Autor:in: Andreas Roemer

Robby kehrt zurück

 

Als nach drei endlosen, durchgeregneten Tagen der sonnenhungrige Morgenmuffel Robert, der sich Robby nennt, weil er von Kindesbeinen an in den legendären Robin Hood vernarrt war, sich mit einem gefälschten Rezept linkisch auf den Weg macht, zur Apotheke „Ambrosia“, inmitten der kränkelnden Bürgerlichkeit seiner Schwachhausener Zwangsheimat, stirnzerfurcht angesichts stockender Cannabisentkriminalisierungsmaßnahmen – laut Lokalpresse – nachtdurchwacht und müdediskutiert, in Zeit- und Ergebnislosigkeit verfallend. Kurzum: Die Parlamentsdebatten, durch anstehende Bürgerschaftswahlen ausgebremst, gerieten gefährlich in Schieflage (wo Bremen doch einstmals Vorreiter sozialfortschrittlicher Ideen war – mit hechelndem Hundeblick auf die Bundeshauptstadt). Zugutekommen konnte dies doch nur den heuchlerischen Feinden des aufklärenden Fortschritts, der Krankheitsindustrie (die sandten bereits ängstlich ihre Spione und Intriganten aus). Er musste handeln, es drohten Ohnmacht und Komaschlaf, spätestens vor dem nächsten „Winterschlaf“ musste die Theorie des „gerechten Räubers“ gründlich durchdacht sein, und bis dahin brauchte er all seinen Mut, sich kein schlechtes Gewissen machen zu lassen (doch nicht wegen eines gefälschten Rezeptes, und für den Apothekeneinbruch wäre natürlich Kollege Spider-Man zuständig).
Allzu schnell würde also keine größere Menge medizinisch-reinen Cannabis im Apothekenkeller eingelagert sein, aber auch kein ersehnter Held bereit zu stehen haben, das schmerzlösende Mittel gerecht an das Volk zu verteilen, welches allmählich aus seinem Trauma erwachte. . .
Für heute würde er lediglich den Test zu durchlaufen haben, ein bescheidenes Rezept über eine kleine, daher unauffällige Menge Cannabis einzulösen. Angeblich sei diese auch bereits vorrätig, da sich führende Bremer Apotheken (die es sich leisten konnten) bereits start- und reformbereit zeigen wollten. Robbys Zeit drängte, oh hätte er doch einst den Mut gefunden, im großen Findorffer Kriegsbunker die (in ihrer Grauzone geschützten) Musiker zu überreden, in diesen schwer zugänglichen Katakomben eine Cannabisplantage zu betreiben – was doch irgendwie auf der Hand bzw. in der Luft lag).
Und da stand Robby nun, mit einem kleinen – allerdings sehr gut gefälschten – Rezept in der Hand, direkt vor dieser neuen, adretten Apothekerin, Nachfolgerin der alteingesessenen alten, und versuchte sich linkisch-lässig am Tresen anzulehnen. „Sie wünschen?“ – „falls vorrätig, bitte dies hier“, und er beförderte das Rezept korrekt in ihr Gesichtsfeld mit gleichzeitiger Beobachtung ihrer Reaktion, welche in einer abrupten geschäftigen Kehrtwendung inkl. „einen Augenblick bitte“ bestand. Natürlich stand er da noch immer ohne Hut, dafür nahm er es mit Hüten zu genau – der grüne Jägerhut des großen Robin spukte irritativ durch seinen Kopf und das respektheischende Tragen eines simplen Arztkittels war ihm auch zu albern erschienen. Aber siehe da, ein Erfolg zeichnete sich ab, denn die Apothekerin verschwand in einen Nebenraum (diese sich endlos auftürmenden Apothekerschränke beherbergten nur den Normalbedarf) – es wurde wieder ein wenig spannend, und Robby sah sich bereits im Kreise seiner lauernden Kifferfreunde, mit denen er gemeinschaftlich dieses lupenreine Cannabis seinem ersehnten Zweck würde zuführen können. Ja, er würde sich vorkommen wie der „ehrenamtliche“ Arbeiter-Samariter an der Bremer Tafel für Trost und Schmerzlinderung. Ach, was hatte er da nicht alles zusammengeträumt in den vergangenen Nächten: Darin tauchten alle Vertreter großer gesellschaftlicher Reformen auf; er war „live“ dabei, als sich Henning bei Lenin über das rote Telefon seine Rückversicherung für schwere politische Entscheidungen holte. Dabei fühlte er sich wie ein Eingeweihter im sozialpolitischen „Poker“, also am „realen Rad der Zeit“ und „immer auf Achse“. Letztlich hatte er in seinem enttäuschungsreichen Leben eine Art Hauptpraktikum in gesellschaftlichen Fragen absolviert.
Und so stand er da am Tresen, hatte das Standbein gewechselt, und innere Anspannung zog diverse Störgeräusche von außen an. Der Rundumradar hatte einen Gesprächsfetzen ermittelt (kein Wunder, wenn da nicht Neugierige vor der Tür lauerten – gehörte er nicht gestern selbst noch dazu?). Erwartungsvoll sah er das Apotheken-„Wunderfräulein“ von der geheimen Fundgrube zurückkehren. Sein erleichtertes Patientenlächeln quittierte sie mit professionellem Pokerface, egal, die Transaktion war ja eh gleich stumpf durchgezogen, die Patientenbeitragspauschale lag bereit. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre getan, oder nahm er sich hier Privilegien heraus, vor anderen, weitaus betroffeneren: Keineswegs, er würde alles kontrolliert weitergeben.
Abends saßen sie dann zusammen im Findorffer Bunker, Robby führte eine Zeremonie durch und erlebte anschließend eine sehr harmonische Musiksession, bei der er selbst mittrommelte.
Danach sah er den Zeitpunkt gekommen, für einen nächsten Schritt in die richtige Richtung: seinen Plan, für die Cannabisplantage zu vermitteln, ganz oben auf dem Dach und unter dem Deckmantel einer kleinen Gemüseplantage zur Selbstversorgung. Schließlich wurde in Bremen das Parzellen- und Selbstversorgertum seit Wilhelm-Kaisen-Zeiten großgeschrieben.
Nach drei Runden wurde man sich einig: Der neue Stoff war rechtens und bestens, blieb aber noch immer jenen vorbehalten, welche die Kraft besaßen, es weise zu gebrauchen. Das im Seelenschmerz erwachende Volk würde noch warten müssen, vertröstet werden müssen, bis dahin würde man noch mit den staatsamtlich heuchelnden Seelentröstern kooperieren müssen. In nächster Zeit würde Robby mittels einer im Internet erstellten Liste die kirchlich-bezahlten Seelsorger testen, um sich selbst und der Welt zu beweisen, dass sich ein großer Gedanke in dieser Stadt der großen Sozialimpulse zur heutigen Zeit nur in angepasster Demut entfalten konnte.