Autor:in: Ingo Bathmann

Opas Liebling

 

Als kleiner Junge sind meine Eltern mit mir aufs Land gezogen. Meine Eltern bauten dort ein Haus. Es war aber noch eine einzige Baustelle. Wenn meine Eltern nicht auf der Arbeit waren, wurde am Haus gearbeitet. So hatten meine Eltern doch recht wenig Zeit für mich. Zum Glück waren da meine Großeltern, die in einer Kleingartensiedlung lebten. Schon als Baby verbrachten meine Eltern Ihre Freizeit dort im Garten. Ich war fast jede Woche dort für zwei oder mehr Tage.

Als ich dem Kinderwagen entwachsen war und einigermaßen laufen konnte, zog Opa an fast jedem Tag meiner Besuche mit mir los. Er hatte Ruhe vor Oma und ich Spiel, Spaß und Spannung und das auch ohne Überraschungsei, da in dem Alter noch so ziemlich alles spannend und interessant war. Natürlich war ich auch Opas ganzer Stolz.

Nach gut einem Kilometer Fußmarsch, aus der Kleinsiedlung, führte uns der Weg zuerst in einen kleinen Tante-Emma-Laden, Opa kaufte die Bild und Pfeifentabak; und ich bekam eine kleine Tüte Gummisachen, die ich mir aus den Gläsern auf dem Tresen für ein paar Groschen aussuchen durfte. Dann gab es manchmal etwas zu erledigen, wie Schuster, Schlachter, Edeka usw., bevor wir in Opas Stammkneipe ankamen. Opa, so weiß ich heute, gönnte sich wohl so ein, zwei, drei Klare und ein oder zwei Bier. Ich tobte durch den Gastraum, bestaunte die blinkenden Geldspielautomaten, die Opa auch ab und zu fütterte, und zog mir für ein paar Groschen, aus dem auf dem Tresen stehenden Automaten mit der großen Glaskugel, eine Hand voll kandierter Nüsse. Einen Groschen eingesteckt und mit beiden Patschehändchen die vordere Kurbel herumgedreht, und man konnte hören, wie Nüsse in das Ausgabefach fielen. Dazu eine Cola und ich war glücklich. Wir besuchten auch immer einen der vielen Zeitungskioske in der Straße. Dort gab es immer eine kleine Ecke mit Spielzeug. Opa konnte mir einen kleinen Wunsch nie abschlagen – so hatte ich selten Langeweile, wenn meine Großeltern ihren zweistündigen Mittagsschlaf hielten.

Auf dem Rückweg wartete schon wieder ein kleiner Höhepunkt auf mich, beim kleinen Bäcker an der Ecke, in Form eines Stück Baisers zur Hälfte in Schokolade getunkt – ein Traum. Auf dem Nachhauseweg wurde es schon verspeist – ärgerlich nur , wenn dabei ein Stück runter fiel. “Liegenlassen” hieß es – ich habe das derzeit überhaupt nicht so eng gesehen, geschweige denn verstanden. Auch ein großes, knuspriges, eckiges Weißbrot fand den Weg in Opas Einkaufstasche. Und während meine Großeltern Mittagsschlaf hielten, fand die Hälfte des Weißbrotes den Weg in meinen Magen.

Zur Mittagszeit wieder zu Hause angekommen, ging es dann für meinen Opa recht schnell auf die Sofaliege, die in der hinteren rechten Ecke des Wohnzimmers stand. Er hatte dort ein Drittel des Wohnzimmers mit einem dicken Vorhang abgetrennt, wo er die meiste Zeit des Tages und die Nacht verbrachte. Ich erinnere mich, dass Opa ständig was hinter das Sofa fiel. Wenn ich zu Besuch war, hieß dann eine meiner Aufgaben, unters Sofa zu kriechen und die Sachen wieder ans Tageslicht zu befördern. Allein dafür waren dann auch schon mal ein oder zwei Mark Belohnung drin! Ab nachmittags war Fernsehzeit. Opa brauchte manchmal ein kleines Opernglas, da der Fernseher in der gegenüberliegenden Ecke, in etwa acht Meter Entfernung, stand. Damals noch ein relativ kleiner Röhrenfernseher.

Es war immer eine tolle Zeit bei meinen Großeltern – und den für mich erlebnisreichen und schönen Ausflügen mit Opa. Ich danke Dir Opa – Du hast immer einen Platz in meinem Herzen.