Autor:in: Jacqueline L.

Sommer Blues

 

Es ist gerade einmal Januar und ich habe schon jetzt Angst vor dem Sommer… so wie jedes Jahr. Schaffe ich es bis zum Sommer, meiner Idealvorstellung zu entsprechen, so dass die ersten warmen Tage mir keine Schauer über den Rücken jagen? Und so viel sei gesagt, es sind keine wohligen Schauer. T-Shirts sind nicht zuletzt wegen der selbst zugefügten Narben ein Graus. Schon als Teenager habe ich im Hochsommer lange Ärmel getragen. Was hätten bloß die anderen Menschen gesagt? Und Kleider, kurze Hosen? Nicht auszudenken! Destruktive Gefühle wie Selbstablehnung, Ängste, aber auch Depressionen sind für mich keine neuen Erfahrungen, denn sie begleiten mich schon seit 15 Jahren. Allerdings bemerkte ich in den Sommermonaten, jedes Jahr aufs Neue, eine drastische Verschlechterung meines Zustandes, bezogen auf die Stimmung, meine Selbstwahrnehmung und den damit verbundenen Selbstwert. Verließ ich als Teenager das Haus und die Sommersonne lachte über mir, hatte ich schon verloren – meine Stimmung nahm einen desolaten Zustand an, und mir war jeden Tag erneut zum Weinen zu Mute. Am liebsten hätte ich das Haus gar nicht mehr verlassen. Man kann wohl sagen, dass ich mir schon immer eher kritisch gegenüberstand. Nicht nur meiner äußeren Erscheinung gegenüber, sondern meinem ganzen ,,Ich“. Bereits als kleines Mädchen fing ich an, mich zu vergleichen. Und leider tue ich es auch heute noch. Schon damals entstand die Grundannahme, dass ich nur dann hübsch, aber vor allem liebenswert sei, wenn ich möglichst ,,perfekt“ wäre. Diese Grundannahme hält bis heute an und das ist die eigentliche Tragödie, denn man versagt sich dadurch sehr viel. Und obwohl man sich der Tatsache bewusst ist, dass diese Annahme nicht der Realität entspricht, hält sie sich hartnäckig und nimmt Einfluss auf viele Bereiche des Lebens. Die Selbstablehnung und die Scham über dieses und jenes saßen und sitzen tief. Und gerade im Sommer schienen sie mich doppelt heimzusuchen. Natürlich fragte ich mich zunehmend, ob nur ich mit diesen Gefühlen und Gedanken zu kämpfen hatte, da meine Familie, Freunde und Lebenspartner im Sommer immer fröhlich und unbeschwert wirkten. Dass der allgemeine Tenor im Sommer ohnehin lautet, dass ein jeder ,,happy and full of life‘‘ sein muss, machte es für mich noch schwerer und ich fühlte mich sehr alleine, beinahe isoliert. Dennoch versuchte ich gute Miene zum bösen Spiel zu machen und bestätigte jedem, der es hören wollte, wie froh ich sei, dass nun endlich wieder Sommer wäre. Äußerte ich meine wahren Gefühle, erntete ich verständnislose Blicke und Kommentare. Es war eine Mammutaufgabe, den gesamten Sommer über Selbstzweifel und Selbstablehnung wegzulächeln und ,,fröhlich“ zu sein. Und tatsächlich habe ich gelesen, dass es nicht nur mir, sondern auch anderen Frauen so gehen soll, was mir für einen Moment kurz Erleichterung verschaffte, da ich anscheinend nicht völlig unnormal zu sein schien. Ich bin also nicht alleine damit… soweit so gut. Aber keine dieser Frauen schien sich in meinem Freundeskreis zu befinden. Also doch wieder alleine. Und so stellte ich mir Jahr für Jahr, unter hohem Leidensdruck, immer wieder dieselbe Frage: Wie kann ich meiner Angst vor dem Sommer und meiner Sommer-Depression entgegenwirken? Wie schaffe ich es im Allgemeinen, mich mehr anzunehmen und, neudeutsch, dem ,,Self-Bashing“ ein Ende zu bereiten? Denn es geht im Grunde nicht nur um Äußerlichkeiten. Es geht darum, dass man sich selber annimmt und nicht sein eigener größter Feind ist. Und das ist es, was ich für mich war und immer noch bin. Ein Feindbild. Selbstverständlich gibt es hochkompetente Zeitschriften, die einem sagen, dass man wunderbar und liebenswert ist, ohne sich verändern zu müssen. Allerdings teilen sie einem fünf Seiten später auch mit, wie man innerhalb kürzester Zeit die perfekte Bikini-Figur erreicht. Und es gibt natürlich auch unzählige Selbsthilfebücher zum Thema Selbstwert und Selbstliebe. Und ja, auch mit diesen Ratgebern habe ich mich eingehend auseinandergesetzt. Da ich, trotz angewandter Ratschläge, nicht verstand, wieso ich mich nicht verdammt nochmal einfach lieben konnte oder mich fragte, wann genau ich den ,,Durchbruch“ schaffen würde, wurde ich zunehmend frustrierter. Und ich möchte nicht lügen… ich kenne die Lösung bis heute nicht. Ich weiß nicht, wie man den Kern, der unter Selbstzweifeln, Selbstablehnung und schmerzhaften Erfahrungen begraben ist, freilegt. Vermutlich ist es ein langer Prozess. Aber ich schaffe es mittlerweile, mir auch mal gut zuzureden und manchmal schaffe ich es sogar, negative Gedanken und schmerzhafte Gefühle beiseite zu schieben oder wenigstens auszuhalten. Im letzten Sommer bin ich nach 12 Jahren das erste Mal wieder schwimmen gegangen. Und ich konnte es tatsächlich genießen. Ich glaube, die Sehnsucht und der Wunsch am Leben teilzunehmen waren am Ende größer und lauter als meine eigenen Selbstzweifel und die Angst vor der Ablehnung anderer. Und vielleicht ist das schon ein kleiner Anfang. Anmerkung: Was mir in schwierigen, unangenehmen Situationen hilft, sind sogenannte Affirmationen wie z.B.: Was auch immer heute passiert, morgen ist ein neuer Tag. Ich gehe Schritt für Schritt auf mein Ziel zu und bin schon weit gekommen. (Dabei denke ich immer an die besonders schlimmen Krisen meines Lebens und fühle mich im Hinblick auf das Hier und Jetzt gleich viel stärker.)