klinik als Idealfall anstrebt, ist: “Das sind unsere Patienten, die sind bei uns richtig!” Dies sei als Haltung eine Grundvorrausetzung für eine erfolgreiche Behandlung.
Der Therapieansatz “Der ist bei uns richtig!” ist ein Entwicklungsprozess – eine tägliche Herausforderung, die immer verbessert werden könne.
Die Haltung des Therapeuten gegenüber dem Patienten solle auf Augenhöhe erfolgen und wertschätzend sein. Das Umfeld des Patienten solle in die Therapie miteinbezogen werden und die sozialpsychiatrische Versorgung niedrigschwellig und wohnortnah sein.

 

Anm. des Autors: Der Vortrag von Diana Kloppenburg hat mich beeindruckt. Er besticht vor allem durch Authentizität und Empathie. Frau Kloppenburgs Vision besteht darin, suchtkranken Patienten mit Wohlwollen zu begegnen und im Rahmen der Möglichkeiten einer Klinik Hilfe zu leisten. In ihrem Vortrag wird spürbar, dass es eine enorme Herausforderung darstellt, wenn diese Vision auf den realen Klinikalltag trifft. Denn die Ressourcen einer Klinik sind begrenzt.
Doch nur, wenn sowohl der Komplexität des Patienten als auch der Klinik Rechnung getragen wird, kann eine Begegnung auf Augenhöhe gelingen, die den unterschiedlichen Interessen gerecht wird.
Frau Kloppenburg hat mit diesem Vortrag ein Plädoyer für eine komplexe, empathische Betrachtungsweise im Lebensalltag gehalten.