Autor:in: Heike Oldenburg

Mit Schizophrenie ist ein gutes Leben möglich!

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Vor kurzem erschien die Graphic Novel „Margo und die Schizophrenie“, die sich „bildgewaltig und direkt“1 mit dem psychosozialen Gesundheitsproblem Schizophrenie befasst. Besonders beeindruckend ist der afrikanische Wildhund, der sich der Protagonistin Margo mit Namen „Schizophrenie“ vorstellt und sie in dem Buch begleitet. Dazu passt, dass der Wildhund auf dem Cover auf Margos Balkon dreimal so groß ist wie Margo. Der Körper des Wildhundes ist kraftvoll als undeutlich halb-brennendes Feuer/Dampf/Schleier zauberhaft dargestellt. Interessant finde ich, dass er wie ein Aladin aus einer auf einem Hocker stehenden Flasche kommt.

Nach der Vorgeschichte – Margo möchte ihr Praktikum, im Jahr 2019 in Botswana, am liebsten fortsetzen – stellt sich nach der Rückkehr nach Bremen der afrikanische Wildhund als „deine Freundin Schizophrenie“ (S. 20)2 vor. Die „Hündin“ (S. 72, ein besonders schönes, ganzseitiges, ruhiges Bild) verhält sich aber nicht immer wie eine Freundin („Du bist eine Versagerin“, S. 73). Sie fordert Margo auf, fremden Menschen, die ihr helfen wollen, nicht zu vertrauen. Einen Weltrettungsauftrag zu erhalten ist bei Schizophrenen nicht selten – hier soll Margo die Welt vom Rassismus erlösen. Auch Schlaflosigkeit und ein Gedankenkarussell kommen in Krisen oft vor. Als Margo durch die Medikamente 15kg zunimmt und diese komplett absetzt, kommt „Schizophrenie“ wieder – alle drei sehr verbreitete Erscheinungen -, begrüßt Margo Schizophrenie begeistert: „Das Leben war so trist und eintönig ohne dich!“ Das kann ich gut nachempfinden! Allerdings setze ich auf die ersten schizophrenen Anzeichen hin meine Medikamente vorübergehend höher, um mich vor schwerer Krise zu schützen. Auch ich möchte ein gutes Alltagsleben haben.

Auf die Dauer sind Margos FreundInnen mit der Fürsorge für sie überfordert. Die Mutter und die MitbewohnerInnen rufen zweimal die Polizei. Beim ersten Mal legt der ungeduldige Polizist Margo Handschellen an. Wie demütigend und schädigend das sein kann, wird gar nicht thematisiert. Wie mit Margo als Zwangseingelieferter umgegangen wird, ebenfalls nicht. Ob mit Worten wie „Entschuldigung, dass Sie hier so eingeliefert wurden.“ und „Was wünschen Sie sich von der Behandlung?“3 ein vertrauensbildender Empfang bereitet wurde? Der Psychiatriereformer Martin Zinkler, ab Juni 2021 Chefpsychiater der Psychiatrie Bremen Ost, sagt: „Zwischen 2019 und 2023 sank die Zahl der Fixierungen um 60 Prozent, die der Zwangsmedikation um 70 Prozent.“ Margos Aufenthalt in der „geschützten“ (S. 83) Station wirkt für sie jedenfalls heilsam, symbolisiert durch ihre „Püppi“: Margo verschenkt sie/sich und erhält sie/sich am Ende des Aufenthalts zurück.

Später rufen die Mitbewohner wieder die Polizei, als Margo nachts mit anderen singt und bei Rot über Ampeln geht. Der Polizist schätzt ihr Verhalten als „normal“ (S. 97), als nicht auffällig ein und geht unverrichteter Dinge. Auch so kann es kommen. Die Episode macht deutlich, dass die Mitbewohner überfordert sind, nicht dass Margo krank ist.
Die Psychiatrie, in die Margo geht bzw. gebracht wird, hat deutlich das Aussehen der Bremer psychiatrischen Gebäude (S. 32, S. 83, S. 90). (Die Autorin Lilith Glaser ist Illustratorin und Lehrerin in Bremen und erzählt eine ihr anvertraute Geschichte.) In einer ruhigeren psychiatrischen Klinik macht Margo sich in einem längeren Aufenthalt mit ihrer Schizophrenie gut vertraut. Sie lernt mit ihr umzugehen. Sie formuliert einen Notfallplan für sich und sie begleitende Personen. Auch Fremde wissen dann besser Bescheid. „Wir“ sind und bleiben auch mit akuter Schizophrenie ernstzunehmende und ganze Menschen.
Im abschließenden Kapitel „Tipps für Angehörige“ äußern sich zwei Ratgeberinnen. Zuerst erzählt Margo auf vier Seiten mit je zwei Sprechblasen. Ich finde ihre Tipps sehr klar und warm formuliert. Auch hier wird der letzte Satz in der Sprechblase nicht mit einem Punkte abgeschlossen. Dieses Stilmittel, das mir schon in der Geschichte in allen Sprechblasen sowie Textblöcken auffiel, vermittelt ein angenehmes Gefühl von Im-Fluss-sein, von Es-geht-weiter, im Positiven … Einiges wiederholt sich im „Nachwort“ der jungen türkischen Autorin Nilüfer Türkmen, Tochter einer schizophrenen Mutter. Andererseits erreicht die Form in festen Absätzen manche Menschen eventuell anders. Im Nachwort wird – wie schon im Vorwort – von „Erkrankung“ gesprochen. Ich finde, das klingt wie inneren „Genen“ ausgeliefert, als könne man nichts dagegen tun. „Psychosoziales Gesundheitsproblem“ klingt für mich weniger stigmatisierend und bezieht die krankmachenden gesellschaftlichen Umstände eher mit ein.
Leider stimmt es, dass Schizophrenie noch immer häufig als gefährdend angesehen wird – Durchschnittsmedien fördern entsprechende Ängste durch ihre Berichterstattung. Daher ist es großartig, dass es die Graphic Novel „Margo und die Schizophrenie“ gibt. Ich empfehle: Unbedingt lesen! In allen Beratungs- und Behandlungsstellen vorrätig halten!

Heike Oldenburg

Quellen:

Lilith Glaser, Margo und die Schizophrenie, Berlin 2025
https://www.omnino-verlag.de/shop/Margo-und-die-Schizophrenie-Graphic-Novel–Ein-Buch-von-Lilith-Glaser-174.htm

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