Autor:in: Sonja Kinzler

Thomas Melles Roman „DIE WELT IM RÜCKEN“: Eine Leseerfahrung und empfehlung

 

Von dem Buch, das 2016 bei Rowohlt Berlin erschienen ist, hatte ich im Vorfeld gehört, dass es richtig gut sei: gute Literatur und eine gute Umsetzung eines wichtigen Themas. Die Geschichte dreht sich darum, wie der Erzähler erlebt, dass er bipolar durchs Leben geht und wie er damit umgeht. So wie ich es verstanden habe, ist das Buch recht autobiografisch – der Autor erzählt also im Wesentlichen über sich selbst. Es hat daher etwas von einem Outing, und das macht es zu einem wichtigen gesellschaftlichen Beitrag.

Gelesen habe ich „Die Welt im Rücken“ vor ein paar Wochen in einem Rutsch: im Zug nach Dresden, dort abends im Hostel, im Zug zurück. Warum auf dem Klappentext steht, es sei passagenweise irre komisch, ist mir schleierhaft. Die Ausweglosigkeit, die Depressionen, das Anecken, die körperliche Last, die Melle beschreibt, fand ich richtig bedrückend. Der einzige Trost schien mir, dass von vornherein klar ist, hier schreibt jemand, der sein Leben – fürs Erste jedenfalls – trotzdem meistert, auch mithilfe von Freundinnen und Freunden. Vielleicht kann das Buch bipolaren Menschen Mut machen? Mir hat es etwas anderes gebracht: viel Einblick und die Möglichkeit, ein wenig mit nachzuvollziehen, wie der Weg in eine manische (oder depressive) Phase aussehen kann. Ich habe zwar einen bipolaren Freund, aber den sehe ich selten, weil er weit weg wohnt. Und irgendwie hat man ja schonmal (in Büchern? in Filmen?) aufgeschnappt, dass Leute sich zum Beispiel für Napoleon halten. Da wurde das aber eher lächerlich gemacht. Jetzt weiß ich, dass es das nicht ist.

Einen Aspekt mochte ich an dem Buch zunächst nicht: Es fallen viele prominente Namen, unter anderem aus der deutschen Literaturszene. Da dachte ich mir immer wieder, ach, den Namen hast Du schon mal gehört, wer war das noch – und kam mir etwas doof vor. Da die ganze Geschichte aber voll ist mit Persönlichkeiten, mit denen der Erzähler sich in reale, irreale und auch surreale Beziehung setzt, sehe ich das jetzt anders: So wie der manische Erzähler nicht überblickt, welche Promis welche Rolle in seinem Leben spielen, so bleibt für mich als Leserin auch unklar, mit wem er realistischer Weise zu tun hat und mit wem nicht.

Fazit: Was „Die Welt im Rücken“ mir erzählt, ist mir letztlich fremd geblieben, die beschriebenen Erfahrungen teile ich nicht – worüber ich überwiegend sehr froh bin. Die immer wieder recht befremdliche Weltsicht hat aber meinen eigenen Blick auf die Welt bereichert und mir viel über Bipolarität beigebracht.