Autor: Andreas Roemer

Robby mit dem Hut

 

Als Robert nach einer ihm endlos erscheinenden Nacht und einer durchblätterten Abendzeitung das Mehrfamilienhaus in Schwachhausen verlässt, ahnt er noch nicht, welche phantasievolle Innenreise dieser Tag für ihn bereithalten würde.
Von der gleißenden Mittagssonne gezogen, jedoch am nächsten Laternenpfahl schwankend zum Stehen kommend, schießen ihm – mittels einer verlegen linkisch angezündeten Zigarette – vereinzelt Gedankenblitze ins Gehirn: Apotheke in Schwachhausen neu eröffnet, Diskussion in der Bremer Bürgerschaft über die Legalisierung bzw. den medikamentösen Einsatz von Cannabis. Hätte er eine entsprechende Diagnose vorzuweisen, würde er diese aber auch niemals an die große Glocke hängen. Kurzerhand lenkt er seine Schritte in die vermeintliche Richtung der hier zu vermutenden alteingesessenen Apotheke, raucht schnell die Zigarette auf und schnippt diese achtlos beiseite.
Früher als vermutet – denn er fühlt sich noch relativ orientierungslos – steht er vor der noch geschlossenen Eingangstür.
Würde er nun unverrichteter Dinge umkehren, drohte häusliches Frustschlafen und der mögliche Versuch, aus purem Trotz und Zorn nachts in die Apotheke einzubrechen. Also Gefahr in Verzug, es muss jetzt gehandelt werden.
Er beginnt laut zu lamentieren, guckt, ob jemand guckt. Nichts, niemand. Oder doch: Ein Hund an einer langen Leine kommt ihm kläffend entgegen. Angewidert spuckt er aus, was ihm von der pikierten Hundehalterin Dame ein verächtliches „Sie sehen ja wohl, dass da gerade Mittagspause ist!“ einbringt. Aus purer Not, diesen kommunikativen Notfaden aufzunehmen, fragt er nach, gibt sich alle Mühe, Stil zu bewahren, ja biedert sich geradezu an, um nichtsdestotrotz von dieser wohl gutbürgerlichen Dame offenbar als gesellschaftlich zweitrangig behandelt zu werden. Somit entweicht ihm ein Stöhnen und er korrigiert und rechtfertigt sich sofort mit einem „Was wollen Sie denn?! Ich habe doch wohl das Recht, zu warten, bis hier geöffnet wird.“
Daraufhin steigert er sich ganz hinein in die Frage, welcher neue Besitzer denn da nun kommen möge, um die Apotheke aufzuschließen? Wahrscheinlich eine ziemlich eingebildete Schwachhausenerin (wieso eigentlich „Schwach“hausen?).
Na gut, das wäre doch genau die richtige Herausforderung für ihn. Er würde dann mal ganz lax anfragen, ob sie denn schon von der Cannabislegalisierung gehört habe und was sie sich von der Neueröffnung denn eigentlich verspräche. Und (da durchzuckte es ihn) ob sie schon davon gehört habe, dass nachts ja die Apotheken-Einbrecher unterwegs seien. Zu welchem er möglicherweise selbst werden könnte. Aber das würde er tunlichst für sich behalten. Die Gedanken blieben nach wie vor frei. Und er fühlte sich spontan frei, sowie dazu ermächtigt, für die Freiheit aller in diesem kapitalistischen System ausgebeuteten Bürger dieser Stadt – insbesondere für die Cannabisabhängigen – und deren freiheitliche Grundrechte einzutreten. Ein letztes Klammern an den Idealen. Robert Hut würde er sich fortan insgeheim nennen, als Anspielung auf den berüchtigten „Outlaw“ Robin Hood. Wobei er sich diesbezüglich ganz klar von einem bestimmten Teil dieser sogenannten Bürgerschaft abgrenzen würde – von den ihn umgebenden Schwachhausern. Diese hatten ja nun materiell alles zum Leben und von den wahren Werten ja eh keine Ahnung.
Und er wollte es keineswegs riskieren, sich wie auch immer geartet medial manipulieren zu lassen. Am Ende sich noch zweckentfremdet missbrauchen zu lassen. Wieso lebte er eigentlich in diesem Stadtteil? Um den Feind zu studieren? Was ihm einst in den 70ern von agitativen Vorbildern aufgetragen worden war?
Eigentlich Schnee von gestern! Er hatte ja sein Leben wohl mittlerweile ganz eigenständig aufgebaut. Das JobCenter ließ ihn in Ruhe. Die Station „Teilhabe durch Rehabilitation“ hatte er durchlaufen. Bei allen dort vermittelten Praktikumsstellen als auch den anschließenden Arbeitsbeschaffungs- und Firmenverleihstellen war er konsequent wieder rausgeflogen. Schade, da waren ein paar nette Leute dabei gewesen.
Aber volltags? Das grenzte dann doch an Zeitverschwendung. So viel Energie hatte er dann doch nicht mehr. Auch war sein jugendlicher Leichtsinn aufgebraucht. Er war nicht mehr der Jüngste. Noch wäre er wendig, geschickt und erfahren genug oder könnte Knowhow anzapfen, um spezialisierte, individuelle Aufgaben zu übernehmen – z.B. nachts in eine Apotheke einzubrechen. Und da kam ihm plötzlich eine Idee – ein richtig guter Plan: Dank seiner neugewonnenen Identität als Robert Hut würde er nach Beschaffung des passenden Doktorenhutes die Apotheke betreten und mittels eines gefälschten Rezeptes eine größere Menge Cannabis bestellen. Das Wissen für dieses Vorgehen bekäme er wohl vom „Genossen“ Apostel, der zu seinen Glanzzeiten die Psychiatrielandschaft mit fantastischen Scheindiagnosen aufgemischt hatte.
Und würde erst einmal eine große Menge reines Cannabis in dieser Apotheke lagern, würde einer dieser vermeintlichen Diebe bereits lauern, es im Schutze der Nacht zu sichern.
Und ganz in bestem ideologisch-idealistisch-korrekten Sinne würde er es alsbald an die notleidendende Bevölkerung in Gröpelingen und umzu verteilen. Er wäre der Held, der sich bereit gefunden hatte, für seine Mitmenschen Opfer zu bringen und dieser traditionell sozial-regierten Stadt endlich den ersehnten sozialen Impuls zu verleihen.