Autor:in: Anonym

Rück mir nicht auf die Pelle!

 

Wir alle haben diese Distanzzonen. Kommt einem jemand zu nahe, insbesondere eine fremde Person, ohne das wir das ausdrücklich möchten, fühlen wir uns bedrängt und unwohl. Wir weichen zurück, spannen unseren Körper an („Was kommt da auf mich zu? Gefahr?“). Ist der Platz beschränkt greifen wir zu Körperbarrieren, wie verschränkte Arme, überkreuzte Beine und abgewandte Körperhaltung um Signale der Abwehr zu senden. Wenn wir dadurch -also ohne Worte zu verwenden- ausdrücken: „Komm mir nicht zu nahe“, dann spricht man von nonverbaler Kommunikation, welche im Wesentlichen als „nichtsprachliche Informationsvermittlung“ definiert wird.

Interessant scheint mir, dass die nonverbale Kommunikation eben nicht – wie es oft geschieht – mit Körpersprache (Mimik, Gestik, Körperhaltung) gleichzusetzen ist, sondern letztere nur ein Teil dieser ist. So wie es andere Teile gibt, wie Geruch, Kleidung/Schuhe, Wohnung, Einrichtung, Auto und Distanz.

Gut, das man den Anderen vielleicht automatisch anhand der Kleidung einordnet ohne darüber nachzudenken, scheint Manchem klar (Kleider machen Leute), gleiches gilt wohl für Wohnung und Auto als Ausdruck materiellen Wohlstands (Mein Haus, mein Auto, mein Boot). Weniger bekannt sind hingegen die verschiedenen Distanzzonen, sprich Abstandsbereiche zwischen uns und anderen Menschen, die nachstehend näher beschrieben werden sollen.

Die sogenannte Intime Zone umfasst einen Bereich von ca. 50 cm und ist reserviert für Familienangehörige und Intimpartner. Dringt jemand Fremdes in diese Zone ein, reagieren wir mit Abwehrmaßnahmen, wie einleitend oben beschrieben. Verständlich, denn legen wir hier doch unsere empfindlichste Stelle frei, nämlich den Hals (Tödlicher Biss eines Angreifers in der Tierwelt).

In die Persönliche Zone (ca. 50m – ca. 1,50m) lassen wir enge Freunde, Kollegen, Verwandte. Der Grenzbereich von 1,50m entspricht in etwa einer Armlänge und ist damit auch der Mindestabstand für ein unverbindliches Gespräch, denn diese Distanz gibt uns trotz der Nähe ein sicheres Gefühl, denn bei Unsicherheit oder Gefahr kann noch eine Reaktion erfolgen. Möglich sind eigener Angriff oder Abwehr eines Angriffs sowie auch die Flucht als vielleicht gefahrlosere Variante.

Damit kommen wir auch direkt zu den beiden in Bezug auf das Sozialverhalten eher neutralen Bereichen:

Die soziale Zone (ca. 1,50m – 4m) steht für den gesellschaftlichen Abstand, sprich Kontakten zu Verkäufern, Beamten, Servicekräften o. ä.
Noch weiter den Raum erweitert hingegen die Öffentliche Zone (ab ca. 4m), als Beispiel sei der Schüler-Lehrer Abstand während des Unterrichts genannt.

Doch lassen Sie uns zu den beiden erstgenannten, körpernahen Zonen zurückkehren, denn die Grenze zu persönlicher und intimer Zone kann allzu schnell und unbedarft überschritten werden.

Kenntnis über die Abstandszonen zu haben, kann ein erster Schritt sein, unser soziales Verhalten zu verbessern, um nicht unbewusst Situationen zu schaffen, die den Mitmenschen Unwohlsein verursachen
(„Du schaust so abweisend, bin ich dir zu nahe getreten?“)

Im zweiten Schritt geht es um die Deutung von Signalen, welchen den „Grenzübertritt“ gestatten. Eine offene Haltung, Blickkontakt und ein Lächeln lassen sich als Willkommenssignale deuten (denken Sie ans Flirtverhalten oder die während eines Vortrages zu einem Herz geformten Hände Angela Merkels), analog gilt eine verschlossene, gar abgewandte Körperhaltung als deutliches Abwehrsignal, achten Sie auf Arm- und Beinbarrieren oder ein heruntergezogenes Kinn, denn dadurch werden Hals und Organe geschützt, steht jemand gar halbabgewandt oder mit dem Rücken zu Ihnen, ist er vielleicht schon fluchtbereit.

Jetzt sind wir gedanklich schon beim verwandten Thema Körpersprache und deren (Be-) Deutung angekommen, um als Aussage noch einmal festhalten zu können: Körpersprache und Distanzzonen sind Teilbereiche des nichtsprachlichen Austauschs – und wie bedeutend ein Wissen darüber in Beruf und Alltag sein kann, mag das nachfolgende Untersuchungsergebnis (Testreihe des amerikanischen Verhaltensforscher Albert Mehrabian) zeigen: Über 90% einer Kommunikation geschieht non-verbal (Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Mimik, Gestik, Kleidung, Geruch), der eigentliche Inhalt (Worte, Grammatik, Sprache) einer Kommunikation ist mit unter 10% interessanterweise sehr gering und zu vernachlässigen.
Detailliert sagt das Testergebnis aus, dass es zu 58% auf die Körpersprache ankommt sowie zu 35% auf den Tonfall. „Ah, der Ton macht die Musik“, wusste ich es doch, denn Volksmund tut Wahrheit kund, wie es so schön heißt.
Gut zu wissen also, wenn es um einen wichtigen Vortrag geht, ein Bewerbungsgespräch bevorsteht, die Zusammenarbeit mit den Kollegen zu optimieren ist oder man im privaten Bereich das Flirt- und Sozialverhalten verbessern möchte. Wie man gut bei Anderen ankommt, lässt sich also zum Teil erlernen.

Ein kleines Experiment: Achten Sie einmal in folgender Situation bewusst auf Ihr Verhalten: Das Wetter zeigt sich von seiner schlechten Seite, wochenlang anhaltende Schneefälle zwingen Sie, wie viele andere auch, Auto und Fahrrad stehen zu lassen und den Bus zu nutzen. So finden Sie sich dann wieder inmitten einer dichtgedrängten Menschenmenge eines überfüllten Transportmittels. Nichts mehr mit intimer und persönlicher Distanzzone. Nichts mehr mit Zurückweichen oder Körperbarrieren, der Platz ist einfach nicht da, steht man sehr unglücklich, ist sogar ein Festhalten unmöglich. In der Regel werden Sie jetzt noch unbeweglicher, verkrampfen, spannen die Muskeln leicht an. Vielleicht bemerken Sie auch Ihre hochgezogenen Schultern (Hals schützen) und wie Sie einen fernen Punkt fixieren; die anderen Menschen werden einfach ausgeblendet, zu „Nicht-Personen“ erklärt.

Von Außen betrachtet, müssten alle diesen verkrampfend und fixierend dastehenden Menschen einen recht merkwürdigen, gar befremdlichen Eindruck hinterlassen. Übrigens: In einem vollen Fahrstuhl (Jetzt bloß keine Winde ablassen) ist es ähnlich.

Abschließend sei noch anzumerken, dass es durchaus kulturelle Unterschiede bezüglich der Distanzzonen gibt. Für Südamerikaner zum Beispiel scheint der Begriff von einer Armlänge kaum existent, auch berühren sie ihren Gesprächspartner innerhalb einer Kommunikation recht häufig.