Autor:in: Irmgard Gummig

Samhain

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Das Feuer ist heruntergebrannt, nur die Glut leuchtet im Dunkeln und wärmt noch ein wenig meine Haut, ein paar Kerzen erhellen zusätzlich die feuchte und schimmernde Nachtluft. Der Himmel sieht auf einmal nicht mehr größtenteils wolkenverhangen aus, sondern lässt den Blick auf die Sterne zu und der Mond zeigt zusätzlich in einer Halbsichel seine Pracht.
Es ist der 31. Oktober. Samhain. Diese Nacht – das Mondfest – zu feiern hat nach keltischem Brauch die Bedeutung, den Abschied des Sommers und der Erntezeit zu würdigen und den Beginn des Winters anzuerkennen. Nach altem Brauch ist nun auch der Beginn des neuen Jahres.
Seit Wochen habe ich auch in diesem Jahr wieder auf meine Art diesen Tag für mich vorbereitet. Diese Vorbereitung fühlt sich an wie weiter leben lernen! Trotz meines etwas gestandenen Alters werden die Entwicklung und das Lernen nicht aufhören, egal wie viel ich schon getan habe.
Am Anfang meines Lebens brauchte ich die meiste Zeit und Kraft für mein eigenes Überleben, verursacht durch die schlimmen Lebensumstände. Es war keine Selbstverständlichkeit, einfach glücklich in meiner Ursprungsfamilie aufwachsen zu können, wie es hoffentlich bei andern Kindern möglich ist. Diese Zeit ist bestimmt durch Erinnerung an körperlichen Missbrauch und Gewalthandlungen innerhalb der Familie gegen mich und andere Familienmitglieder. Also habe ich notgedrungen schon sehr frühzeitig begonnen, mir sog. Überlebensstrategien zu erarbeiten, die mir trotz der widrigen Umstände halfen. Zusätzlich erinnere ich mich an den unbedingten Willen, mir so viel Wissen wie möglich anzueignen und – mal mit Schmunzeln benannt – dabei auch noch möglichst gut zu wachsen. Ich hatte es also tatsächlich geschafft zu überleben und gründete meine eigene Familie mit einem Mann und zwei wundervollen Kindern. Die gemeinsame Zeit mit dem Mann war kurz, dann ist er leider an schlimmer Krankheit gestorben. Ungewollt allein stand ich nun wieder vor allen Lebensaufgaben, und das extreme Ausmaß meines selbst auferlegten Zwangs, meine Kinder für immer zu beschützen vor jeglichem Leid, Missgunst und Gewalt, wurde wieder sehr offensichtlich. Dieses Verhalten hat mein Erleben aus der eigenen Kindheit bei mir hinterlassen. Zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens sehe ich auf viele schwere, aber vor allem schöne verschiedene Lebensabschnitte mit meinen Kindern zurück, die wir zusammen so gut wie möglich bewältigt haben. Mit Stolz blicke ich darauf und stelle fest, es scheint ganz gut gelungen zu sein. Meine Kinder sind lange erwachsen und starke, kluge Persönlichkeiten und leben aus meiner Sicht mit ihren Kindern und Partnern liebevoll und verantwortungsvoll und so glücklich wie möglich. Mit meinem Wissen von heute schaue ich auch mit mancher Wehmut auf unsere gemeinsame Zeit. Im Nachhinein denke ich, habe ich als Mutter mein Allermöglichstes getan? Oder hätte ich auch einiges anders machen können? Natürlich ist das so, im Nachhinein weiß ich das! Aber ich weiß auch, dass ich mein Möglichstes getan habe. Heute leben meine Kinder lange schon räumlich und seelisch weiter von mir entfernt, doch zu unser aller Glück sind uns das Gefühl füreinander und die Verbundenheit nicht verloren gegangen. Dafür tun wir jeder auf seine Art etwas dazu. Nach meinem Empfinden habe ich leider ein Stück weit das übergroße Misstrauen und die Vorsichtigkeit im Umgang mit anderen Menschen ein wenig an meine Kinder weitergegeben, auch die Überfürsorge kann ich immer noch nicht ganz ad acta legen. Doch gehen meine Kinder und ich immer wieder in Konfliktlösung, soweit es in unseren Kräften steht. Wir begegnen uns als erwachsene Menschen anders, liebevoll und respektvoll, wir wissen und können uns zeigen wie wichtig wir uns sind.
Meine eigene Lebensgeschichte werde ich weiterhin bis ans Ende meines Lebens bewältigen müssen. Die Beeinflussung aus dieser Zeit betrifft nicht nur mich, sondern ist auch ersichtlich im Zusammenleben mit meinen Kindern und Umgang mit anderen Menschen. Die Hinterlassenschaften oder Folgeschäden aus meiner Kindheit sind, dass ich mit einigen Handicaps im Hintergrund immer umgehen muss. So ist es trotz vieler guter Lebensjahre mit der Familie und erfolgreicher Berufsjahre keine Selbstverständlichkeit für mich, soziale Nähe und Kontakte zuzulassen. Ängste und soziophobische Verhaltensweisen erlebe ich weiter in meinem Alltag und Vertrauen zu anderen Menschen muss ich immer wieder neu für mich erarbeiten. Erinnerungen an Erlerntes und Erlebtes kann ich nicht immer selbstverständlich abrufen; bedingt durch das so benannte Krankheitsbild komplexe PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) und multiple Persönlichkeitsstörung. Zusätzliche jahrzehntelange nichtkörperlich bedingte Schlafstörungen mit Albträumen und durchgehender Umgang mit Flashbacks und Triggern im Alltag beeinflussen mein Leben weiterhin. Diese haben immer wiederkehrende Erschöpfungszustände und wiederkehrende depressive Phasen zur Folge. Mein eigener Weg ist also nicht mal einfach so zu bewältigen.
Aber heute ist immer noch SAMHAIN. Ein Tag und eine Zeit der Verabschiedung, des Innehaltens, zur Ruh kommen und neu überdenken, so interpretiere und nutze ich diese Zeit.
In der Vergangenheit meines Lebens erinnere ich mich an „in Funktion gehen“, um bestimmte Dinge zu bewältigen, an Gedächtnislücken und Ängste im Alltag. Zu früherer Zeit konnte ich nicht die Ursachen erkennen, sondern erlebte immer wieder viele mich selbst irritierende und sogar lebensbedrohliche Begebenheiten. Meine Not wurde immer größer, so dass ich mich entscheiden musste für überleben oder aufgeben. Als meine Kinder schon fast erwachsen waren, fasste ich endlich den Mut, helfende Menschen zu suchen und zu benennen, was mir als Kind passiert war und in welche Not ich immer wieder geriet.
Dann wurde es eine radikale Entscheidung, die meine ganze Lebensart veränderte. Ich war mir bewusst, dass mir nun ein neuer Abschnitt und Arbeit bevorstand, aber wollte unbedingt mehr Lebensqualität und mein Leben selbst und bewusster gestalten. Zuerst stellte ich mich meiner eigenen Realität und benannte mit großem Mut meine Kindheitserlebnisse vor Therapeuten. Dabei gelang es mir auch, Handicaps zu benennen und Zusammenhänge zu erkennen und somit schaffte ich mir die Grundlagen, etwas für mich zu verändern. Von Fachmenschen wurde mir dringend empfohlen, mein Berufsleben ad acta zu legen. Meine alte Welt brach gefühlt für mich zusammen. Da nun die eigens geschaffene Grundlage zur finanziellen Versorgung für meine Kinder so nicht mehr möglich war, musste ich es schaffen, neue Zweifel, Ängste und Scham zu überwinden. Schweren Herzens traf ich Entscheidungen und habe inzwischen im Laufe der letzten Jahre Erwerbsunfähigkeitsrente und Schwerbehindertenstatus und Pflegestatus zur Unterstützung für meinen Heilungsweg für mich akzeptiert. Meine Kinder waren inzwischen erwachsen geworden und befürworteten meine Entscheidung für diesen Weg sehr. Auch ohne Berufstätigkeit hörte mein Leben nicht auf, wie ich es befürchtet hatte. Eine andere Form der Arbeit ging für mich weiter und ich begann, mich neu zu orientieren. Meiner eigenen Kraft zu vertrauen und Grundlagen für ein besonderes Überleben zu sehen, das sah ich zuerst trotz aller Verzweiflung. Aus der Erinnerung brachte ich Wissen über Verbindung mit Zahlen und Klängen mit; und daraus das Gelingen, Vertrauen in mich selbst haben zu können und darüber auch den Zugang zu anderen Menschen zu schaffen. Dieses und mein schon immer leidenschaftlicher Umgang mit Worten führte meinen Weg in die Villa Wisch zum Singen und Musizieren und in die zwielichtige Redaktion. In diesem gefühlt relativ sicheren Umfeld erarbeite ich mir immer wieder aufs Neue Vertrauen in mich selbst und Vertrauen in andere Menschen haben zu können. Es ist ein fortwährender Lernprozess, und ganz bewusst bleibe ich im Kontakt, um Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden und etwas Gutes für mich zu tun. Während der gemeinsamen Musikstunden Freude und Vertrauen erleben ist etwas Besonderes, wie ein Geschenk. Bei meiner Arbeit im Zwielicht ist es mir ein Anliegen, wichtige Dinge zu benennen und zu teilen und ich habe dort eine Möglichkeit, dieses umzusetzen. Zusätzlich schaffe ich mir wiederum Grundlagen für weitere Aktivitäten im Alltag. Erlerntes Vertrauen umzusetzen, gezielt den Umgang mit Ängsten und sozialen Handicaps zu verändern schafft mir die Möglichkeit, mich zu zeigen wie ich bin und alte Muster aus der Vergangenheit wie Scham- und Schuldgefühle zu durchbrechen.
Aber es ist immer noch SAMHAIN und somit komme ich bei mir und der Bedeutung dieses Tages für mich an. Dieser Tag heute ist eine weitere Überlebensstrategie; aber auch weiteres Schaffen von besserer Lebensqualität. Mit Schmunzeln muss ich an die Worte des Freundes denken, der sagt: „ …und du sagst, du bist Atheistin und nicht gläubig, das sieht für mich anders aus.“ Ja, ich glaube, inzwischen benenne ich es für mich so: zuerst endlich an mich selbst und daran, dass ich ein wertvoller Mensch bin. Ich glaube und erlebe, dass ich die Veränderung meines eigenen Weges und die persönliche Arbeit der letzten Jahre richtig gewählt habe und sie sich endlich auszahlt. Es ist Erntezeit für mich; wie Erntezeit in Verbindung mit den alten Bräuchen. Ich ernte die Früchte meiner Arbeit, indem ich mich für diesen Tag besonders vorbereite und alle mir wichtigen Menschen in meinem Leben bewusst in Erinnerung rufe. Ohne schlechtes Gewissen entwickle ich für mich einen Anspruch darauf, mich gut zu fühlen und Freude erleben zu können, Vertrauen und Liebe empfinden zu dürfen. Zu früheren Zeiten lebte ich oft gefühlt wie auf einem Turm der Rapunzel, ich habe mich selbst abgeschirmt und war scheinbar sicher, so dass ich möglicherweise von niemandem verletzt werden konnte. Ich erlaube mir selbst, zu fühlen, dass mir Beziehungen zu anderen Menschen wichtig sind, weil ich erlebe, wie es mein Leben bereichert. Zusätzlich schaffe ich heute an SAMHAIN rituell Verbindung mit Menschen meines Ursprungs. Da ist die Mutter. Dieses Wort kann ich oftmals nicht ohne seelischen Schmerz über die Lippen bringen wegen Erlebtem mit ihr; dieser Zustand verursachte mir schon oft Identitätskrisen. Das einzig gebliebene Foto von ihr rückt heute aber ein wenig näher. Rituell kommt eine angenehm duftende Kerze dazu, die mir meine Kinder schenkten. Über diese rituelle Brücke erlaube ich mir, eine für heute friedliche Verbindung zu meinem eigenen Ursprung zu bewältigen und die weiteren Familienbande zu sehen. Über Ähnlichkeiten bei meinen Geschwistern, Kindern und Enkelkindern, bei denen ich früher erschrocken war, diese zu erkennen, kann ich heute manchmal schon schmunzeln. Damit lasse ich heute die Verbindungen zu, denn es sind trotz aller seelischen Schmerzen Tatsachen ohne die ich nicht existieren würde. Dankbarkeit bezüglich der Herkunft? Nein, die gibt es nicht, allenfalls Akzeptanz. Aber das ist ja auch schon mal etwas auf meinem Weg, inneren Frieden für mich selbst zu schaffen.
SAMHAIN ist es also. Dieser Tag nun, diese Nacht – ich nutze die Zeit wieder einmal, um mir friedlichen Umgang mit diesen Zusammenhängen und Selbstbewusstsein und Vertrauen in mich selbst zu erlauben. Die Vergangenheit kann das Gefühl heute einmal nicht schmälern, in Frieden mit mir selbst zu sein. Rituale sind eine Strategie, die ich für mich zu nutzen gelernt habe und das rituell entfachte Feuer spendet heute Wärme von außen und stärkt die Kraft friedlicher Gedanken. Ja ich glaube; daran, dass mein Weg noch lange nicht zu Ende ist und viele Möglichkeiten bietet. Ob in der Musiktherapie am heutigen Nachmittag oder mit diesem schönen Abend, Verbindungen schaffen und Gutes fühlen ist ein Geschenk, das ich bis ans Ende meines Lebens immer weiter für mich leben möchte.
Trotz alledem.

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