Autor: Monika Rosada

Ein Sechser im Lotto? Oder eine Niete?

 

Psychotherapie – die neuen Richtlinien seit dem 01. April 2017

Eine leidvolle Geschichte über die Suche nach einer Therapeutin/einem Therapeuten

 

Ich muss zunächst sagen, dass ich es schon ziemlich schräg finde, dass ich zwar während meines Klinikaufenthaltes aufgefordert worden bin (wie alle anderen Patienten auch), mir nach Möglichkeit schon währenddessen einen Therapeuten für die Zeit nach der Klinik zu suchen. Es wird aber vorausgesetzt, dass man jederzeit auch in das Internet gehen kann, um überhaupt an die entsprechenden Listen zu kommen und da hilft es nicht, wenn man auf seinem Zimmer ein Telefon zur kostenfreien Nutzung hat. Noch schlimmer ist es, wenn – wie in anderen Kliniken – es nur ein „Flurtelefon“ für alle gibt. Wie soll man da in Ruhe irgendeine Liste abtelefonieren? Selbst in Zeiten des Handys: es hat nachwievor nicht jeder ein Handy bzw. wenn doch, hat nicht jeder eine Flatrate.
Hilfreich wäre gewesen, entsprechende aktuelle Listen in der Klinik vorzuhalten. Obwohl wir nun auf unserem Zimmer ein Telefon hatten, war es kaum möglich, es zu nutzen, denn Therapeuten erreicht man für gewöhnlich zu den Zeiten, in denen wir in Therapien stecken und somit gar keine Zeit haben zum Telefonieren. Ich hatte – dachte ich – Glück. Durch eine Empfehlung durch eine Mitpatientin habe ich auf Anhieb einen Termin bei einem Therapeuten bekommen. Ich war schon sehr froh, dass ich mich nicht mehr kümmern musste. Bis zu dem Tag als es das Entlassungsgespräch gegeben hat…… Meine Therapeutin hat mir empfohlen, mich um eine Verhaltenstherapie zu kümmern. Tja, da saß ich nun und habe mit mir gehadert. Aus der Klinik war es nicht möglich, mich damit weiterhin auseinander zu setzen. Als ich zu Hause war, habe ich in der zweiten Woche nach der Entlassung meine Krankenkasse aufgesucht. Ich habe nach einer Liste für Verhaltenstherapeuten gefragt und wollte wissen, ob es welche gibt, die auch traumaorientiert arbeiten würden. Eine zufriedenstellende Antwort habe ich nicht erhalten.

Insgesamt gibt es lt. Suchmaske der kassenärztlichen Vereinigung 390 Therapeuten, Kinder- und Jugendtherapeuten eingeschlossen, davon sind nur 89 Verhaltenstherapeuten. Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin und Psychotherapie muss man gesondert suchen. Warum? Trauma-Therapeuten sind nicht extra ausgewiesen, die muss man auch separat suchen! Ich suche weiter im Internet und finde dort auch noch Therapeuten, die nicht in diesen Listen aufgeführt sind. Warum nicht? Die Listen der kassenärztlichen Vereinigung und die meiner Krankenkasse unterscheiden sich. Warum? Muss nicht jeder zugelassene Therapeut in beiden Listen auftauchen? Oder arbeitet eine „Organisation“ langsamer als die andere. Warum ist es so kompliziert? Wenn es mir nicht gut geht, bin ich kaum imstande, mich zur Krankenkasse hin zu bewegen bzw. Anrufe zu tätigen, um Aufklärung zu erlangen, wie das alles vor sich geht. Durch Zufall stoße ich auf der Seite der kassenärztlichen Vereinigung auf eine Liste mit Sprechzeiten der Therapeuten. Leider ist diese Liste nicht fehlerfrei. Die alphabetische Ordnung ist zwischendrin nicht mehr gegeben…. und es sind nicht alle Therapeuten aufgeführt, die es im Lande Bremen mit Kassensitz gibt. Diese Liste der telefonischen Erreichbarkeit hat 23 Seiten. Einige Therapeuten tauchen doppelt mit unterschiedlichen Adressen auf, offenbar teilen diese ihren Kassensitz.
Ich habe also von meiner Krankenkasse 10 Seiten von Verhaltenstherapeuten mitbekommen, zusätzlich habe ich noch die dazu gefügt, die ich im Internet gefunden habe. Somit habe ich vor mir eine Liste von 100 Verhaltenstherapeuten. Wie gehe ich jetzt vor? Erst habe ich zwei, drei Therapeuten angerufen und festgestellt, dass es hilfreich wäre, diese ‘Sprechstunden/-zeitenliste’ der kassenärztlichen Vereinigung herunter zu laden, damit ich weiß, wen man wann erreichen kann. Oh Schreck! Jeder an einem anderen Tag, zu unterschiedlichsten Zeiten…… diese Unübersichtlichkeit stresst mich. Ich schreibe zu jedem Therapeuten die entsprechenden Uhrzeiten der Erreichbarkeit auf, dann mache ich mir für jeden Tag eine eigene neue Liste, geordnet nach Uhrzeiten, wann wer zu erreichen ist. Ich notiere meine vergeblichen Anrufe, notiere wann ich auf den AB gesprochen habe. Stelle immer wieder fest, dass die angegebenen Sprechzeiten der kassenärztlichen Vereinigung bei dem einen oder anderen Therapeuten nicht mehr stimmen. Notiere neue Zeiten, die mir der ‘Anrufbeantworter’ des jeweiligen Therapeuten nennt. Zu den angegebenen Sprechzeiten habe ich oftmals überhaupt keinen erreicht. Was heißt das eigentlich? Es werden nur pro forma Stunden vorgehalten? Je länger ich mich damit auseinandersetze, umso mehr merke ich, wie mich diese neue Richtlinie ärgert. Vorhalten müssen die Therapeuten 200 Minuten/Woche (100 Minuten/Woche bei halbem Sitz) Telefonsprechstunde und 100 Minuten/Woche (50 Minuten/Woche bei halbem Sitz) Sprechstunde. Diese Zeiten, die sicherlich die Therapeuten von ihrer bereits knappen Zeit abzwacken müssen, könnten rein theoretisch besser dazu dienen, zusätzliche Patienten aufzunehmen. Bei 300 Minuten/Woche könnte jeder Therapeut mindestens zwei neue Patienten ‘versorgen’. Nein, geht aber nicht, weil die Therapeuten gar keine zusätzlichen Zeiten haben, sondern noch von ihren vorhandenen Zeiten die Sprechzeiten und -stunden vorhalten müssen! Ist doch verrückt. Wem will man eigentlich was vormachen? Welche Politik steckt dahinter? Mich macht es wütend. Es ist Augenwischerei. Die Patienten werden für dumm verkauft.
Meine Erfahrungen gehen also weiter… ich sitze jeden Vormittag mindestens vier Stunden am Telefon, manchmal auch an den Nachmittagen. Der Erfolg ist oft gleich Null. Frustrierend! Ich spreche mit dem AB, wenn es denn geht. Ich habe damit kein Problem, aber ich kenne Menschen, die können nicht auf einen Automaten sprechen. Es gibt aber auch Therapeuten, die ausdrücklich darauf hinweisen, dass es nicht gewünscht ist, als neuer Patient auf den AB zu sprechen. Somit verbringe ich also eine Menge Zeit entweder mit einem Besetztton oder einem ewigen Freizeichen oder aber mit dem Anrufbeantworter. Ich habe in den ersten drei Wochen wohl 80 Therapeuten angerufen, mit unterschiedlichstem Erfolg. Von den bis dahin telefonisch erreichten, haben mir nur vier einen Termin für eine Sprechstunde angeboten. Die Sprechstunden sollen zur Orientierung und Diagnostik beitragen. Ich habe die vier Therapeuten aufgesucht.Vorgeschrieben ist, dass die Therapeuten ein Formular über die Sprechstunde ausfüllen müssen und dem Patienten aushändigen sollen. Ich habe von zwei Therapeuten dieses Formular erhalten, von den anderen beiden habe ich lediglich ein Merkblatt erhalten, was Therapie ist, wie sie beantragt wird und welche Formen von Therapie es gibt. Mehr als die Sprechstunde konnten mir die Therapeuten allerdings nicht anbieten. Also heißt es, weiter telefonieren. Ein Therapeut hat gesagt, wenn ich es schriftlich von der Kasse bekommen würde, dass er keinen Bericht schreiben müsse für die Kurzzeittherapie, dann würde er mich nehmen, ansonsten hätte er keine Zeit dafür. Ich habe tatsächlich bei der Kasse nachgefragt…… die Antwort: „Das kennen wir schon, die Therapeuten wollen sich vor dem Berichte-Schreiben drücken.“. So, damit wäre das Thema also auch durch. Es gab noch einen weiteren Therapeuten, der mich das auch am Telefon gefragt hat. Ein anderer hat mir einen Termin zum Erstgespräch in einen halben Jahr angeboten….. Ich habe dann auch den Tipp bekommen, mich an das IPP (Institut für Public Health und Pflegeforschung) und an das NIVT (Norddeutsches Institut für Verhaltenstherapie e.V.) zu wenden. Beim IPP habe ich relativ kurzfristig einen Termin für eine Sprechstunde erhalten, aber es gibt Wartezeiten von sechs bis acht Monaten. Beim NIVT sehen die Wartezeiten ähnlich aus, allerdings gibt es bei diesem Institut noch eine andere Schwierigkeit. Man muss so eine Art Bewerbungsbogen herunterladen und ausgefüllt an das Institut zurücksenden. Erst mit Eingang dieses Schriftstückes gelangt man auf die Warteliste. So lange kann und will ich nicht warten. Alle anderen Therapeuten haben mir gar kein Erstgespräch angeboten. Tenor ist gewesen: „Ich bin voll auf nicht absehbare Zeit“. Nur 12 Therapeuten haben mich auf die Warteliste genommen. Alle anderen überlassen mich meinem Schicksal.
Was ist denn an dieser Richtlinie/Reform so viel besser? Gar nichts! Es soll den Patienten glauben machen, dass sie ernst genommen werden und das etwas an dem System getan wird. Ich bin ja schon gespannt, wie die Auswertung der Therapeuten im April 2018 aussehen wird, die Herr Schrömgens (Präsident der Psychotherapeutenkammer Bremen) angekündigt hat. Wie viel ist davon nachzuvollziehen und wahr? Für meine Begriffe ist das nicht die Lösung des Problems, eher das Gegenteil, es verschärft die Situation nur noch. Es müssen mehr Therapeuten zugelassen werden. Solange die Institutsambulanzen mit auf die niedergelassenen Sitze angerechnet werden, verzerrt das den wirklichen Bedarf an Therapeuten.
Ferner möchte ich es auch nicht unerwähnt lassen, dass eine Suche fast unmöglich ist, wenn jemand in der Krise steckt. Derjenige sucht sich womöglich nicht den für ihn besten Therapeuten aus, sondern greift zum erstbesten, der ihm einen Termin anbieten kann. Das kann nicht Sinn der Sache sein. Wenn Therapie einen Nutzen haben soll, muss es auch zu jedem Individuum einen passenden Therapeuten geben, und die Zeit und die Kraft diesen zu finden, muss ein Patient erst mal aufbringen können. Es muss doch möglich sein, so etwas besser zu koordinieren? Ich stelle mir vor – so soll es in Teilen Süddeutschlands sein – dass es eine Stelle gibt, bei der alle Informationen zusammenfließen. Jeder Therapeut gibt seine freien Kapazitäten dort an und seinen Schwerpunkt. Der Patient muss dann nur diese eine Stelle anrufen und dort wird einem ein Therapeut vermittelt (ähnlich gedacht ist es ja für die Vermittlung über die kassenärztliche Vereinigung. Nur diese Art der Vermittlung kritisiere ich, weil nicht geguckt werden kann, ob Therapeut und Patient auch zusammenpassen bzw. ist der Patient überhaupt in der Lage, die Wege auf sich zu nehmen. Außerdem darf man nur zweimal ablehnen.), der erst mal die Kriterien erfüllt, die der Patient sich wünscht. Dann kann man schauen, ob es passt. Wenn nicht, dann ruft man diese Stelle wieder an und erfragt, den nächsten freien Therapeuten. Das kann doch nicht so schwer sein, so etwas zu organisieren. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen, die eigentlich hilfebedürftig wären, keinen Therapieplatz haben, aus genau den Gründen. Sie haben nicht die Kraft und die Energie, die es kostet, jeden Therapeuten anrufen zu müssen, sie fühlen sich nicht in der Lage, 30, 40 oder 50 Mal ihre Geschichte zu erzählen. Was passiert mit diesen Menschen? Das System muss vereinfacht werden! Geld ist da, es wird nur an den falschen Stellen aus dem Fenster geworfen. Und nochmal, es kann nicht so kostspielig sein, dieses System der Therapeutenfindung zu vereinfachen!

Übrigens: Kurzzeittherapien müssen binnen drei und Langzeittherapien binnen fünf Wochen von den Krankenkassen genehmigt werden.

Im Dezember 2017 habe ich „meinen“ Therapeuten gefunden, bei dem die „Chemie“ stimmt! Und ich bin eher zufällig auf ihn aufmerksam geworden.

Ich wünsche allen, die auf der Suche sind, viel Geduld, Kraft und Ausdauer. Psychotherapie ist zu wichtig, als dass man den erstbesten Therapeuten nimmt!

Stand: Nov./Dez. 2017

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