Autor:in: Mariana Volz

Psychiatrie 2.0 – mal eine persönliche Perspektive

 

Dienstagmorgen. 10 Uhr. Redaktionssitzung. Ich verkünde pampig, dass ich keine Sachartikel schreiben will. Sachartikel sind nicht meine Stärke, und ich frage mich ganz ehrlich, ob es denn wirklich nottut, noch einen sachlichen Artikel über die Veranstaltung “Psychiatrie 2.0” zu schreiben. Trotzdem fahre ich ein paar Tage später mit auf die Veranstaltung. Aber nur, um Fotos zu machen. Das betone ich ganz oft! Nicht, dass noch einer auf die Idee kommt, dass ich doch etwas schreibe. Außerdem frage ich mich, ob das, was das Zwielicht ausmacht, nicht vielleicht eher die Betrachtung aus einer anderen Perspektive ist. Vielleicht eher einer persönlichen?

Also sitze ich etwas grummelig bei der Veranstaltung “Psychiatrie 2.0”, bis eine sehr schmale Frau ans Mikrofon tritt. Auf den ersten Blick wirkt sie auf mich mitgenommen. Vielleicht gezeichnet von der Schwere ihres Leben? Aber nach nur wenigen Worten spüre ich die Energie, den Lebenswillen, der von ihr ausgeht. Sie erzählt von ihrem Lebensweg, von der schweren Zeit, als sie noch einfach als „krank“ abgestempelt wurde. Wo sie nicht für voll genommen wurde, weil sie Stimmen hört. Gwen, so heißt die Frau, erzählt, dass ihr die Ärzte früher eingeredet haben, dass sie eine Krankheitseinsicht haben muss, um behandelt werden zu können und dass es auch bedeutet, dass sie Medikamente nehmen muss, um zu signalisieren, dass sie wirklich auch gesund werden will.

Mir kommen die Tränen. Ich sehe die Frau da vor mir stehen. Selbstbewusst und stark. Wie sie vor einem Publikum ihren Vortrag hält. Wie sie Mut macht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, auch mit einer starken psychischen Einschränkung. Ich zweifel keinen Moment daran, dass diese Frau weiß, was sie tut. Dass sie selbst bestimmen kann, wie ihr Leben aussehen soll.

Tränen fließen meine Wange herunter, weil mir klar wird, dass meine eigene Oma diese Chance nicht hatte. Sie wurde von mir und dem Rest der Menschheit ferngehalten. Und ich habe nie hinterfragt, ob es nicht eine andere Möglichkeit gegeben hätte.

Sie wurde zwangsmedikamentiert. Damit sie ruhig und „umgänglich“ ist. Damit sie nicht wilde Geschichten erzählt. Damit sie die Polizei nicht wieder beleidigt. Damit es keinen Ärger gibt.

Meine Oma war für mich eine fremde Person, von der ich es erdulden musste, mir bei der Begrüßung einen Kuss auf die Wange drücken zu lassen. Die sich merkwürdigerweise immer gefreut hat, mich zu sehen, obwohl sie für mich nur eine Fremde war, bei der man aufpassen muss, was man sagt. Als Kind wurde ich davor gewarnt, vor meiner Oma bloß keine Nachnamen zu erwähnen, weil sie in einem irren Moment die Namen der genannten Personen in eine, in ihrer Realität wahre, Schreckensgeschichte einbinden könnte. Meine Oma hat mir nie etwas getan. Vor meinen Augen ist sie nie ausgeflippt. Sie hat mir nie eine ihrer Schreckensgeschichten erzählt.

Von meiner Mutter weiß ich, dass meine Oma Schreckliches in ihrer Kindheit und Jugend durchlebt hat. Dass sie dadurch krank wurde. Wenn ich an meine Oma denke, dann sehe ich eine kleine, rundliche Frau, die zufrieden lächelnd in ihrem Gartenstuhl sitzt und mit ihrer extrem gebräunten Haut gar nicht zu unserer eher blassen Familie passt. Aber ansonsten weiß ich gar nichts über sie. Ich glaube, so viel gibt es da leider auch nicht zu wissen. Das scheinbar zufriedene Lächeln verdankte sie wohl den Medikamenten, die sie ruhig stellten; ebenso die überdurchschnittlich gebräunte Haut, die kam vom vielen Sitzen in der Sonne. Weil sonst nichts ging in ihrem Leben. Sie hatte keine Freunde. Keine Interessen. Immer nur in der Sonne sitzen. Tag für Tag.

Bis zum heutigen Tag, an dem ich Gwen auf der Tagung sah, habe ich mich nie gefragt, ob es nicht auch einen anderen Weg für meine Oma gegeben hätte. Ich habe einfach stillschweigend akzeptiert, dass man stark psychisch erkrankte Menschen nur mit Medikamenten behandeln kann. Dass es keinen anderen Weg gibt.

Aber jetzt weiß ich, dass es einen anderen Weg gibt. Einen sehr mühsamen. Sehr anstrengenden Weg. Der viele individuelle Lösungen fordert. Der ein Umdenken in der Psychiatrie erfordert. Der vielleicht auch nicht immer bei jedem funktionieren wird.

 

Aber ist es nicht wenigstens wert, es zu versuchen?

Menschen, die stark psychisch erkrankt sind, haben doch immer ganz schlimme schreckliche Dinge in ihrem Leben erlebt. Sollte man nicht alles versuchen, um ihnen, nach dem sie die Erschütterung in ihrem Leben überlebt haben, mit allen erdenklichen Mitteln zu helfen ?

Recovery ist sicher nicht ein Allheilmittel. Aber vielleicht für viele eine Perspektive.